Über das Drama der Beziehungen zwischen dem deutschen Kanzler Helmut Schmidt und dem US-Präsidenten Jimmy Carter in den Jahren 1977 bis 1980 ist schon viel geschrieben worden – von den unmittelbar Beteiligten ebenso wie von Historikern und Politikwissenschaftlern. Letztere führen die Konflikte zwischen den beiden meist auf die Unterschiede in Herkunft, Politikverständnis und Wertehorizont zurück. Dies alles ist auch in Klaus Wiegrefes Buch zu finden. Aber er versucht, tiefer zu pflügen.

Auf einer breiten Quellengrundlage, darunter Interviews mit vielen Zeitzeugen, widmet er sich intensiv den unterschiedlichen innenpolitischen, wirtschaftlichen und mentalen Rahmenbedingungen. Diese seien im "goldenen Zeitalter" der beiderseitigen Beziehungen während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte "irrelevant oder von untergeordneter Bedeutung" gewesen. Dem kann man insoweit zustimmen, als die außenwirtschaftliche Abhängigkeit der Bundesrepublik seit der Dollarkrise und den Ölpreiskrisen erheblich gewachsen war. Dies hatte zur Folge, dass Bonn beim Brasiliengeschäft Exportinteressen höheres Gewicht beimaß als den von Washington betonten Proliferationsgefahren. Es erklärt auch, weshalb die USA unter Carter den weiteren Kursverfall des Dollars auslösten und danach billigend in Kauf nahmen, während Schmidt zur Stabilisierung drängte. Wiegrefe hat die historisch tief eingeschliffene Inflationsangst der Deutschen und die daraus resultierende Wirtschaftspolitik Bonns in einem "engen Korridor aus angebots- und nachfrageorientierten Elementen" gut herausgearbeitet. Die Carter-Administration verfolgte hingegen keynesianische Konzepte.

Unter Carters Beratern kannte keiner Deutschland näher

Aber Dollar- und Ölpreiskrisen gab es auch schon vor Carters Amtsantritt. Lag die Wurzel der Konflikte zwischen Schmidt und Carter doch mehr im Persönlichen? In dem zu penetranten Gestus Schmidts als praeceptor mundi, dem sich Carter verschloss? Zehrte er doch als Baptist aus dem amerikanischen Süden von der Erfahrung der 1966 erlebten moralischen Wiedergeburt, aus der heraus er auch den Führungsanspruch der USA neu begründete? Gravierender war, dass Carter unter den Beratern der ersten Reihe keinen hatte, der Deutschland kannte. Sonst wäre es zum Beispiel nicht geschehen, dass im Sommer 1976, als Carter zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, der deutsche Botschafter im Hauptquartier der Demokraten wochenlang vergeblich um einen Termin für ein Gespräch des deutschen Kanzlers mit Carter nachsuchte. Da dieser Vorgang dem Autor verborgen geblieben ist, lastet er den "Fehlstart" in den Beziehungen beider einseitig Schmidt an. Hatte dieser doch danach, von amerikanischen Medien befragt, die gute Zusammenarbeit mit dessen Gegenkandidaten, dem amtierenden Präsidenten Gerald Ford, gelobt.

Also Stolz und Vorurteil schon, bevor es anfing? Solche Gefühle erhalten ihr Gewicht, wenn sie sich in Form von Erfahrungen in Sachkonflikten wiederholen. Carter gelang es auf mehreren Feldern – von der Energiepolitik bis zu SaltII – nicht, im Kongress genügend Zustimmung für seine Vorhaben zu mobilisieren. Im September 1979 bat er vertraulich Schmidt um Hilfe. Dieser sollte eine Reihe von Senatoren davon überzeugen, welch ernsthafter Schaden die Zurückweisung von SaltII für die Zukunft des Nato-Doppelbeschlusses und die Sicherung des Weltfriedens haben würde. Schmidt schickte die erbetene "starke Botschaft" umgehend, machte sich aber einmal mehr seinen Reim darauf.

Diese und andere Erfahrungen bestärkten Schmidts Urteil über Carter. Überhaupt litt er als Regierungschef einer Mittelmacht darunter, dass er es in Moskau mit einer Führung zu tun hatte, die mehr und mehr ideologisch versteinerten Mumien glich und in Washington mit insgesamt vier Präsidenten. Bei zwei von ihnen – Carter und Reagan – klafften, zumindest anfangs Führungsanspruch und -fähigkeit erheblich auseinander. Dieser Aspekt wird in diesem Buch vernachlässigt. Gleichwohl handelt es sich um einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre.