Religion Der Entmächtiger
René Girards Monotheismus der Gewaltlosigkeit besteht auf der Unschuld unschuldiger Opfer
Warum die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt in den letzten zehn Jahren so steil nach oben geschossen ist, braucht nun wirklich nicht erläutert zu werden. Der große Streit um die Rolle, die der Monotheismus dabei spielt, wurde von Jan Assmann losgetreten, der feststellte, in der von »Moses dem Ägypter« neu gegründeten Gegenreligion sei erstmals in der Religionsgeschichte der Menschheit von wahrer und falscher Religion die Rede gewesen. Ein schlimmer Sündenfall? Im intellektuellen Justemilieu regierte und regiert noch immer das gefühlte Dogma, in Sachen Religion dürfe von wahr oder falsch bei Strafe der Intoleranz keine Rede sein. Wer seine Religion für wahr und die seiner Nachbarn für falsch hält, entfesselt der nicht schon mal einen Religionskrieg? Und haben nicht unsere globalen Sorgen und die Probleme mit dem ubiquitären Terrorismus alle einen religiösen Hintergrund?
Aber gemach, gemach! Wer die Wahrheitsfrage eliminieren will, unterbindet auch jede Religionskritik. Die Variationen über das alte Thema von Vernunft und Glaube müssen präziser werden. Es empfiehlt sich, einen Monotheismus, der die Wahrheit zu besitzen meint und sich daher göttlich ermächtigt fühlt, sie mit Feuer und Schwert zu verbreiten, von einem Monotheismus zu unterscheiden, der entmächtigt, indem er dem Mächtigen einen himmlischen Vorgesetzten verpasst, der ihm im Nacken sitzt und gleichzeitig ein unkalkulierbares Mysterium ist.
Es sieht so aus, als habe Assmann Recht. Die »Mosaische Unterscheidung« war tatsächlich so etwas wie eine Supernova, der Beginn der Aufklärungsgeschichte in der Religion. Die Pointe der biblischen Aufklärung mutet paradox an. Sie besteht in der Einsicht, dass der religiöse Glaube nicht der Vernunft entstammen kann, dann wäre Gott ihr Produkt, also selbst gemacht. Der nicht selbst gemachte Gott – das ist in der Tat der Nukleus aller Religionskritik. Er öffnet im alten Israel einem ganz Anderen das Entree, dem, der von sich nur preisgibt: »Ich bin da.« Wenn es richtig ist, was zum Beispiel bei Jesaja (Kapitel 44) steht, dass selbst gemachte Götter nichts weiter sind als die Verlängerung menschlicher Bedürfnisse und Wünsche, dann bleibt nur noch die Selbstoffenbarung Gottes als vernunftkompatible Möglichkeit übrig. So hängen Vernunft und Offenbarung in der Wurzel zusammen.
Seit einiger Zeit machen vor allem deutsche Theologen mit unterschiedlichen Akzentuierungen die vernünftige Seite des Monotheismus jüdischer und christlicher Prägung stark. Josef Ratzinger respektive Benedikt XVI., Johann Baptist Metz, Gerd Neuhaus, Karl Lehmann und andere reden von biblischer Aufklärung.
Zu ihnen ist seit einigen Jahren der Literaturwissenschaftler und Mythenspezialist René Girard gestoßen. Er ist eigentlich kein Theologe und kommt doch zu einem Ergebnis, das zu der Assmannschen Behauptung passt, die Religion der Bibel habe ein »Niveau von Geistigkeit« erreicht, hinter das wir nicht mehr zurückfallen könnten.
Girard verstößt mit Lust und ansteckendem Vergnügen gegen just jene Überzeugungen des intellektuellen Mainstreams, die so grundlegend und selbstverständlich sind, dass sie einer Begründung scheinbar nicht bedürfen. Er ist kein Relativist und glaubt, dass es Wahrheit auch im Singular gibt. Er merkt an, dass es zwar in der Geschichte von Juden und Christen schreckliche antisemitische Exzesse gegeben hat, zeigt aber, dass das Christentum im Kern nicht antisemitisch ist. Er teilt nicht die relativistische Grundannahme der meisten Ethnologen, dass alle Kulturen gleich wertvoll seien, und er bürstet die Neigung des vorigen Jahrhunderts gegen den Strich, überall nur Fiktives zu sehen: Im Bann der tiefen Einsicht, dass ein Zeichen nicht mit dem verwechselt werden darf, was es bedeutet, wurde im Zeitalter des linguistic turn die Referenz zu den Sachen gekappt und durch Selbstreferenzialität ersetzt.
Der Mord am unschuldigen Opfer ist die Urlüge des Mythos
Theorien mögen apart, originell oder moralisch aufgeladen sein, ihr Schicksal entscheidet sich für ihn an der Frage, ob sie die Realität »lesen«. Lesen heißt nach der griechischen Urbedeutung des Wortes »wiedererkennen«. Wir müssen die Realität in der Theorie wiedererkennen können, das macht ihre Erklärungskraft aus. Girard ist Franzose und Aufklärer. Er lebt und lehrt in Nordamerika, dem Heimatland der Political Correctness. Aufklären heißt für ihn erklären, was bisher unter einem mythischen Schleier verborgen war.
Er sieht den Vorzug seiner »mimetischen Theorie« in ihrer doppelten Erklärungskraft. Sie enthüllt nicht nur das, was unter einem mythischen Schleier verborgen war, sie zeigt auch die Gründe auf, warum es den Schleier gibt. Sie erklärt mehr als der Strukturalismus des Lévi-Strauss, mehr auch als Freud. Nicht die Sexualität, sondern die Nachahmung ist der fundamentale Trieb. Auch Nietzsche wird gegen den Strich gelesen. Um diese Namen herum gruppieren sich die Denkschulen, die Girard überbieten will. Mit ihnen setzt sich die Sammlung von Essays auseinander. Sie ist ursprünglich auf Englisch erschienen, 2002 in einer französischen Ausgabe mit einem neuen Vorwort und wird nun, seltsamerweise aus dem Französischen übersetzt, jetzt auf Deutsch vorgelegt.
Die mimetische Theorie ist im Kern nicht sehr kompliziert: Unser Verhältnis zu den Dingen, die wir erstreben und haben wollen, ist nicht nur durch zwei Pole bestimmt, etwa nach dem Muster: Subjekt begehrt Objekt. Oft, fast immer, ist mindestens ein weiteres Subjekt im Spiel, das wir nachahmen. Was ein anderer haben will, muss ich auch haben. Das Begehren steckt an. Beispiel: Das einsame Einzelkind hat kein besonderes Interesse an den Spielsachen im Sandkasten. Es muss sein Schippchen erst in dem Moment haben, und zwar unbedingt, in dem ein anderes Kind danach greift. Der einfache Gedanke: Das Subjekt begehrt nicht umstandslos das Objekt, sondern das Subjekt ahmt das Begehren eines anderen Subjekts nach. Das ist Mimesis, Nachahmung.
- Datum 08.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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