Volkskrankheiten Wenn die Welt verstummtSeite 3/3

Doch trotz aller Akkuratesse sind nur 20 Prozent der Betroffenen mit ihrer Hörhilfe zufrieden. Schätzungsweise die Hälfte der Geräte verschwindet ungeliebt in der Nachttischschublade. Wie gut ein Patient mit seiner Hörhilfe zurechtkommt, entscheidet sich häufig beim Hörgeräteakustiker. Dort muss oft eine falsche Erwartung korrigiert und die Anpassung der Elektronik mit Fingerspitzengefühl betrieben werden. Ein Hörgerät darf nicht wie eine Brille nur bei Bedarf getragen werden, sondern sollte den größten Teil des Tages die Ohrnerven beschallen. Denn ein untrainiertes Ohr muss behutsam wieder an den Schall gewöhnt werden. Der Betroffene, zuvor jahrelang in Watte gepackt, ist meist überwältigt von den Geräuschen, die plötzlich auf ihn einrieseln. »Das Rascheln der Zeitung ertragen viele dann nicht mehr«, sagt Jörg Rehkopf, Chefaudiologe bei Siemens. Er plädiert dafür, dass Hörgeräte allmählich und nicht sofort »scharf« gestellt würden. Viele Hörgeräteakustiker aber lehnen solche Ratschläge als Einmischung in die inneren Angelegenheiten strikt ab.

Ohne Audiotherapie sind viele Patienten überfordert

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Die Hörgeräteakustik, einst ein Goldgruben-Business, ist unter Druck. Die Krankenkassen zahlen nur noch rund 800 Euro Festbetrag. Viele Spezialisten lassen sich deshalb nicht mehr genug Zeit bei der Anpassung. Die Folge: Viele Anwender verlieren die Lust am neuen Gerät. Der ideale Einstieg in den Klub der Hörgeräteträger wäre ein Hörtraining oder eine Audiotherapie. Dort lernen Patienten wieder den feinen Unterschied von »Haus« und »Haut« und üben, das Rauschen eines Regengusses vom Rauschen der Klospülung zu unterscheiden. Aber die Audiotherapie zahlen die Krankenkassen nur denen, die sich eine aufwändige, 40000 Euro teure Cochlea-Prothese implantieren lassen. Dabei wird ein feiner Draht in das Innenohr eingeführt. Bis zu 22 Elektroden ersetzen die Funktion der verloren gegangenen Zellen in der Hörschnecke und stimulieren den Hörnerv direkt. Diese Patienten müssen das Hören völlig neu lernen. Vielen Erwachsenen fällt dies schwer; der Erfolg ist ungewiss.

Nicht gerade hilfreich für schwerhörige Patienten sind die Verständigungsschwierigkeiten zwischen Medizinern und Technikern. »Die Hörgeräteindustrie berücksichtigt nicht genug, dass bei Hörminderung im Alter meist die Verarbeitung im Hirn betroffen ist«, sagt Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik Arolsen. Hörgeräte für alte, zentral-hörgeschädigte Menschen müssten eine maximale Störgeräusch-Unterdrückung bieten. »Eine Forderung, die die Industrie meiner Ansicht nach nicht erfüllt«, sagt Hesse, dessen Spezialgebiet Hörminderungen im Alter sind. Jörg Rehkopf, der Siemens-Audiologe, spielt den Ball an die Mediziner zurück: »An der Digitaltechnik lässt sich inzwischen so viel einstellen, dass wir dringend neue Informationen von den Wissenschaftlern brauchen, welche Einstellungen überhaupt günstig sind.«

Mit den existierenden Geräten lässt sich gut arbeiten – aber sie erfordern Geduld. Hesse begleitet in seiner Klinik die Anpassung der Hörgeräte hörtherapeutisch. »Wir erreichen eine Akzeptanz von über 90 Prozent.« 85 Prozent seiner Patienten würden von der intensiven Betreuung profitieren, »außer diejenigen, die grimmig sind und nichts machen wollen«.

