Der kleine reformierte Tempel, schütterer Klassizismus, ein wenig verfallen, ist in dem Gässchen hinter dem Kino La Renaissance nur mit einiger Mühe zu erkennen. Einmal im Monat finden sich in dem alten Gemäuer die Treuen der Gemeinde zusammen, um M. le Pasteur aus der Hauptstadt des Departments und dem Bach-Spiel der zarten alten Dame am Harmonium zu lauschen. Beim letzten Gottesdienst predigte der freundliche Hirte – zur Überraschung des Gastes aus dem Nachbarland – über ein radikales Wort von Dietrich Bonhoeffer: "Wer Gottes Gebot in Frage zieht, der hat ihn schon verleugnet…"

Die Protestanten unseres Nestes (kaum mehr als zwei Dutzend) schienen nicht im geringsten erstaunt zu sein, dass der preußische Lutheraner als einer der großen Zeugen des Evangeliums im 20.Jahrhundert die sonntägliche Betrachtung bestimmte: Sie schienen mit der Gestalt des Deutschen wohl vertraut zu sein, der exakt vier Wochen vor der Kapitulation am 8. oder 9. April 1945 in Flossenbürg von den Schergen des untergehenden Regimes (zusammen mit dem Admiral Canaris) ermordet wurde, keine 40Jahre alt – wie sein Schwager Hans von Dohnanyi im Konzentrationslager Sachsenhausen. In dem dürftigen Tempel unserer französischen Konfessionsgenossen begriff der Gast, dass kein Mann des deutschen Widerstandes so tiefe Spuren im Geist der Christenheit, ja der Menschheit hinterlassen hat wie der Theologe Bonhoeffer, der – anders als Paul Tillich oder Karl Barth – kein geschlossenes Werk geschaffen hat, sondern uns nur Fragmente seines Denkens und seines Glaubens vermachte. Bis hin zu den "Gebeten für Gefangene", die er für die Weihnachtstage 1944 im Gefängnis Berlin-Tegel im Auftrag Harald Poelchaus schrieb, des Anstaltspfarrers, der sich wenigstens einmal in der Woche in den Block der Militärinsassen einzuschmuggeln verstand, zu dem ihm der Zugang strikt untersagt war.

"Die Frage ist wirklich Germanismus oder Christentum"

Bonhoeffer und Poelchau, die einander zuvor kaum je begegnet waren, verband die Einsicht, dass die "Rassenfrage" kein beiläufiger Aspekt der Auseinandersetzung der Kirchen mit dem "Dritten Reich" und seiner so genannten Weltanschauung war: Sie hätte vielmehr, von Beginn an, ein zentrales Element des Konfliktes sein müssen. Im April 1933 schrieb Dietrich Bonhoeffer, wie wir aus der Biografie von Ferdinand Schlingensiepen erfahren, einen kämpferischen Aufsatz unter dem Titel Die Kirche vor der Judenfrage. Diese "Judenfrage" – wir registrieren es von neuem mit traurigem Staunen – war in der Barmer Erklärung aus der Feder von Karl Barth, Hans Asmussen und Thomas Breit, die man als die Geburtsurkunde der Bekennenden Kirche bezeichnen darf, nicht akzentuiert. Vielmehr wurde der skandalöse "Arierparagraph", der Christen jüdischer Herkunft die Ausübung geistlicher Ämter untersagte, mit keiner Silbe erwähnt.

Dietrich Bonhoeffer aber, durch die Heirat seiner Schwester Sabine mit dem jüdischen Juristen Leibholz unmittelbar mit der Bedrohung konfrontiert, hatte schon im Anbruch der nazistischen Diktatur in einem Brief den Kern des Problems beim Namen genannt: "Die Frage ist wirklich Germanismus oder Christentum, und je bälder der Konflikt offen zutage tritt, desto besser. Die Verschleierung ist am allergefährlichsten."

Mit einer Gruppe klarsichtiger Theologen arbeitete er in Bethel einen Text aus, der den christlichen Auftrag unmissverständlich beschrieb: "Die Gemeinschaft der zur Kirche Gehörigen wird nicht durch das Blut und also auch nicht durch die Rasse, sondern durch den Heiligen Geist und die Taufe bestimmt. Wir verwerfen jeden Versuch, die geschichtliche Sendung irgendeines Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwechseln. Es kann nie und nimmer der Auftrag eines Volkes sein, an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen…" Da jene Urfassung bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurde, zog Bonhoeffer seine Unterschrift zurück. Stattdessen fertigte er ein Flugblatt Der Arierparagraph in der Kirche, das weite Verbreitung fand.

