Sachbuch Nach dem Sturm
Hirnforschung und Geisteswissenschaft können auf fruchtbare Weise kooperieren. Das zeigt das Buch von Hans Markowitsch und Harald Welzer über »Das autobiografische Gedächtnis«
Die öffentliche Diskussion um die Hirnforschung hat sich bislang auf die »großen« Themen konzentriert: auf Bewusstsein, Willensfreiheit oder unser Menschenbild. Zuweilen war damit der Anspruch verbunden, diese seit Jahrhunderten umstrittenen philosophischen Fragen im naturwissenschaftlichen Handstreich zu lösen. Die Erfolgsaussichten solcher Versuche sind zweifelhaft, doch sie haben die Aufmerksamkeit von weniger spektakulären Themen abgelenkt, zu denen die Hirnforschung zumindest ebenso wichtige Beiträge leisten kann.
Eines dieser Themen ist das Gedächtnis, insbesondere das autobiografische Gedächtnis. Für dramatische Auseinandersetzungen ist es schon deshalb ungeeignet, weil seine Existenz nicht bestritten werden kann. Wer behaupten wollte, unser Gedächtnis sei eine Illusion, wäre widerlegt, sobald man sich erstmals an seine These erinnert: Man macht so Gebrauch von ebendem Gedächtnis, dessen Existenz doch bestritten werden soll. Besonderes Interesse verdient dieses Thema deshalb, weil es wie kaum ein zweites die Perspektive der Hirnforschung mit der der Sozial- und Geisteswissenschaften verbindet. Zum einen setzt Erinnerung Aktivitäten in unserem Gehirn voraus. Gleichzeitig handelt es sich aber um ein soziales Phänomen: keine Geschichtsschreibung und kein Gerichtsprozess, kein Ritus und kein Rachefeldzug ohne die Fähigkeit des Erinnerns.
Markowitsch und Welzer, Hirnforscher der eine, Sozialpsychologe der andere, fällt es daher nicht schwer, die Fruchtbarkeit einer interdisziplinären Perspektive deutlich zu machen. Beide entwickeln eine Theorie des autobiografischen Gedächtnisses, die den aktuellen Kenntnisstand der Neurowissenschaften widerspiegelt, gleichzeitig aber auch auf der Höhe der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung ist.
Dabei ist das Ganze weit mehr als die Summe seiner Teile, denn beide Ansätze ergänzen und erklären sich wechselseitig. So kommt es immer wieder zu überraschenden Konstellationen: Norbert Elias’ Theorie der Zivilisation etwa wird herangezogen, um Aufschluss zu geben über die Bedingungen, unter denen Subjektivität entsteht. Umgekehrt geben die Neurowissenschaften Aufschluss über Gedächtnisphänomene, die Marcel Proust auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit beschrieben hat.
Die Erinnerung an die eigene Geschichte ist am verletzlichsten
Das autobiografische Gedächtnis ist nur eine von mehreren Formen des Erinnerns. So haben wir ein Gedächtnis für Fertigkeiten wie das Fahrradfahren oder Klavierspielen. Dieses Gedächtnis entsteht früh in unserer Lebensgeschichte, es ist sehr stabil, doch können wir nur in einem begrenzten Maße bewusst auf seine Inhalte zugreifen: Dies zeigt sich, wenn wir zu erklären versuchen, wie man Fahrrad fährt.
Das autobiografische Gedächtnis dagegen ist der aktiven, bewussten Erinnerung zugänglich, zudem enthält es nicht nur bloße Wissensinhalte (»Paris ist die Hauptstadt von Frankreich«), sondern bedeutsame Ereignisse aus der Lebensgeschichte der sich erinnernden Person, die damit selbst zum Gegenstand der Erinnerung wird. Gegenstand meines autobiografischen Gedächtnisses könnte daher ein für mich besonders wichtiges Erlebnis bei meinem letzten Aufenthalt in Paris sein. Das autobiografische Gedächtnis tritt ab dem Alter von etwa drei bis vier Jahren auf. Es stellt die späteste und höchste, aber auch die verletzlichste Form unseres Erinnerns dar und ist ein Privileg menschlicher Lebewesen.
Dieses Gedächtnis spielt überdies eine zentrale Rolle für die Vorstellung, die wir von uns selbst, unseren Wünschen und Vorstellungen, unseren besonderen Merkmalen und natürlich von unserer Lebensgeschichte haben. Gleichzeitig erlaubt es uns, Erfahrungen aus der Vergangenheit zu nutzen, um zukünftige Ziele festzulegen oder zu erwartende Entwicklungen vorherzusagen. Es bildet damit eine wichtige Voraussetzung für planvolles Handeln über längere Zeiträume und befreit uns von dem Zwang zu einer unmittelbaren, momentabhängigen Reaktion, wie sie für Tiere typisch ist. So führt das autobiografische Erfahrungsgedächtnis zu einer massiven Vergrößerung unseres Handlungsspielraums und damit zu einem kaum zu überschätzenden Anpassungsvorteil.
Besonders aufschlussreich ist der Entstehungsprozess dieser Fähigkeit. Ihm widmen Markowitsch und Welzer zu Recht besondere Aufmerksamkeit. Basale Erinnerungsleistungen lassen sich bereits bei Neugeborenen beobachten; diese sind zum Beispiel in der Lage, die Stimme ihrer Mutter von der anderer Frauen zu unterscheiden. Ein erster wesentlicher Schritt zum autobiografischen Gedächtnis wird im Alter von neun Monaten vollzogen. Kinder entwickeln zu dieser Zeit ein Gespür für die Emotionen und Absichten anderer Personen, sie können nun Blicke und Gesten interpretieren und gewinnen die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit gemeinsam mit anderen einem Gegenstand zuzuwenden, kurz: Sie treten in den »sozialen Raum« ein. Dieser Prozess fällt in eine Phase intensiver Gehirnentwicklung; vor allem die Synapsen, also die Kontaktstellen zwischen den einzelnen Nervenzellen, vermehren sich rasant.
Von einem autobiografischen Gedächtnis kann man jedoch erst nach weiteren Fortschritten im Alter von drei bis vier Jahren sprechen. Wichtige Voraussetzungen bilden der Spracherwerb sowie die Fähigkeit, die Überzeugungen, Wünsche und Bedürfnisse anderer Personen zu erkennen, auch wenn sie sich von den eigenen unterscheiden. Kinder in diesem Alter können sich aktiv und bewusst an Erlebnisse in ihrer Vergangenheit erinnern, und sie wissen dabei, dass wirklich sie es waren, die diese Erlebnisse gehabt haben. Sie verfügen zudem über eine stabile Vorstellung von sich selbst und benutzen nicht mehr ihren Namen, sondern das Wörtchen »ich«, wenn sie von sich selbst sprechen.
- Datum 08.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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