Sterbehilfe»Ich will nur fröhliche Musik«

Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und lässt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben von B. Grill

Es ist der Moment, den die Mutter am meisten gefürchtet hat. Der Moment, der die Kraft einer jeden Mutter übersteigt. Gleich wird ihr Sohn aufstehen von dem Platz unter dem Kruzifix am Küchentisch, an dem er immer sitzt. Er wird zu ihr sagen: Du warst die beste Mutter der Welt, ich danke dir für alles. Aber jetzt muss ich gehen.

Dann tritt er zum letzten Mal aus der Küche mit dem böhmischen Gewölbe hinaus. Die Mutter begleitet ihn diesmal nicht. Zum ersten Mal bleibt sie sitzen auf dem Platz in der Küche, an dem sie immer sitzt, und hört seine Schritte im Hausflur verhallen.

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Urban steht noch einen Augenblick in der Hofeinfahrt, ein warmer, bernsteingelb leuchtender Spätherbsttag. Er trägt seinen schwarzen Ledermantel, hat seine Sonnenbrille auf. Er schaut sich noch einmal um. Das Bauernhaus. Der Obstanger. Der Hühnerstall. Der Getreidespeicher mit dem leeren Storchennest auf dem Dachfirst. Dann steigt er ins Auto. Seine letzte Reise beginnt, die Reise in den Tod, von Oberbayern in die Schweiz, nach Zürich, zu den Sterbehelfern von Dignitas. Es ist 8.35 Uhr morgens, am 25. November 2004, als das Auto in die Bundesstraße 15 einbiegt. Urban weiß, dass er in ungefähr dreißig Stunden tot sein wird.

Der Tag, an dem er die Reise ohne Wiederkehr beschlossen hat, war der 30. Oktober. Er war mit seiner Schwester in Augsburg gewesen, bei einem Heilpraktiker, der mit biologischen Zytostatika arbeitet, mit »einzigartigen Mitteln«, wie er betonte. Aber nach einer dreistündigen Diskussion kapituliert er: Warum sind Sie mit ihrem Krebsleiden nicht viel eher gekommen? Jetzt ist die Heilung leider sehr unwahrscheinlich. Weil die Hoffnung, die der Mann noch machen konnte, so winzig war, hat Urban diese letzte Option verworfen. Auf der Heimfahrt packte ihn die Wut, er wäre beinahe aus dem fahrenden Auto gesprungen. Seine Schwester schrie ihn an. Sie kehrten ins Elternhaus zurück, und noch am selben Abend entschied er: Ich will nicht mehr.

Irgendwann im März hatte Urban zum ersten Mal von Sterbehilfe gesprochen, in Amerika wurden gerade die Apparate abgeschaltet, die Terri Schiavo fünfzehn Jahre lang im Wachkoma am Leben – oder am Sterben – gehalten hatten. Er sah die Demonstranten mit Schildern, auf denen »Mörder!« prangte. Das ist doch pervers, kommentierte Urban, jedes todkranke Tier wird eingeschläfert, bei Menschen ist es ein Verbrechen. Dass er selber schon bald in die Lage kommen würde, schnell sterben zu wollen, war ein fernes, unwirkliches Szenario. Urban war optimistisch. Natürlich würde er den verdammten Krebs besiegen.

Nach vier Gewebeproben steht der Befund fest

Keine fünf Monate später, im August, bittet Urban seinen älteren Bruder, Kontakt zu Dignitas aufzunehmen. Er studiert die postwendend aus Zürich zugesandten Unterlagen sehr gründlich. Menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben – allein die Tatsache, dass dieser Notausgang offen steht, besänftigt ihn in seinem Zorn auf Gott und die Welt. Die Geschwister ängstigt er. Ein Schierlingsbecher für unseren Bruder, undenkbar, völlig ausgeschlossen.

Urban wird Mitglied bei Dignitas, nur wer Mitglied ist, kann die Dienstleistung der Organisation, den assistierten Suizid, in Anspruch nehmen. Er zahlt die Aufnahmegebühr und den Mindestjahresbeitrag, insgesamt 150 Franken.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er die hoch dosierte Chemotherapie bereits abgebrochen, sie macht mich wahnsinnig, klagte er, ich bin kein Versuchskarnickel, ich bin ein Mensch, dem noch eine Freiheit geblieben ist, eine einzige: der begleitete Freitod. Helft mir, ich weiß, dass ich euch etwas Unmögliches abverlange. Was hätten ihm seine Geschwister entgegenhalten sollen, nach diesem Golgatha eines Krebskranken, das sie selber oft an den Rand der Verzweiflung getrieben hat?

Bei Forstinning fährt das Auto auf die A94, Urban verlässt den inneren Heimatkreis. Er wird begleitet von der Schwester, dem Bruder und Jo, einem engen Freund, der das Fahrzeug, einen Lieferwagen seiner Firma, für den Krankentransport behelfsmäßig umgerüstet hat. Alle hoffen, dass keine medizinischen Komplikationen während der Anfahrt auftreten. Urban wurde auf die Ladefläche gebettet, die Vorhänge sind zugezogen, er ist eingeschlummert.

