Wer sind die Feinde der Natur? Die Naturschützer. Diese ökologische Überraschung präsentiert der Münchner Zoologe Josef Reichholf in seinem neuen Buch Die Zukunft der Arten, das sich auf den ersten Blick wie ein Plädoyer für die Entstaatlichung der Umweltpolitik liest. Der Grundfehler der Naturschützer sei es, die Natur nicht als etwas Dynamisches zu begreifen, sondern als einen Idealzustand, in den der Mensch schädigend eingreift. "Es steckt allzu viel ›Heile-Welt-Sehnsucht‹ in den Zielen des Naturschutzes", meint Reichholf, "Zielen, die sich zwar in der Artenvielfalt an der Vergangenheit des 19. Jahrhunderts orientieren, nicht aber an den damaligen Einstellungen zur (…) Natur."

Die idyllische Bauernlandschaft des 19. Jahrhunderts sei das Wunschbild der Naturschützer von heute: kleine Felder, lichte Wälder, viele Hecken, Tümpel, Büsche, blühende Wiesen und singende Vögel. Damals war die Artenvielfalt tatsächlich größer als heute – weil Dünger fehlte. Bauern und Tagelöhner trieben das Vieh zur Mast in die Wälder und nutzten jede noch so magere Randlage, Forste wurden kahl geschlagen. Der Boden war deshalb "extrem übernutzt" und viel weniger nährstoffreich als heute, in den Zeiten des billigen Kunstdüngers. Auf diesem mageren Boden gediehen viele Pflanzen, die wir heute nur noch als Namen auf den Roten Listen kennen.

Etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts ersetzte billiges Heizöl das Brennholz aus dem Wald, das Vieh blieb im Stall, wenig ertragreiche Randlagen wucherten zu. Gleichzeitig düngten die Bauern ihre Felder immer stärker. Das Mikroklima veränderte sich an vielen Orten von trocken und warm zu feucht und kühl. Pflanzen, die auf nährstoffreichen und feuchten Böden besonders gut wachsen, wie etwa Springkraut und Brennnesseln, verdrängten die anderen.

Und genau diese – für die Artenvielfalt abträgliche – Entwicklung verstärkte der staatliche Naturschutz: In den siebziger Jahren wurden kleine Abgrabungen etwa für Kiesgruben verboten, ebenso das Abflämmen von Böschungen; Kahlschläge wurden verpönt. Deshalb mangelt es nun an genau den trockenen und mageren Standorten, die viele bedrohte Tiere und Pflanzen brauchen.

Man folgt Reichholf staunend, wenn er solche Irrtümer in gut lesbarer Sprache aufdeckt. Doch seine Geringschätzung der Naturschützer, die über weite Strecken fast spöttisch klingt, mag man nicht teilen. Warum sollte es nicht möglich sein, Fehler zu verbessern, anstatt die Naturschutzgebiete gleich zu privatisieren, wie Reichholf vorschlägt? Tanja Busse