Ein Sausen, Brummen, Rauschen oder Pfeifen hören vier Prozent aller Deutschen anfallsweise oder ständig. 0,5 Prozent aller Menschen quält dieser Tinnitus (lateinisch für »Geklingel«) so heftig, dass sie sich nicht mehr konzentrieren können. Sie schlafen schlecht, sie haben Angstzustände oder verfallen in Depressionen.

Der Tinnitus ist ein unspezifisches Symptom eines gestörten Hörsystems. Die erregenden und hemmenden Nerveneinflüsse sind aus der Balance geraten. Im einfachsten Fall ist nur der Gehörgang durch Ohrenschmalz verstopft, im problematischsten Fall ist das Geräusch das Anzeichen eines Hirntumors. Am häufigsten piept es im Ohr, wenn das Innenohr betroffen ist: Knalltraumata, Infekte, Autoimmunerkrankungen, Stress und vieles andere mehr können das Innenohr zum Klingen bringen. Manchmal geht auch ein Hörsturz, eine plötzliche Einbuße des Hörvermögens, mit einem Tinnitus einher. Dennoch handelt es sich um zwei verschiedene Symptome.

Die Therapie des Tinnitus ist schwierig. Im akuten Fall werden durchblutungsfördernde Medikamente oder Kortisonpräparate verabreicht. Auch psychologische Unterstützung, Verhaltenstherapie oder autogenes Training werden empfohlen. Aber noch hat keine Therapie ihre zuverlässige Wirksamkeit bewiesen.

Zumindest hat sich das öffentliche Bild des Tinnitus gewandelt. »Bei dir piept’s« sei den Patienten in den achtziger Jahren oft gesagt worden, erinnert sich Gerhard Hesse von der Tinnitus-Klinik in Arolsen, »das heißt, man war neben der Spur.« In der Berichterstattung sei Tinnitus inzwischen zu einer Managerkrankheit geadelt worden. Patienten würden sich leichter zu ihrem Ohrgeräusch bekennen. Manche Patienten glaubten sogar, dass der Tinnitus ihre Schwerhörigkeit erst hervorrufe. Dabei, sagt Hesse, sei die Schwerhörigkeit das eigentliche Problem. »Wenn man die Schwerhörigkeit behandelt, wird der Tinnitus meist völlig nebensächlich.«

Schwerhörigkeit ist schon lange kein reines Altersleiden mehr. Die Zahl schlecht hörender Kinder und Jugendlicher steigt. Etwa jeder zehnte Jugendliche wird Experten zufolge schon in wenigen Jahren die Auswirkungen zu lauter Computerspiele, Konzerte und Clubbesuche am eigenen Ohr erfahren.

Etwa zwei von 1000 Neugeborenen kommen schwerhörig oder gehörlos zur Welt. Jedes Jahr werden etwa 2000 Babys geboren, die schon im Mutterleib nicht hören. Ihre Ohren haben durch Virusinfektionen wie Röteln, Zytomegalie oder Toxoplasmose während der Schwangerschaft Schaden genommen oder sind erblich bedingt fehlgebildet.

Insgesamt sollen weit über 500000 Kinder Hörschäden haben, die behandelt werden müssten. Rund 80000 von ihnen sind laut dem Deutschen Zentralregister für kindliche Hörstörungen in Berlin so hochgradig schwerhörig, dass sie spezielle Schulen besuchen müssen. Leider wird die Diagnose Schwerhörigkeit bei Kindern in den meisten Fällen erst zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr gestellt.Mitarbeit Beate Wagner