Viele ältere Menschen fürchten sich in einer jugendfixierten Welt vor dem Altersmakel Hörgerät. Sie leugnen oder bagatellisieren das Problem und wehren sich oft gegen die akustische Krücke. Nikolaus Töpfner, der HNO-Arzt am feinen Hamburger Jungfernstieg, erlebt das häufiger. »Gerade hatte ich eine ältere Dame mit Facelifting hier sitzen«, sagt er, »die will doch nichts von ihrer Schwerhörigkeit oder einem Hörgerät wissen.«

 
Leser-Kommentare
  1. Die Zeitung mit diesem Artikel kamm irgendwie zufällig in meinen Briefkasten. Vielleicht einer von meinen Bekannten, die mein Problem kennen und etwas Mitleid mit diesem Leiden haben, wollten mir in diese Art und Weise einen Tipp geben, oder war's das Schützängelchen, das mich aufmuntern wollte...Ich weiß es nicht. Einfach Schicksal...Der Artikel hat mich genau in die Mitte getroffen. Seit ca. 2 Jahre habe ich bei mir das Problem festgestellt, dass ich immer noch nicht nachvollziehen kann. Ich höre eigentlich gut... aber verstehe manchmal ganz schlecht. Der HNO Ärzte haben bei mir Tieftonverlzust festgestellt und die Hörhilfe verordnet. Leider konnten die Akustiker nicht helfen, ganz im Gegenteil. Ich war total enttäuscht, und zwar von mir. Dass ich, noch nicht 30, die vor 9 Jahren eine Musikschule abgeschlossen hat, und vor 4 Jahren eine Hörverstehenprüfung im Rahmen der Deutschen Oberstufenpüfung erfolgreich bestanden hat, nun Schwierigkeiten hat, die gesprochene Sprache zu verstehen. Da ich mich gerade vor den Abschlussprüfungen in der Uni befinde, fällt es mir besonders schwierig, mit den Ansprechspartnern klar zu kommen. Gerade in dieser Phase muss man mehrere Kontakte knüpfen, na ja, zumindest mit den prüfungszuständigen Professoren und deren Assistenten sich gut verständigen. Und wie kann ich erklären, dass ich nicht den Deutschkurs brauche, wenn ich sie nicht verstehen kann, sondern einfach mal Geduld und mehrfache Wiederholung des gerade Ausgeschprochenen?..Viele staunen nur: "Wie denn? Sie hören doch? Aber nicht verstehen? ja, ja Deutsch ist echt schwierig." Da will ich schreien: "Nein, das ist doch nicht das Problem. Das Deutsch lässt sich erlernen. Und das habe ich doch gemacht.Ich verstehe Sie deswegen schlecht, das Ihre Stimme für mich im Tieftonbereich liegt....." Das ist wirklich frustrierend.
    Ich möchte mich jetzt für den Artikel ganz herzlich bedanken. Der hat einige meinen Fragen beantwortet. Mein Selbstwertgefühl und Respekt zu sich selbst lässt sich wieder hoch ziehen :-) Ich würde so gerne Kontakte mit den betroffenen Personnen aufnehmen. Vielleicht könnten wir von unseren Erfahrungen etwas neues lernen im Bezug zum Umgang mit Schwerhörigkeit; weiter recherchieren, andere Lösungen suchen, Forschungsinstituten, etc..Na, vielleicht, koennten wir zusammen etwas zur allgemeinen Aufklärung beibringen, so dass Hörschwäche keine Indizen der niedrigen Intelligenzquote ist, sondern einfach zu gesundheitlichen Schwächen gehört. Wie im Artikel erwähnt wurde, das ist alles Nervensache. D. h. Schwerhörigkeit kann einen Indiz dafür sein, dass diejenigen, die spannendes oder leidenschaftliches, also tief emotionales Leben gelebt haben, die alles durch ihren Herz gehen lassen, haben ihre Nerven und somit auch Ohren sehr belastet. Vielleicht ist die Schwerhörigkeit einfach die Wehr-Reaktion des Körpers zur Belastung? Es gibt tausende Sachen, die man zusammen besprechen könnte. Ganz kurz gesagt, nur wir, also die Betroffenen, wenn wir uns aktiv machen, können zusammen eine Lösung finden. Wie mal von einem Philosoph gesagt wurde: "Jede Tür kann man aufschliessen, man muss nun den richtigen Schluessel haben."

    Ich würde mich auf alle Kontakte sehr freuen.

