Und schon ist er wieder weg. Kratzt noch schnell sein obligatorisches "…küsse ihnen 1000mal die hände und bleibe ewig…" aufs Papier und eilt im nächsten Augenblick zum Postwagen, zum Theater, zur Probe, zum Nachtessen, zum Billardspiel.

Mozart, der Rastlose. Immer auf dem Sprung, immer zwischen Tür und Angel – so begegnet er uns in vielen seiner Briefe. Er schreibt wortreich, spontan, witzig, bildhaft. Er versteigt sich in anarchische Sprachspiele und lässt seinem Bühneninstinkt freien Lauf, indem er schreibend wirkungsvolle Auftritte und Abgänge inszeniert, Tonfälle parodiert, gekonnte Verzweiflungsarien aufführt. Und trotzdem spürt man: Der "donnerblitzbub" hat Besseres zu tun, als Briefe zu schreiben. Er komponiert, wo er steht und geht. Die Musik ist die eigentliche Welt, in der er sich bewegt, und das wirkliche Leben mit all seinen großen und kleinen Widrigkeiten, über das er in seinen Briefen Auskunft gibt, ist etwas anderes, das auch noch da ist – eine nachgeordnete Daseinsform gewissermaßen. Im Kontrast zu den Tönen, zwischen denen Mozart unentwegt herumturnt, erscheint die nervenaufreibende Gegenwart mitunter so lästig wie das sagenhafte "burmesquick", das er in einem seiner Bäsle-Briefe erfunden hat. "burmesquick, wo man die kummen arschlöcher dräht".

Für die Nachwelt sind Mozarts Briefe trotzdem ein unermesslicher Schatz. Es gibt keinen anderen Komponisten, von dem so viele biografische Dokumente aus erster Hand existieren. Sie geben uns das Gefühl, in den intimsten Augenblicken in Mozarts Nähe zu sein: in Paris, wo er neben dem Bett seiner gerade verstorbenen Mutter sitzt und in einem langen Brief an den Vater ihren Tod verschweigt, aber nicht zu erwähnen vergisst, dass der "gottlose Erzspizbub voltaire wie ein vieh crepirt ist" – eine der gespenstischsten Mozart-Szenen überhaupt. Oder die wahrhaft atemlosen Berichte aus München, während er die Uraufführung seiner ersten großen Oper Idomeneo vorbereitet: Detailliertere Einblicke in eine Komponistenwerkstatt kann man kaum bekommen. Oder der Ablösungskonflikt mit dem Vater, der in den Briefen wie ein Psychothriller knistert: Dort grollt bedrohlich aus der Ferne die väterliche Autorität, und hier nimmt der Sohn, mal duckend, mal beschwichtigend, mal in die Offensive gehend, das Leben trotzdem in die eigene Hand, zieht nach Wien und heiratet seine Constanze.

Mozarts Briefe sind erhellend und flüchtig zugleich – als ob man immer nur einen Zipfel von seinen um die Ecke wehenden Rockschößen erwischen würde. Wer anfängt, sie zu lesen, möchte auf der Stelle mehr erfahren, möchte nachschlagen können, was die vielen Anspielungen bedeuten und was es mit den Namen, Zahlen und Orten im Detail auf sich hat, möchte die Gegenbriefe an Mozart lesen und was die, die ihm nahe standen, nach seinem Tod geschrieben haben. Mitte der siebziger Jahre ist eine Gesamtausgabe aller Dokumente und Zeugnisse samt Kommentarbänden erschienen, die diesem Anspruch Rechnung trägt – eine (lange Zeit nur antiquarisch erhältliche) Standardausgabe für alle Mozart-Forscher, herausgegeben von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, mit Erläuterungen von Joseph Heinz Eib. Der Bärenreiter-Verlag hat das Werk jetzt als Taschenbuchausgabe wiederveröffentlicht.

Es ist ein Schuber mit acht dicken Bänden, in denen vom ersten Brief Leopolds aus dem Jahr 1755 bis zum letzten Brief von Mozarts Sohn Carl Thomas von 1857 alle verfügbaren Quellen vereint sind. Man wühlt sich hinein in die Lebensdokumente, klebt Lesezeichen um Lesezeichen in die Bände und tastet sich immer weiter voran Im Innern seiner Sprache, so der Titel des Buches von Hanns-Josef Ortheil, in dem die Mozart-Briefe hellhörig gedeutet werden. Aber mit der Dichte des Materials treten paradoxerweise auch die Leerstellen deutlicher hervor: Man weiß, wie wenig man wissen kann. Das berühmteste Beispiel ist Mozarts Reaktion auf den Tod seines Vaters. Nur drei knappe, kühle Briefe an die Schwester tauchen in den Dokumenten auf, dazu ein Gedicht auf den Tod seines geliebten Vogels Star und die irritierende Eintragung in sein Werkverzeichnis – Ein musikalischer Spaß. Das erste Werk, das er nach der Todesnachricht schrieb. "Was fiel Mozart zum Tod seines Vaters ein?", hat Wolfgang Hildesheimer in seinem Mozart-Buch gefragt und geantwortet: "Wahrscheinlich ist, dass ihm überhaupt nichts einfiel, aber dafür zum Don Giovanni umso mehr." Das klingt einleuchtend. Ohne die Musik wird man Mozart auch mit 4000 Seiten biografischem Material nicht auf die Spur kommen.