Die Schwester, eine Arzthelferin von Beruf, hat alle nötigen Hilfsmittel eingepackt, Medikamente, Injektionskanülen, Messgeräte, Verbandsmaterial, eine Wärmflasche für die eisigen Füße. Sie betreut Urban seit neun Monaten mit schwesterlicher Hingabe, sie ist unglaublich stark, aber diese Reise wird am Ende auch ihre Kräfte aufzehren.

Es begann mit einem eitrigen Abszess am linken Zungenrand. Irgendeine Mundinfektion, glaubte Urban zunächst, aber der unheimliche Schmerz alarmierte ihn. Zahnarzt, HNO-Spezialist, Gewebeprobe, nach drei Tagen die Diagnose: pT3 pN0 G 2-3 R1 M0 Mundbodenkarzinom links. Zungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium, Überlebenschance allerhöchstens 50 Prozent. Das war am 18. März 2004, zwei Tage nach seinem sechsundvierzigsten Geburtstag. Nach drei weiteren Biopsien ist der histologische Befund unumstößlich.

Das Atmen fällt immer schwerer, die Schmerzen werden zur Folter

Am 23. April die erste Operation im Universitätsklinikum München-Großhadern, langsame Rekonvaleszenz, dann eine arterielle Spritzblutung, Notoperation. Es war, als würde ich im eigenen Blut ersaufen, erzählt Urban auf der Intensivstation. Ab dann geht es allmählich aufwärts. »Am 24. Mai 2004 wurde eine Nachresektion durchgeführt. Der Tumor konnte in sano entfernt werden«, vermerkt das Datenblatt der Uniklinik. Erstaunliche Besserung, Urban kann wieder feste Nahrung zu sich nehmen.

Er geht mit den Geschwistern zum Essen, zu Roberto, seinem Italiener, und zwingt ein Zanderfilet hinunter, ganz langsam, Gabelspitze für Gabelspitze, es dauert fast eine Stunde, aber es klappt. Die Zuversicht ist zurückgekehrt.

Leserkommentare
  1. Ein ganz außergewöhnliches Dossier! In allen Facetten informativ und zugleich sehr einfühlsam geschrieben. Der Autor zeigt eine bedenkswerte Alternative zum Hospiz auf. Der Artikel beweist, dass auch selbstbestimmter Tod eine Möglichkeit ist, nicht zu besiegendem Krebs entgegenzutreten. Hier ist ein Mensch auf eigenen Wunsch in aussichtsloser Situation mit großer Würde aus dem Leben geschieden. Dies verdient meine unbedingte Hochachtung.

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  2. Ein erschütternder Bericht, glaubwürdig, ernsthaft, mit seltsamen Punkten der Selbstnachfrage in mir als Leser: Würde ich auch .., mich so in den Tod begleiten lassen wollen?
    <br />Ich kann darauf heute keine Antwort geben, weil ich nicht weiß, wie meinen letalen Umstände sein werden. Aber es gbit eine freundliche From der "Euthanasie", und ich werde fortan diesen Begriff so unbelastet wie in den Niederlanden verwenden - eine menschenmöglich gut Art zu sterben.
    <br />

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  3. Dem Verstorbenen gehört mein Mitgefühl. Ich respektiere seine Entscheidung.
    <br />Leider kannte er kein Hospiz und offenbar auch nicht die - immerhin von der oben im Hause wohnenden erfahrenen Krankenschwester propagierte - Schmerztherapie.
    <br />Der Journalist stellt das Ganze recht listig dar:
    <br />Kirche: negativ (wie üblich) - am Schluß ein wenig versöhnlich (Theologiestudent, Diakon - immerhin; und kein Gerede in der kath. Heimatgemeinde). - Auch das berühmte Zitat aus Hiob (der wirklich Furchtbares durchgemacht hat - vielleicht liest man es noch einmal in Ruhe) - aber offenbar nicht verstanden...
    <br />Juristisch: abgesichert...
    <br />Bei aller Anteilnahme wenig informiert über Phasen eines Sterbenden, über das Auf und Ab, über Bilanzierungen, Träume mit ihrer Symbolkraft.
    <br />Insgesamt: Schade, da einseitig.
    <br />Human an diesem Sterben war - die Begleitung unter möglichster Linderung der Schmerzen: eben genau das, was im Hospiz keineswegs verlogen (!) geschieht.
    <br />reginhard.

