Eine Tragödie. Eine nervenzerreibende Groteske, ein abgeschmacktes Spiel. Das Leben des großen Oscar Wilde, Dichter und Erzähler, Dramenautor, Lebenskünstler, des Verlierers Oscar Wilde, ist der Stoff, der Schmerz erzeugt und den Geist erschaudern lässt, der Plot hätte ihm gefallen, hätte er sich nicht selbst dazu verdammt, die Hauptrolle darin zu spielen.

Ein Sohn aus intellektuellem Hause. Dublin in den vierziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts. Die Mutter – brillanter Mittelpunkt eines Salons, der Vater – ein historisch interessierter Arzt. Der Sohn geht natürlich nach Oxford. Studiert die Künste und alte Sprachen. Glanzvoller Abschluss. Wilde steigt auf zu einem der gefeierten Stars des literarischen Londons, er liebt seine Frau, die beiden Söhne, er wird reich, es scheint, als kenne die Kurve seines Aufstiegs keine Schwäche. Dann verliert er alles. Er ruiniert sich mit der Beziehung zu Alfred Douglas, einem verzogenen homosexuellen Sohn der Upper Class. Trinkgelage, Provokationen, ein forcierter Eklat, Prozess, Kerker, der Bankrott. Es ist das Verdienst des Verlegers Karl Blessing, vor zwei Jahren die Dokumentation des beschämenden Prozesses gegen Wilde aus dem Jahre 1895 veröffentlicht zu haben, Oscar Wilde im Kreuzverhör, dazu ein kleines "Album" mit Dokumenten und Fotos, nun folgen die Briefe, alles herausgegeben vom Wilde-Enkel Merlin Holland, umsichtig kommentiert, jedes Buch für sich eine aufreibende Lektüre.

Sollte man ein Wort finden für den Eindruck, den die Briefe hinterlassen, dann wäre es, sofern man sich nach der Lektüre des Märchens von der Nachtigall so viel Pathos erlauben darf: die Großzügigkeit der Seele. Hier ist einer, der sich hingibt, der Liebe leider statt der Kunst, bis zur Vernichtung, aber nicht klagt, schon gar nicht über andere, sondern Schönes produziert. Und seien es Briefe.

Der erste Brief geht an die Mama, im September 1868, aus der Schule. Da gibt es schon jene ironische Geste des Genusses, für die er berühmt werden wird. "Die Weintrauben und Birnen sind köstlich, sie kühlen einen herrlich ab", schreibt der 14-Jährige, gleich folgt eine freundliche Ermahnung. Sie hat die falschen Hemden geschickt! "Meine sind das ganz scharlachrote und das lilafarbene…"

Mit Mama plaudern, wie es ihr gefällt. Mit den John Ruskin, dem Oxforder Don für Kunstgeschichte, über Ästhetik reden, seine Verleger im Genauesten anhalten, wie ein Text zu setzen und das Buch zu binden ist. (Was hätte er wohl zur Ausgabe dieser Briefe gesagt, deren Umschlag wie angesengte Piratenpost daherkommt und eine Kargheit des Einbandes verbirgt, die Wilde vermutlich an seine Kerkerhaft erinnert hätte. Noch nicht mal ein Seidenbändchen!) Es sind Reiseberichte, Urlaubserzählungen, Honorarverhandlungen, Liebesbriefe an Constance, seine Frau, Werbungen um Bosie, den Angebeteten, Aufmerksamkeiten gegenüber Freunden, vor allem dies. Wie Freundschaft zu pflegen ist, mit großzügigen Gesten, leicht dahingeworfenen Bemerkungen, die tiefen Zuneignungsbekundungen die Schwere nehmen, ist hier zu lernen. Über einen Freund heißt es: "Er ist recht charmant mit seiner tiefen musikalischen Stimme und seiner anmutigen Unfähigkeit, Karriere zu machen…"

Wie wird jemand so? Eine Frage des Charakters, vielleicht auch der Herzensbildung. Sein Leben begann in der Eleganz der Wohlsitutierten, mit Erdbeeren und Tennis in bester Gesellschaft, Jagen und Kamingesprächen. Der Student reist durch Europa, keine Urlaubseventkultur, sondern Kenntnisse sammeln – in Florenz etruskischen Schmuck bewundert, in Venedig Tintoretto, in Padua Giotto, in Griechenland so extensiv Altertümer besichtigt, dass er zu spät in Oxford eintrifft und relegiert wird. Prüfungen sind ihm ein intellektuelles Vergnügen: Aischylos contra Shakespeare, moderne Lyrik, eines volle Stunde lang und doch zu schnell vorüber. Er schreibt nun selber, Dramen, Gedichte, ästhetisch reflektiert.

Über The Happy Prince schreibt er an John Ruskin, er würde sich glücklich schätzen, könnte der große Kunsthistoriker "ein wenig Anmut oder Schönheit" darin entdecken. Das klingt demütig, ist es aber nicht, was gäbe es Größeres als Schönheit? "Meine Erzählung", heißt es gegenüber einem Freund, "ist der Versuch, ein modernes tragisches Problem in einer Form zu behandeln, die sich an die Empfindsamkeit und die Phantasie richtet." Schönheit der Form, schreibt er einem Kollegen, "ruft nicht nur eine Gesamtwirkung hervor, sondern viele Einzeleffekte…Je reicher das Kunstwerk ist, desto größer die Zahl der Interpretationen. Es gibt nicht nur eine Anwort, sondern viele. Mir tut das Buch Leid, über das sich alle Kritiker einig sind."