Diese achthundert Seiten musikalischer Glossen, Essays, Polemiken, Quertreibereien und Extravaganzen summieren sich zu einem kleinen Wunder; Eckhard Henscheid demonstriert, dass aus jahrzehntelanger kritischer Tagesarbeit das Klangbild einer Epoche sich abzuzeichnen vermag. Er lässt uns erkennen, dass aus Hunderten von hellhörigen Einsprüchen in Zeitungen, Zeitschriften, Radiosendungen und Programmheften so etwas wie ein Urteilsspruch über unseren Kulturbetrieb, unsere Musikszene, unser Konzertwesen herauskommen kann – dank einem unverwüstlichen Temperament, das sich darauf versteht, ganz Ohr zu sein: vor allem für die Oper, für die Improvisationen des Zeitgeistes und für die falschen Töne der Musikkritik.

Obwohl viele dieser Stücke aus vier Jahrzehnten schon in früheren Büchern gesammelt waren, ist dieses Kompendium, das im Zug der Gesammelten Werke Henscheids herauskommt, das vielleicht auf- und anregendste Musikbuch seit Adornos nachgelassenem Beethoven (1993). Zugleich ist es in der Eleganz der Aufmachung Beleg dafür, dass die Neue Frankfurter Schule immer schon die alte war: Längst sind die aufsässigen Herren ins Repräsentationsalter gekommen.

Viele Autoren sind fasziniert von der Kunst, die Worte nicht braucht

Die Leidenschaft unserer Schriftsteller für die Musik ist ja ohnehin ein seltsames, ein anrührendes Phänomen. Weit vor den Themen Liebe und Gewalt, Ichsuche und Geschichte bildet sie eine Grundierung, wenn nicht das erklärte Sujet, vieler Werke der letzten Jahrzehnte (von Thomas Mann und James Joyce gar nicht zu reden). Viele Bücher von Rang bekennen diese Faszination für die Musik, für jene andere Kunst, die ohne Worte auskommt und dennoch Dialog ist, die sich dem Gerede entzieht und gleichwohl Klartext sprechen kann und weit jenseits von Melodienseligkeit vorträgt, was Struktur und Ordnung, was Chaos und Schock, was Stillstand und Veränderung ist. Nur ein paar Namen: Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Botho Strauß, Lars Gustafsson. Und eben der Spötter Henscheid, der seine Passion für Jacques Offenbach als kenntnisreiche Schwärmerei für Giacomo Puccini paraphrasiert. Die Schriftsteller und ihr beinah eifersüchtiges Verhältnis zur Musik – Eckhard Henscheid geht ihm auf den Grund, indem er Mendelssohns provokante Äußerung aufnimmt, dass Musik genauer sei als alle Worte, sich dann als Schreiber geltend macht: "Denn für irgendwas muß ja die Sprache auch gut sein, und sei’s dafür, auszudrücken, wie neidisch sie sei, daß sie nicht vermöge, was Töne spielend können; welchen Gedanken allerdings, ein kleiner Triumph, Töne nun wirklich und nachweislich nicht bewerkstelligen; nein, den grämlichen Neid, den packen sie ebenso wenig wie überhaupt den abstrahierenden Vergleich." So klingt es, wenn Sprachstolz und Musikleidenschaft sich eine Arie liefern.

Den eigentlichen Reiz des Bandes macht aus, dass der Musikliebhaber Henscheid den Polemiker nicht feiertäglich beiseite schiebt, sondern dass die meisten Arbeiten elektrisiert sind von jenem kaltblütigen Witz, dieser hochgestimmten Provokationslust und Sprachekstase, die das Leitmotiv Henscheids ausmachen. Da lesen wir vom "Rinser-und-Sölle-Quatsch", vom "unlängst wiederbelebten Böll-Kitsch", bei der Ankündigung einer CD, auf der Walter Jens in Haydns Letzte Worte hineinmeditiert, spricht Henscheid erst vom "Jens-Schreiber-Jesus-Dreck", aber vier Zeilen später ist es "dieser allerjüngste paranazarenische neogolgathanische Oberscheißdreck". Ein schönes, ein böses Buch. Ein bisschen nach Art der Oper, wie sie Henscheid definiert hat: "Oper ist organisierter Krach."