Sie hieß Minna, und er hieß Max. Sie nannte ihn Maken, und er nannte sie Minnachen. Weshalb, wenn er an sie oder sie an ihn einen Brief schrieb, untendrunter bei beiden stand: Dein M.

Max Beckmann und Minna Tube lernten einander 1902 in Weimar kennen, wo sie sich an der Großherzoglichen Kunstschule zum Studium eingeschrieben hatten. Beckmann überfiel das "Märchenprinzeßchen", wie er sie nannte, mit der Totalität seiner Liebe. 1906 heiraten sie, ziehen ein Jahr später nach Berlin-Hermsdorf in ein von Minna entworfenes modernes Haus. 1915 hat Beckmann, der an der Front in Polen und Belgien als freiwilliger Sanitäter arbeitet , einen Zusammenbruch. Er wird beurlaubt, kuriert sich bei Freunden in Frankfurt aus, wo er an der Kunstschule des Städel unterrichtet. In Wien lernt er dann die 20 Jahre jüngere Mathilde Kaulbauch kennen und verliebt sich, wiederum heftig. 1925 willigt Minna in die Scheidung ein, Beckmann heiratet Quappi.

Der Kontakt mit Minna blieb erhalten. Nicht nur, weil es den gemeinsamen Sohn Peter gab, sondern auch, weil Minna Beckmann-Tube eine starke und kluge Frau gewesen sein muss. Die Zuneigung zu dem Menschen und die Bewunderung für den Künstler wurden vom Schmerz der Trennung nie zerstört. Minna war eine Frau von einer leuchtenden und dabei selbstverständlich wirkenden Schönheit (zu sehen auf Beckmanns Bildern), aber sie war keine kleine Prinzessin. Hätte er gern gehabt. Das Malen hatte sie auf Wunsch ihres großen Max zwar aufgegeben, dafür aber wieder Gesangsunterricht genommen und auch das eine oder andere Engagement angenommen. Woran die Ehe wohl zerbrach.

Dass Max Beckmann, der bildmächtige Maler und Radierer, auch ein wortmächtiger Schreiber war, ist nach der Lektüre der Tagebücher und Briefe bekannt. Aber dass Minna eine geistreiche und fantasievolle Schreiberin war, erfahren wir erst jetzt durch ein Katalogbuch, das im Zusammenhang mit der schönen Ausstellung Max Beckmann seiner Liebsten – ein Doppelportrait (begonnen hatte sie in der Moritzburg, Halle, jetzt ist sie bis zum 6. März 2006 in der Alten Nationalgalerie Berlin zu sehen) erschienen ist. Seit der Zeit in Weimar und bis zu Beckmanns Tod haben die beiden einander geschrieben, natürlich mit größeren Unterbrechungen durch die zweite Ehe und Beckmanns Emigrationen nach Holland und Amerika. Die tiefe Zuneigung aber blieb erhalten. Und immer wieder fängt Minna die Sprödigkeit, Melancholie und Hektik von Beckmann auf mit ihrer Warmherzigkeit und Gelassenheit, durch die allerdings plötzlich ironische Blitze zucken können. Seine Bilder, schreibt sie an Beckmann, als sie sich in den Nachkriegsjahren für die vielen Care-Pakete bedankt, "triumfieren mit ihrem tiefen Schwarz u. ihren glühenden Farben über jede umliegende Geschmacklosigkeit". Und vermerkt andererseits und nach ironischen Beschreibungen ihrer sehr beengten Lebenssituation im Jahr 1949: "…ich habe nach diesem Wasserstoffbombengeschrei mehr denn je das Gefühl auf einem gut geheizten Krater zu sitzen, was Pläne auf lange Sicht in ihrer Vergnüglichkeit etwas beeinträchtigt."

Das oft geplante Wiedersehen, auf das sie sich so gefreut hatte und das er mit der Bemerkung "würde mich amüsiren, wie ihr beide jetzt ausseht" kommentierte, fand nicht statt. Am 15. Dezember 1950 schrieb Minna ihrem lieben Maken einen Brief, der so endete: "Wir haben Föhn, meine Wäsche flattert in der Sonne nachts 10° minus. Ich habe die Wäsche gestern abend zwischen 9 und 12 gewaschen und hinterher eine empfehlenswerte Erfindung gemacht: Cogtail narutel à la Nr. 7. Eine Apfelsine oben abschneiden Zucker und Schnaps darauf tun u. aus der Schale löffeln, schmeckt großartig. Behüt Dich Gott mein Lieber. Ich wünsch Dir alles Gute und Liebe. Dein M."

Max Beckmann starb zwölf Tage später in New York.