Paul Nolte hat einen Treffpunkt in Dahlem-Dorf gewählt, tief im Westen Berlins. Die Station ist fast graffitifrei. Entlang der Königin-Louise-Straße reihen sich Einzelhandelsgeschäfte, das größte davon ist eine Buchhandlung.

So ungefähr stellt man sich das Deutschland vor, in dem die Reformen umgesetzt wurden, für die der Historiker Paul Nolte in seinen Essays plädiert: ein Land, in dem die Bürger an der Erneuerung des Landes mitarbeiten, statt Parolen an Wände zu schmieren, in dem das Unterschichtenfernsehen zurückgedrängt wurde und Buchhandlungen florieren: ein bildungsbürgerliches Paradies. Hier in Dahlem sind die sozialen Verwerfungen des Landes verdeckt.

Paul Nolte wohnt nicht weit entfernt vom Café Louise. Tee gibt es hier nur kännchenweise, und an den Wänden hängen Ölbilder. Der 43-jährige Historiker kommt pünktlich, aber im Laufschritt. An Tempo ist er gewöhnt: Mit 38 Jahren trat er seine erste Professur in Bremen an, seit Juli lehrt er an der Freien Universität Berlin. Noch bevor der Kaffee bestellt ist, hat Nolte bereits den Einstand der neuen Bundesregierung analysiert: Positiv überrascht habe ihn Angela Merkels Plädoyer für mehr Freiheit, das lasse hoffen, dass die Große Koalition doch etwas bewege. Der Form nach war das zwar Willy Brandts >Mehr Demokratie wagen<, inhaltlich geht es dabei aber um etwas ganz anderes, sagt Nolte. Demokratie hieß für Brandt nicht nur Bürgerbeteiligung, sondern dass der demokratische Staat für eine Vielzahl von Dingen zuständig sein soll.

Merkels >Freiheit< steht fast für das Gegenteil: für weniger Staat und mehr Verantwortung des Einzelnen.

Genau das hat Nolte vor eineinhalb Jahren in seinem Essayband Generation Reform gefordert. Damals kürten Journalisten den Historiker kurzerhand zum Jungstar eines modernen Konservatismus. Modern wirkt Nolte vor allem, weil er keine Berührungsängste mit intellektuelen Gegnern hatte - so wie Merkel Brandt zitiert, zitiert Nolte immer wieder Marx: anekdotenhaft, ohne sich dabei dessen Denken zu Eigen zu machen. Besonders gern beschäftigt sich Nolte mit Fragen, die früher von der Linken besetzt waren. Klassengesellschaft, soziale Gerechtigkeit und Frauenemanzipation behandelt er aber unter einem neuen Vorzeichen - dem der Eigenverantwortung. Von Konsumtransfer, wie ihn der deutsche Sozialstaat seit Bismarck betreibt, hält er wenig. Soziale Gerechtigkeit ist für Nolte nicht materielle Umverteilung, sondern durch Bildungspolitik hergestellte Chancengleichheit.

Nolte war mit zahlreichen Beiträgen, vor allem in den Tageszeitungen und auch in der ZEIT, am Reformdiskurs der letzten Jahre beteiligt. Klar denke ich manchmal, dass meine Medienpräsenz zu groß sein könnte. Neulich hat mich eine Zeitung als >omnipräsenten Paul Nolte< bezeichnet. Das gibt mir schon zu denken, sagt er. Aber er verspüre einen gesellschaftlichen Auftrag: Schließlich bezahlt mich die Gesellschaft für gedankliche Arbeit.

Nolte ist jemand, der jeden seiner Gedanken optimal verwertet. Viele Sätze in unserem Gespräch sind bereits gefallen, an anderer Stelle, in Interviews und in seinen Essays. Beispielsweise wenn er von der Marxschen Vision erzählt, dass die Menschen morgens jagen, mittags fischen und zwischendrin ein bisschen philosophieren sollen. Gut formulierte, medienerprobte Sätze sind das. Noltes Erfolg beruht auch auf Effizienz: Gedanken aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten verwertet er in seinen Zeitungsartikeln. Sein Buch Generation Reform ist dann wiederum eine klug angeordnete Zusammenstellung dieser Essays. Sogar Noltes alltägliches Leben wird von dieser gedanklichen Effizienz erfasst. Beim Einkaufen denke er über modernes Konsumverhalten nach, erzählt er. Im Baumarkt über Klassenzugehörigkeit. Ob er dabei nicht manchmal vergesse, was er kaufen wolle? Nein, das sind nur so Gedanken-Flashs, und dann arbeite ich wieder ganz pragmatisch meine Liste ab.