Berlin

Sozialdemokratisch ist akzeptiert, linker darf man nicht sein. Fremde Heere Ost. Punkt. Kein Entgegenkommen. Das ist die Demarkationslinie." Lothar Bisky sitzt in seinem Büro neben dem Reichstag, hinter ihm lehnt ein Bild seines Sohnes Norbert, der ein gefragter Maler ist. Viermal ist der PDS-Vorsitzende Bisky zur Wahl des Bundestagsvizepräsidenten angetreten, viermal fiel er durch. Jetzt ist er einfacher Abgeordneter. "Normalisierung?", sagt er, "ich werde das nicht mehr erleben." Er klingt nicht verbittert, eher müde.

"Demarkationslinie: eine nur vorläufige Abgrenzung von Hoheitsgebieten, die völkerrechtlich keine Staatsgrenze bildet" (Brockhaus). Gibt es eine Demarkationslinie zwischen der Linkspartei und den etablierten Parteien im Bundestag, etwas, das die PDS/WASG, die sich als Fraktion Die Linke nennt, grundsätzlich von "den anderen" unterscheidet, eine ausgesprochene oder unausgesprochene Trennlinie?

"Ich glaube nicht", sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Begriff sei ein "bisschen zu heftig". Er selbst habe Bisky viermal gewählt, am Ende hat es trotzdem nicht geklappt. Lammert bedauert das, aber er empfiehlt, die Sache nicht überzubewerten. Na ja, sagt sein Kollege Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, immerhin sei Tatsache, dass die Linke sich bewusst in die Kontinuität der SED gestellt habe, einer Partei, die das Unrechtssystem DDR betrieben habe. Das sei "unter Demokraten schon eine Belastung". Röttgen ist 40 Jahre alt, er stammt aus Nordrhein-Westfalen, wo die Republik am westlichsten und die DDR fast so weit weg ist wie Polen. Er teilt den instinktiven Antikommunismus, der auch 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zum geistigen Mobiliar seiner Partei gehört.

"Demarkationslinie? Wie kommen Sie denn auf so was?", ruft Wolfgang Thierse entrüstet. Solches Denken, solche Begriffe entsprächen bloß "deren Sucht nach einer Märtyrerrolle", sagt der frühere Bundestagspräsident von der SPD, der seinen Wahlkreis gerade gegen einen PDS-Herausforderer verteidigt hat. Demarkationslinie, das sei die Grenze zwischen BRD und DDR gewesen, die aufgezwungene Abtrennung Ostdeutschlands. Die Geschichte der Linkspartei, ihre Zusammensetzung, die mache die Linkspartei zu etwas anderem, aber doch nicht die Ausgrenzung durch die anderen!

In der vergangenen Legislaturperiode war die PDS mit zwei Abgeordneten vertreten. Im Wahlkampf dann war die neue "Linkspartei" aus PDS und westdeutscher WASG eine schwer kalkulierbare Zahl in den Umfragen und eine vage Drohung, vor allem für die SPD. Nun ist das Tortendiagramm aus den Umfragen und Hochrechnungen anschaulich geworden, 54 Abgeordnete sitzen links von der SPD als zweitgrößte oder zweitkleinste Oppositionspartei, je nachdem, wie man es sehen will. Es gibt noch nicht viele konkrete Erfahrungen miteinander auf Bundesebene, der Bundestag und die Ausschüsse haben sich gerade erst konstituiert. So wird der Umgang einstweilen von individuellen Erfahrungen und kollektiven Mutmaßungen über die anderen bestimmt. Und davon, dass einer der ersten Versuche, Alltäglichkeit zu proben, mit einem kleinen Eklat endete, der Nicht-Wahl Biskys. Unter den neuen Linken sind viele Altbekannte: PDS-Politiker wie Gregor Gysi, die schon früher im Bundestag saßen, West-Promis wie die frühere Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks, Luc Jochimsen, der Bundesrichter Wolfgang Neskovic, Ex-Gewerkschafter wie Klaus Ernst, ehemalige SPD-Genossen wie Ulrich Maurer und natürlich Oskar Lafontaine. Ein bunter Haufen. Schwer, daraus eine kollektive Identität zu konstruieren.