Die Richtung war klar und das Timing sowieso: Nach vorn sollte es gehen, und als Erster wollte man da sein. Eher als der träge Rest der Gesellschaft, für die man ganz im militärischen Sinne die Vorhut abgeben wollte, den Truppenteil also, der vorneweg als Erstes die Feindberührung sucht: die Avantgarde. In welcher Richtung allerdings das Vorn lag, darüber dürfte es im Jahrhundert der Avantgarde annähernd so viele Auffassungen wie künstlerische Positionen gegeben haben.

Nichts weniger als das Porträt der Moderne hat sich der Heidelberger Politikwissenschaftler Klaus von Beyme in seinem neuen Buch Das Zeitalter der Avantgarden vorgenommen: die kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen einer Zeit, die man kaum als zusammenhängende Epoche sehen mag. Durch das Ende großer Monarchien, durch zwei Weltkriege und den Holocaust zersplitterte sie in Teilstücke und Fragmente, stürzte ins Bodenlose und erholte sich doch schnell wieder, um im Zeitalter des Kalten Krieges neuen Totalitätsansprüchen ins Auge zu schauen. Von fünfzig Jahren kontinuierlichen Zerfalls und Neubeginns handelt die Geschichte, die hier zusammengetragen und untersucht wurde.

Klaus von Beyme setzt dort an, wo Arnold Hauser mit seiner 1953 erschienenen Sozialgeschichte der Kunst und Literatur aufhörte. Doch wo Hauser, der warum auch immer im vorliegenden Band mit keinem Wort erwähnt wird, sich auf Geschichte und Werke stützt, baut von Beyme seine Darstellung nahezu ausschließlich auf den mündlichen und vor allem schriftlichen Äußerungen der Künstler und Kunstvermittler dieser Zeit auf. Den Manifesten der Künstler und Künstlergruppen kommt dabei eine herausragende Stellung zu; ergänzt durch Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und bisweilen die von Zeitzeugen kolportierten Äußerungen, bildet das gesprochene Wort das Fundament dieser Sozialgeschichte. Für den, der Künstlerworte sucht, ist die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein schier berstendes Füllhorn: Zwischen 1905 und 1955 wurde ein künstlerisches Manifest nach dem anderen verfasst, keine noch so radikale Ideologie gescheut, keine politische Couleur und kein noch so abwegiges Gedankenkonstrukt ausgelassen, um Ehrgeiz und Haltung in Worte zu fassen – und immer wieder den Totalitätsanspruch an die Kunst und das Leben zu erheben.

Nicht alles war innovativ. Kandinsky wurde bei Gartenarbeit gesehen

Dabei reduziert der Autor, wie er gleich zu Beginn seines Werks einräumt, die Vielfalt der schriftlichen und künstlerischen Äußerungen der Avantgarde nicht auf das Spektakuläre. "Sehr normale bürgerliche und sogar eskapistische Verhaltensweisen sind ebenfalls Teil des Lebens der Avantgarde. Innovation und Beharrung standen oft nebeneinander. Der Avantgardeforscher muss damit leben, dass der große theoretische und künstlerische Innovator Kandinsky für eine Weile in Murnau in bayerischen Wadenstrümpfen bei der Gartenarbeit gesichtet wurde."

Und so geht es – ob auf gestrickten Strümpfen und in Knobelbechern – im Geschwindschritt vorwärts und rückwärts durchs Jahrhundert. Vollmundige Offenbarungen werden zusammengetragen, aber auch kleinlaute Zugeständnisse, Ausbildung, Organisationsbereitschaft und Partnerschaftsverhältnisse werden abgeklopft, Namen dabei zu nicht enden wollenden Ketten aneinander gefädelt und Künstler in ihren weltanschaulichen Haltungen gegeneinander abgewogen. Der politischen Haltung gilt das Interesse, die ästhetische Produktion bleibt unberührt – vielleicht weil sie schon längst kanonisiert ist, jedenfalls hier als außer Frage stehend behandelt wird. Stattdessen dürfen Noten für politisches Betragen verteilt werden: Picasso war kein Held, Dalí in seiner Verehrung für Franco völlig senil, und Franz Radziwill wird ein weiteres Mal als "Schweinehund Naziwill" (Carl Hofer) durchs Dorf getrieben. Politischer Wankelmut wird aufgedeckt – und ab und zu auch eine Medaille für Mut und Tapferkeit verliehen.

Ganz neu sind die Erkenntnisse nicht, und wenn man sich durch die nahezu tausend Seiten (mal beglückt über viele interessante Fundstücke, mal gequält ob mancher bereits allzu oft berichteten Begebenheit) durchgearbeitet hat, bleibt der Eindruck, dass hier ein sehr großer, sehr fleißig und gewissenhaft zusammengelesener Zettelkasten vor uns sorgfältig ausgebreitet und organisiert wurde. Ein profundes Nachschlagewerk, das eine Folie hinter den Werken aufspannt, die Bedingungen ihrer Produktion erhellt und uns in Zukunft viele Wege in die nächste Universitätsbibliothek spart.