Ferdinand Schlingensiepen, Gründer der Bonhoeffer-Gesellschaft, hat in dieser ersten Biografie für eine breite Leserschaft – seit dem unvergesslichen Freundeswerk Eberhard Bethges – keine Arbeit vorgelegt, die von literarischem Elan und Ehrgeiz zeugen sollte. Wir werden in einem ruhigen Fluss der Erzählung über die Entwicklungen und Stationen in Leben und Werk des großen Kämpfers unterrichtet, der die Chance, einen amerikanischen Aufenthalt im Sommer 1939 als Chance der eigenen Rettung zu nutzen, nach einem kurzen Ringen mit dem eigenen Gewissen und mit Gott verwarf: "Ausharren bis zum letzten Widerstand kann geboten, Fliehen erlaubt, vielleicht auch geboten sein. Die Flucht des Christen in der Verfolgung bedeutet an sich noch nicht Abfall und Schande; denn Gott ruft nicht jeden in das Martyrium. Nicht Fliehen, sondern Verleugnen ist Sünde…"

Er wählte das Martyrium, denn nichts anderes konnte die Heimkehr mit dem letzten Schiff bedeuten. Bonhoeffer, der sich ohne Schwierigkeit ins Gefüge der radikal-liberalen Theologie nach der Prägung Reinhold Niebuhrs eingefunden hätte, konnte und wollte seine Freunde in Deutschland nicht allein lassen.

Es sind vor allem die präzis gewählten Zitate, mit denen uns der Autor die Annäherung an die so offene und zugleich so komplexe Persönlichkeit Bonhoeffers erschließt. Das Milieu, dem der Sohn des preußischen Großbürgertums mit seinen Verzweigungen in den Adel (durch die Familie der Mutter) entstammt, das Umfeld des jungen Menschen (zum Beispiel des gelernten Berliners im romantisch-verhockten Tübingen), die Physiognomien der Freunde, das "Atmosphärische" und das Private: Die ureigenste Welt des Theologen, der in einer der dramatischen Prüfungen seines Weges nach eigener Aussage erst zum Christen wird – sie bleibt seltsam blass.

Über sein Verhältnis zu Mädchen und Frauen erfahren wir nichts – bis zur Verlobung mit Maria von Wedemeyer, die ihn noch in ihrem entscheidenden Brief, mit dem sie ihr Ja zu einer lebenslangen Bindung sagte, mit "Lieber Herr Pastor Bonhoeffer!" anredete und an dem Sie festhielt, das er in seiner Antwort denn doch in ein Du verwandelte. Man darf sicher sein, dass er das blutjunge Geschöpf niemals geküsst hat. Immerhin zählte er zum Zeitpunkt der Verlobung 37 Jahre.

Und zuvor? Keine Flirts, keine Passionen, nichts, das man damals "Verhältnisse" nannte? Sein Talent zum Umgang mit jungen Burschen aller Schichten und die Freude am Zusammenleben mit Schülern und Kollegen seines Alters wecken die Vermutung, dass er über jenen pädagogischen Eros verfügte, der sich gern mit einer latenten Homoerotik verbindet. Wen könnte, wen sollte das heute noch stören?

Bonhoeffers Statue an der Westminster Abbey in London

Schlingensiepen rückt das Element des Menschlich-Allzumenschlichen nicht in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Vielleicht meinte er, die Nachzeichnung der Entwicklung zum Theologen des Widerstandes, zum Zeugen der Zeit und zum Martyrium verlange karge Nüchternheit. Mag auch sein, dass er der klugen Einsicht folgte, für ein Lebensbild, das die ganze Persönlichkeit umfasse, mit ihr gleichsam sehe, höre, fühle, lebe, liebe und sterbe, sei ihm nicht die Sprache gegeben.

Ein Vorwurf gegen den Autor ist das nicht. Sein Bild des Theologen, des Geistlichen, des Widerstandskämpfers lässt uns nicht gleichgültig. Es macht uns vielmehr begreiflich, warum Bonhoeffers Statue ihren Platz unter den Denkmälern der zehn großen Märtyrer des 20. Jahrhunderts an der Westminster Abbey in London gefunden hat. Und, wer weiß: Vielleicht schreibt ein genialer junger Literat in aller Heimlichkeit schon längst die Biografie des Mannes, des Menschen Bonhoeffer, der sich bis jetzt – von den Briefen an die Braut abgesehen – gleichsam im Schatten seines Wirkens verbirgt.