Die Bibel ist wahrscheinlich das am meisten verbreitete Buch dieser Welt und, gemessen daran, das heute am wenigsten gekannte. Es gab Zeiten, da war sie die wichtigste Lektüre, und die Kunstwerke der Malerei, der Musik, der Literatur setzten ihre Kenntnis selbstverständlich voraus. Weil die meisten Studenten gegenwärtig kaum mehr eine Ahnung von ihr haben, veranstalten kunsthistorische Institute Einführungskurse in die Bibel.

Der theologisch gebildete Journalist Christian Nürnberger hat mehr im Sinn als nur ein bibelkundliches Proseminar. Mit seiner nacherzählenden Interpretation zentraler Geschichten wendet er sich an einen Leser, der an Gott glaubt oder es versucht oder der die Sache, um die es in der Bibel geht, zu seiner eigenen machen will. Die Sache: Das sind Freiheit und Würde des Menschen. Die Schöpfungsgeschichte erzählt von einem Gott, der sich dazu entschließt, nicht allein die Welt zu erschaffen, sondern auch den Menschen als sein Gegenüber.

Da der Mensch frei ist, ist Gott nicht mehr frei, er kann den Menschen nur ermahnen, durch Zeichen und Wunder auf den rechten Weg bringen. Schön, wie Nürnberger die Neuanfänge erzählt, die Gott immer wieder ins Werk setzt, wenn die Sache zu scheitern droht. Das beginnt mit der mehrfach revidierten Schöpfung bis hin zur Sintflut, es geht weiter mit Moses, Abraham, David, schließlich Jesus. All diese Gründerfiguren, darauf legt Nürnberger Wert, sind keine Heroen. Es sind schwache Menschen unbedeutender Herkunft. Moses sträubt sich gegen den Auftrag und verweist auf seine Unfähigkeit zur öffentlichen Rede. Da gibt ihm Gott den Aron als Pressesprecher zur Seite.

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese Begriffe existieren noch nicht, aber die Sache, die sie bezeichnen, die hatte hier, am Schilfmeer und in der Wüste, ihren Anfang. Seit diesem Auszug aus Ägypten ist der Exodus, die Befreiung, die Abschüttelung von Fremdherrschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, zu einem Archetypus der Weltgeschichte geworden."

Die von der Bibel in immer neuen Anläufen bezeugte Revolution besteht zunächst in der Durchsetzung des Monotheismus, was Nürnberger als zivilisierenden Fortschritt betrachtet. Die bluttriefenden Götterkriege der alten Zeit verschwinden, der eine und einzige Gott tritt auf als Person, die, obwohl sie zu den Menschen spricht, unsichtbar bleibt. Der brennende Dornbusch ist die geniale Abbildung des Bilderverbots. Eine weitere Zivilisierung ist die Abschaffung des Menschenopfers und im Neuen Testament die des Blutopfers generell. Auch die Rache wird zivilisiert. Noch für die Ermordung des Mörders Kain wird siebenfache Rache angedroht. "Später wird es heißen: Auge um Auge, Zahn um Zahn – die maßlose Vergeltung soll ein Ende haben, die Strafe in einem angemessenen Verhältnis zur Tat stehen. Und auch dabei bleibt es nicht. Jesus wird sagen: Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen ."

So liest Christian Nürnberger die Bibel, erläutert, interpretiert sie für uns kenntnisarme Zeitgenossen, und er spart nicht mit temperamentvollen Angriffen gegen die machtpolitischen Verstrickungen der Kirche damals und gegen ihre halbherzigen Anpassungsversuche heute. Im Versuch jedoch, den bibelfernen Leser zu erreichen, passt er sich selber dem Zeitgeist, oder was er dafür hält, ein bisschen zu sehr an und gibt sich zuweilen lautstark oder burschikos. Auch ist der Titel Die Bibel – Was man wirklich wissen muss etwas ranschmeißerisch.

Das macht aber nichts, denn der Laie (Theologen werden hier und da die Nase rümpfen) liest das Buch mit Spannung und Gewinn. Er sieht, wie ernst der Autor es meint, mit welcher Leidenschaft hier, mit welcher Trauer dort er die Sache, um die es geht, anhand der biblischen Texte schildert. Nicht immer hat er eine Antwort parat. Der Skandal der Auferstehung – wie geht der moderne Mensch damit um? Nürnberger hält nichts davon, ihn wegzuerklären, und er schließt mit diesem Trost: "Die Hoffnung, Gott werde am Ende aller Tage ein paar Überraschungen für uns parat haben, widerspricht nicht der Vernunft. Diese Hoffnung bleibt. Wer sie hegt, braucht sie sich von niemandem zerreden zu lassen."