Geiger und Sängerinnen hinterlassen kaum Schriftliches. Vor der Erfindung analoger und digitaler Aufzeichnungsmedien verschwand mit dem Tod der Künstler auch ihre Kunst. Wie also war es möglich, dass Beatrix Borchard nicht nur die Lebensgeschichte von Joseph und Amalie Joachim, sondern – en passant – eine Geschichte der Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert schreiben konnte?

Joseph Joachim ist es besser ergangen als seiner Frau. Er war Geiger und Komponist, erster Präsident der Berliner Musikhochschule, Freund von Clara und Robert Schumann sowie von Johannes Brahms; er hat einen Platz in der Geschichte. Seine Biografie musste Beatrix Borchard "gegenlesen", wie sie es nennt, um die im überlieferten Bild eingeschlossenen Normierungen und Klischees freizulegen und umschreiben zu können. Anders bei Amalie Joachim. Sie ist heute selbst Kennern der damaligen Zeit nicht mehr bekannt. Das hat Gründe. In der bürgerlichen Welt haben Frauen einen nachgeordneten Platz. Diesen Unterschied verdeckt Beatrix Borchard nicht; sie macht ihn deutlich, indem sie "Lücken schreibt".

Zwei sehr unterschiedliche Geschichten also, die sich dann verknüpfen: Joseph Joachim, 1831 im deutschsprachigen Judentum Ungarns geboren, ein Wunderkind, das früh von Felix Mendelssohn Bartholdy gefördert wurde. In noch jungen Jahren die schmerzliche Entscheidung dagegen, als Künstler das Komponieren in den Mittelpunkt zu stellen.

Amalie Schneeweiß, geboren 1839 ebenfalls im großen Reich der Habsburger. Bereits als 14-Jährige trat sie als Altistin auf und verdiente sich so ihren Lebensunterhalt. Eine schwierige Existenz als Opernsängerin an Provinzbühnen und schließlich – recht glücklos – in Wien. Bis sie nach Hannover kam, wo sie Joseph Joachim kennen lernte. Dessen Familie protestierte heftigst gegen eine Heirat mit einer Bühnenkünstlerin, die damals außerhalb der Welt bürgerlicher Wohlanständigkeit stand. Nach ein paar Jahren zog das Paar nach Berlin, wo die drei jüngeren ihrer sechs Kinder geboren wurden. Joseph Joachim war viel auf Konzertreisen, Amalie Joachim dagegen meist zu Hause bei den Kindern – für eine Frau bedeutete Heiraten den Verzicht auf eine Bühnenkarriere.

Amalie und Joseph sprechen hier in Dialogen – durch ihre Briefe

Dann ein Donnerschlag: Joseph Joachim beschuldigte seine Frau des Ehebruchs. Sie bestritt dies entschieden. Es kam zur Scheidung. Nun musste Amalie Joachim Geld verdienen, um sich und die drei Töchter zu ernähren, die ihr geblieben waren. Auf die Opernbühne konnte sie nicht zurück, so wurde sie eine der bedeutendsten Konzertsängerinnen des 19. Jahrhunderts. Die Programme, die sie zusammenstellte und aufführte, zeigen eine eigene künstlerische Handschrift: Amalie Joachim kompilierte und sang eine Geschichte des deutschen Liedes. 1899 starb sie nach einer Gallenoperation; Joseph Joachim überlebte sie um acht Jahre.

Dass man dieses Buch mit geradezu atemloser Spannung liest, liegt an dessen Komposition. Es ist keine Doppelbiografie, die sich Geschichte erzählend einverleibt. Beatrix Borchard praktiziert vielmehr die "Montage als biografisches Verfahren". So lesen wir auf über hundert Seiten Dialoge, die aus weitgehend ungedruckten Briefen zusammengestellt wurden. Am Anfang der Kapitel – typografisch hervorgehoben – die Stimme der Autorin, die davon berichtet, welche Zufälle ihr Dokumente, Briefe und Bilder in die Hand spielten. Geschichte wird so zum Effekt der Überlieferung. Und wir entdecken, dass die Geschichte der Musik nicht nur aus Noten und Werken besteht.