Manchmal versuche ich es noch. Dann gehe ich ins Stadion und nehme mir vor, begeistert zu sein. Oder ich schalte den Fernseher ein mit dem Vorsatz, die ganzen 90 Minuten durchzuschauen, plus Halbzeitpause. Wird ja einiges geboten zurzeit. All die neuen Stadien. All die Vorberichterstattung, Live-Berichterstattung, Nachberichterstattung. All die Dringlichkeit, ein halbes Jahr vor der WM. Jedes Testspiel ist ein Testspiel für das nächste Testspiel, jedes Resultat ist mindestens »wegweisend«, auch für die »Stimmung im Lande«. Bei irgendeinem 1:1 in der 37. Minute irgendeines Spieles lassen die Reporter ihre Stimmen überschlagen wie Herbert Zimmermann bei Helmut Rahns 3:2 im WM-Finale von Bern. Die Arenen sind voll, Fußball ist ein nationales Schicksalsspiel, und an der Seitenlinie steht ein Bundestrainer, der redet wie ein Referent aus dem Kanzleramt. Jeder Pass ein Projekt, jeder Rückpass Reformstau, die Stabilität der Viererkette so wichtig wie die Haltbarkeit der Koalition. Du bist Deutschland. Wir wuppen das. Wichtig ist, dass wir jetzt…

Kurz vor der Halbzeit zappe ich weg. Meine Aufmerksamkeit hat einen Ermüdungsbruch erlitten.

Fußball war anders, als er 1980 in mein Leben kam. Er fand nicht im gesellschaftlichen Einvernehmen statt, bei mir zu Hause schon mal gar nicht. Sein Schauder erfasste mich Achtjährigen an einem Samstag, beim einvernehmlichen Hosenkauf mit meiner Mutter in der Bochumer Fußgängerzone. Plötzlich die Inbesitznahme der Stadt durch Menschen, Fahnen, Lärm.

Vauuu-äääff-Ellll!

Eine wüste Prozession zog vorüber. Männer in Jeans, alt und jung und heiser. Körpermenschen. Das waren die Typen, von denen man sich nach der vierten Klasse trennte. Und die einen auf dem Schulhof immer tunnelten.

Meine Mutter nahm meine Hand etwas fester. Wir fuhren nach Hause, doch den VfL nahm ich mit. Drei Buchstaben nur, hinter denen sich eine ganze Welt erschloss, fremd und urgewaltig. Es ging um Sieg oder Niederlage, um Kopfballungeheuer und Abstiegsgespenster. Irgendwann nachts wurde Deutschland Europameister. Zweimal Hrubesch. Ich weiß noch, wie ich über diesen Namen staunte. Hrubesch. Klang nach Ärger.

Fußball gestern: Prollsport am Rand des gesellschaftlichen Konsenses