    Vielen Dank.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Naturis

    • wilden
    • 20.12.2005 um 9:48 Uhr

    „ Die Zeit“ vom 08.12.2005 St. 42

    Vielen Dank für Ihren Beitrag „ Wenn die Welt verstummt“.
    Leider transportieren Sie darin weiterhin die altbekannten Irrlehren bezüglich des Hörens und der Schwerhörigkeit an die Leser.
    Der Satz „ Nicht die Ohren, sondern die Nerven sind das grosse Problem“ ist falsch.
    Die Schwerhörigkeit ist die Folge der, mittels der Hörprüfung (Audiometrie) messbaren nachlassenden biologischen Qualität der 25000 Hörzellen in der Hörschnecke.
    Die Audiometrie dokumentiert eindeutig die biologische Situation des Hörorgans (Ohrs) und nicht die des Gehirns („Nerven“).
    Sowohl die Verordnung von Hörgeräten (und damit der Anspruch auf Kassenleistungen), als auch richterliche Entscheidungen bezüglich eventueller Rentenansprüche, z.B. bei beruflich bedingter Schwerhörigkeit beruhen weltweit auf den Ergebnissen der Hörprüfung und nicht etwa auf Messungen der „Flexibilität der Nervenzellen“.
    Ebenso falsch ist die in Ihrem Artikel aufgestellte Behauptung:„ Ein Hörgerät darf nicht wie eine Brille nur bei Bedarf getragen werden, sondern sollte den grössten Teil des Tages die Ohrnerven beschallen“.
    Fakt ist, dass ein Hörgerät überlastete und erschöpfte Hörzellen über ihre Schallverstärkung zwingt zu arbeiten und es von daher jeder Hörgeräteträgerin bzw. Hörgeräteträger ( insbesondere Kindern) dringend anzuraten ist, ihre überlasteten z.B. Hörorgane soviel wie möglich vor unsinnigen Schallbelastungen zu schützen. D.h. die Hörgeräte während Flugzeugreisen, Bahn, Bus und auch Autofahrten ( als Passivfahrer) abzuschalten bzw. durch Ohrstöpsel zu ersetzen,um so die völlig nutzlose aber schädigende Schallverstärkung der Fahrtgeräusche zu vermeiden.
    Ausführliche Informationen zur Anatomie und Funktion der Hörorgane sowie zur Prophylaxe von Hörschäden und zur Selbsthilfe bei bereits spürbar gewordenen Innenohrüberforderungen finden Sie und interessierte Leser unter www.dasgesundeohr.de.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Lutz Wilden

  2. Als schwerhöriger Finne muss ich gegen zwei Behauptungen in Ihrem Bericht protestieren. Die Ostfinnen hören nicht schlechter als sonst der Finne. "Laskiaispullat" ist kein finnisches Weihnachtsessen. Herr Albrecht sollte sich die Mühe geben bessere Nachforschung zu üben. Die Schweden essen dieses Gebäck genau so gerne, wie hören sie wohl? Marmelade und Marzipan werden auch nicht gemischt. (Laskiaispulla/semla = Fastensemmel, sagt wohl wann dieses Gebäck gegessen wird?).
    Vor 15-20 Jahren wurde die Gesundheit der Ostfinnen viel studiert und weltweit diskutiert unter Medizinern. Forschern konnten einen Zusammenhang zwischen Herzkrankheiten und fettes Essen, wenig Obst und Gemüse finden, da ging es nicht um das Hören.

    motz

  3. Also ich weiß nicht. Mir ist gerade ein Hörgerät verordnet worden. Nur für das linke Ohr, und es soll auch als Tinnitusnoiser fungieren. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn beispielsweise bei einer bremsenden Lokomotive das Hörgerät eingeschaltet ist, wo ich mir doch, seitdem genau so eine Maschine den Tinnitus ausgelöst hat, die Ohren zuhalte.
    Auch wenn das Hören, wie so viele andere Dinge auch, "im Kopf" stattfindet, muß man sich wirklich quälen? Ich bin mit 55 noch einer der "jüngeren", und ich denke gar nicht daran, mich zurückzuziehen. Mich stört nur eines: Lärm, unnötiger Lärm, und der würde mit einem HG wohl nur noch potenziert werden. Aber vielleicht war das so im Jahr 2005, wir sind ja schon ein bißchen weiter.
    Klaus

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