Der Horror, es muss der nackte Horror gewesen sein. Tatort: eine Bäckerei in Stuttgart-Botnang, nicht irgendeine Bäckerei, die Bäckerei Klinsmann. Dort verkauft die Familie des heutigen Fußballbundestrainers seit Jahren Brot, Brötchen – und die Bild- Zeitung. Eines Tages in den Achtzigern, der Bub spielt noch beim nahen VfB Stuttgart, prangt auf der ersten Seite die Schlagzeile: Klinsmann für 13 Millionen zum FC Barcelona. Schon die zweite Kundin, die morgens die Bäckerei betritt, sagt zu Mutter Klinsmann, die wie jeden Morgen hinter der Theke steht: "Ja wie, Frau Klinsmann, Sie arbeiten noch, wo Ihr Sohn 13 Millionen verdient? Gibt der Ihnen nichts ab?" Der Horror? In anderen Teilen der Republik hätte man diese Vermutung möglicherweise mit Humor ins Abseits laufen lassen, nicht in Stuttgart-Botnang. Nicht bei Familie Klinsmann. Die Mutter gerät "für zwei, drei Tage" aus dem Tritt. "Sie sorgte sich, was die Kundschaft und die Nachbarn, die Leute ›da draußen‹, über sie und ihre Familie jetzt denken mochten", wie Michael Horeni in seiner soeben erschienenen Biografie Klinsmann notiert. Der Sohn jedenfalls tobt. "Die Schlagzeile war bezeichnend für die riesige Kluft, die sich schon früh zwischen dem Leben von Jürgen Klinsmann und seiner Familie auftat", folgert der Autor.

Es sind solch unterhaltsame Geschichten, scharf beobachtete (oder nacherzählte), scheinbar beiläufige Begebenheiten, an denen man sich festliest in diesem Buch. So auch an jener großartigen Szene, die beschreibt, wie Klinsmann mit einer Taucherbrille im Gepäck versucht, in England vor Journalisten sein Image als Elfmeterschinder (englisch: diver, deutsch: Taucher) mit schwäbischem Humor zu bekämpfen. Anekdoten, die sich im Laufe der Lektüre zusammenfügen lassen wie ein Puzzle. Die Summe dieser Geschichten allerdings unterscheiden sich vom Ergebnis eines vollständig gelegten Puzzle-Spiels: Um ein fertiges Bild von Jürgen Klinsmann zu bekommen, braucht es mehr als die Summe der Einzelteile. Der FAZ- Journalist Michael Horeni, ein langjähriger Beobachter Klinsmanns, ein intimer Kenner von Nationalmannschaft und Bundesliga, wusste dies, als er mit der Arbeit begann. So bemüht er sich erst gar nicht, in Bereichen der Tiefenpsychologie nach dem wirklich wahren Klinsmann zu fahnden. Die Methode des soliden, wiewohl sprachlich sensiblen Kurzpassspiels bewährt sich, und so werden aus den Anekdoten letztlich stichhaltige Belege für einen hoch komplexen Charakter.

Die stärksten Passagen sind dabei jene, in denen der schwache, der gebrochene, der zerbrechliche, der widersprüchliche Jürgen Klinsmann ausgeleuchtet wird: der bei der WM 1998 als Nationalmannschaftskapitän gescheiterte, der beim FC Bayern gemobbte, der als Stürmer in England, Monaco und Italien um seine Reputation kämpfende Einzelgänger. Der Bundestrainer auch, der gegenüber Kritikern gereizt, gegenüber ungebetenen Ratgebern eiseskalt und bei Verhandlungen bruchhart agiert. Wenn der Autor sich dann dem "anderen" Klinsmann nähert, dem Freigeist, der es hasst, in Trainingslagern kaserniert zu sein, dem weltgereisten Einzelgänger, der im Gegensatz zu seinen Kollegen spät heiratet dafür schon früh soziale Verantwortung übernimmt, dem Querkopf, der der Vereinnahmung seines Privatlebens durch den Boulevard trotzt, dem Zauberlehrling schließlich, der in den USA vom Sportler zum Strategen reift, wenn dieser Klinsmann beschrieben wird, dann wird deutlich: Der "andere" Klinsmann, das ist auch Horenis Klinsmann.

Diese gelegentliche Anbiederung ist indes komplett überflüssig, gibt doch die ruhige, kenntnisreiche Feder, mit der Horeni durch das Leben Klinsmanns führt, nicht nur Aufschluss über das bisherige Leben des heutigen Bundestrainers, sie liefert auch Ausblicke in die nahe Zukunft. Horeni arbeitet dabei den roten Faden im Leben des Jürgen Klinsmann behutsam heraus, einen fragilen Zwirn, der die Unabhängigkeit des Weltmannes mit der Bodenständigkeit des Bäckerlehrlings verbindet, den progressiven Leistungsfanatiker mit dem konservativen Familienmenschen, die öffentliche Person mit der des verschlossenen Autodidakten. Wenn nicht alles täuscht, sind es genau diese Pole, die – in einer seltsamen Dialektik – dem Bundestrainer Klinsmann sein Leben in den bevorstehenden Spielen leicht und schwer zugleich machen werden.

Klinsmann soll sich nach Lektüre wohlwollend über den Text geäußert haben. Das heißt auf alle Fälle eines: dass man ihm nicht zu nahe gekommen ist. Näher als Horeni jedenfalls ist ihm noch keiner gekommen.