    • ppuppe
    • 25. Januar 2006 9:40 Uhr

    Lieber Herr Grill,
    <br />
    <br />herzlichen Dank für diesen warmherzigen, großartigen Bericht! Ich selbst habe im Juni 2005 einen 90jährigen Herrn in die Gertrudenstraße in Zürich begleitet. Er war nicht 'sterbenskrank', aber sein tägliches Leiden erschien ihm unvereinbar mit seiner menschlichen Würde. Ich konnte dies nachvollziehen und habe ihm geholfen, seinen Wunsch nach Selbsterlösung zu verwirklichen. Für alle, die es interessiert, habe ich ein Hörbuch produziert: "Sterbehilfe - die letzten Wochen des Klaus G. - Zur Illusion humanen Sterbens in Deutschland". Info unter www.peterpuppe.de
    <br />
    <br />Herzlichen Gruß
    <br />Peter Puppe

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  4. Ich hatte den Artikel damals gelesen,2-3 mal,er hat mich damals sehr berührt.Glückwunsch aus Reinbek.

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  5. 6. Danke

    Im Kaffeehaus
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    <br />
    <br />Der Feind darf niemals von Innen kommen
    <br />Ich verehre die Ungewissheit
    <br />Der Barkeeper macht aus seinem Job einen Sport
    <br />Ästhetik im Zeitraffer
    <br />Gläser fliegen durch die Luft
    <br />Der Krebs wird nicht erkannt
    <br />Der Feind kommt von Innen
    <br />Gäbe es gegen den Tod eine Aspirin
    <br />Für Menschen das Atmen in Dosen
    <br />Euthanasie
    <br />Heißt ein See in der Schweiz
    <br />Gäbe es gegen den Tod eine Aspirin
    <br />Der Feind kommt von Innen
    <br />Ich sitze am Tresen und trinke ein Hefeweizen
    <br />Ich weiß nicht, ob der Krebs mich hat
    <br />Der Barkeeper im weißen Hemd
    <br />Bewegt sich wie ein Artist
    <br />Jongliert selbstsicher mit Tassen und Gläsern
    <br />Stellt sie aufs Tablett und auf den Tresen
    <br />Ich trinke
    <br />Ich trinke von der Ungewissheit, die
    <br />In mattem Gold vor mir schimmert
    <br />Leonard Cohen singt schöne Liebeslieder
    <br />
    <br />
    <br />(Ich schrieb diese Zeilen nachdem ich die Sterbegeschichte
    <br />von Urban Grill gelesen hatte. Es ist schwer, meine Gefühle
    <br />dazu in Worte zu fassen. Respekt dem verstorbenen Urban
    <br />Grill und seinen tapferen Angehörigen und Freunden, die
    <br />seinen letzten Weg begleiteten. Danke für die diese
    <br />Geschichte.)

  6. Von Stefan KroskiNichts ist einer hedonistischen Gesellschaft ärgerlicher als das Kreuz. Wenn es stets darum geht, Spass zu haben, das Glück als käuflich und den Frieden als machbar erscheinen zu lassen, dann kann die Devise nur heissen: Holt Jesus vom Kreuz!
    Unsere säkularisierten Gesellschaften sind eifrig dabei, diese Grundeinstellung Wirklichkeit werden zu lassen. Die Würde des Menschen wird zunehmend so interpretiert, dass wir das Recht haben, uns noch vor Alterskrankheiten und grösseren Schmerzen nach freiem Willen den Tod zu geben.Die Schweizer Organisationen DIGNITAS und EXIT sind keine Unbekannten mehr. Sie ermöglichen den begleiteten Freitod unter ärztlicher Aufsicht und Mitwirkung. Voraussetzung sind (derzeit noch) unheilbare Krankheiten. Das Schweizer Parlament hat diese Art des Sterbens unter Berufung auf die Europäischen Menschenrechte legalisiert.In Zapateros Spanien ist ein radikaler gesellschaftlicher Umbau aktuelle Realität. Rechtfertigung und Rückhalt gibt die Europäische Menschenrechtskonvention. Für viele Christen wird immer offensichtlicher, dass diese hart erkämpften und wichtigen europäischen Rechte nicht ausreichend sind, um eine christlich orientierte Gesellschaft.Schweigt die Kirche zu diesen Themen? Ganz und gar nicht. Stellvertretend für viele Initiativen und Stellungnahmen können wir die Worte von Papst Benedikt XVI. nachlesen (Ansprache des Papstes Frühjahr 2007 in der Hofburg, Wien):„Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, dass eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwer kranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selber zu geben.Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung - besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin - und nicht “aktive Sterbehilfe”. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals.Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen.In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht - sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden.“Aus dem Stundengebet zum Karfeitag:Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Jesus, Mann der Schmerzen, erbarme dich. Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäss mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt. Erbarme dich unser.Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, amen.www.dignitas.chZum Selbstbestimmungsrecht im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK gehört auch das Recht, über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens zu entscheiden.http://www.zeit.de/2005/50/Sterbehilfe Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und lässt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben. .Lesen Sie auch: > Hier werden Sie gestorben !

  7. Urban war ein bewundernswerter und toller Mensch ! Er hat Achtung verdient ! Ich wusste nie dass es seine Entscheidung war zu sterben ! Ich danke ihm einfach nur für alles !Ruhe in Frieden ! Ohne ihn wäre ich jetzt nicht das was ich jetzt bin ! Ich danke dir lieber Bani <3 In ewiger Liebe
    Nathalie

    Eine Leserempfehlung

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