Sterbehilfe »Ich will nur fröhliche Musik«Seite 7/7
Nur noch die Schwester und der Theologiestudent sind im Raum. Urban setzt sich auf die Bettkante, Herr W. streut das Schlafmittel in das Wasserglas, 15 Gramm Natrium-Pentobarbital, eine letale Dosis. Urban nimmt das Gefäß mit zitternder Hand, führt es zum Mund, leert es in drei, vier kräftigen Zügen und lehnt sich an die linke Schulter seiner Schwester, Herr W. kniet vor ihm. Urban legt den Zeigefinger auf die Lippen. Er sagt nichts mehr, nur noch ein kurzes »Pssssst!« entweicht seinem Mund. Nach zwei Minuten schläft er ein, die Schwester legt ihn aufs Bett und hält seine Hand. Urbans Züge entspannen sich, er lächelt, wie er seit März nicht mehr gelächelt hat. Er hat den Krebs besiegt. Er hat die Ketten seines Leidens gesprengt.
Nach knapp zehn Minuten setzt die Atmung aus. Nach sechzehn Minuten spürt die Schwester seinen Puls nicht mehr. Es ist 16.06 Uhr, 26. November 2004. Die Schwester wankt ans Fenster und öffnet es weit, damit die Seele ihres Bruders hinausfliegen kann.
Eine Gerichtsmedizinerin untersucht die Leiche und beglaubigt den Exitus. Im Vorraum befragen zwei Polizeibeamte die Geschwister. Ein Staatsanwalt protokolliert den Todesfall, um gerichtliche Nachforschungen später auszuschließen.
Drei Wochen später trifft die Urne mit Urbans Asche beim Bundeszollamt in München ein. Sie wird überführt in das Leichenschauhaus von R. Bei der Beerdigung spielt ein Freund auf der Querflöte, heitere Melodien aus Kuba.
Auf dem Sterbebild steht ein Gedicht von Rainer Maria Rilke.
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.
Über die letzte Reise Urbans ist bis zum heutigen Tage kein einziges böses Wort in der katholischen Heimatgemeinde bekannt geworden.
- Datum 14.01.2007 - 11:40 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 08.12.2005 Nr.50
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Ein erschütternder Bericht, glaubwürdig, ernsthaft, mit seltsamen Punkten der Selbstnachfrage in mir als Leser: Würde ich auch .., mich so in den Tod begleiten lassen wollen?
Ich kann darauf heute keine Antwort geben, weil ich nicht weiß, wie meinen letalen Umstände sein werden. Aber es gbit eine freundliche From der "Euthanasie", und ich werde fortan diesen Begriff so unbelastet wie in den Niederlanden verwenden - eine menschenmöglich gut Art zu sterben.
Ein ganz außergewöhnliches Dossier! In allen Facetten informativ und zugleich sehr einfühlsam geschrieben. Der Autor zeigt eine bedenkswerte Alternative zum Hospiz auf. Der Artikel beweist, dass auch selbstbestimmter Tod eine Möglichkeit ist, nicht zu besiegendem Krebs entgegenzutreten. Hier ist ein Mensch auf eigenen Wunsch in aussichtsloser Situation mit großer Würde aus dem Leben geschieden. Dies verdient meine unbedingte Hochachtung.
Lieber Herr Grill,
herzlichen Dank für diesen warmherzigen, großartigen Bericht! Ich selbst habe im Juni 2005 einen 90jährigen Herrn in die Gertrudenstraße in Zürich begleitet. Er war nicht 'sterbenskrank', aber sein tägliches Leiden erschien ihm unvereinbar mit seiner menschlichen Würde. Ich konnte dies nachvollziehen und habe ihm geholfen, seinen Wunsch nach Selbsterlösung zu verwirklichen. Für alle, die es interessiert, habe ich ein Hörbuch produziert: "Sterbehilfe - die letzten Wochen des Klaus G. - Zur Illusion humanen Sterbens in Deutschland". Info unter www.peterpuppe.de
Herzlichen Gruß
Peter Puppe
Ich hatte den Artikel damals gelesen,2-3 mal,er hat mich damals sehr berührt.Glückwunsch aus Reinbek.
Dem Verstorbenen gehört mein Mitgefühl. Ich respektiere seine Entscheidung.
Leider kannte er kein Hospiz und offenbar auch nicht die - immerhin von der oben im Hause wohnenden erfahrenen Krankenschwester propagierte - Schmerztherapie.
Der Journalist stellt das Ganze recht listig dar:
Kirche: negativ (wie üblich) - am Schluß ein wenig versöhnlich (Theologiestudent, Diakon - immerhin; und kein Gerede in der kath. Heimatgemeinde). - Auch das berühmte Zitat aus Hiob (der wirklich Furchtbares durchgemacht hat - vielleicht liest man es noch einmal in Ruhe) - aber offenbar nicht verstanden...
Juristisch: abgesichert...
Bei aller Anteilnahme wenig informiert über Phasen eines Sterbenden, über das Auf und Ab, über Bilanzierungen, Träume mit ihrer Symbolkraft.
Insgesamt: Schade, da einseitig.
Human an diesem Sterben war - die Begleitung unter möglichster Linderung der Schmerzen: eben genau das, was im Hospiz keineswegs verlogen (!) geschieht.
reginhard.
Im Kaffeehaus
Der Feind darf niemals von Innen kommen
Ich verehre die Ungewissheit
Der Barkeeper macht aus seinem Job einen Sport
Ästhetik im Zeitraffer
Gläser fliegen durch die Luft
Der Krebs wird nicht erkannt
Der Feind kommt von Innen
Gäbe es gegen den Tod eine Aspirin
Für Menschen das Atmen in Dosen
Euthanasie
Heißt ein See in der Schweiz
Gäbe es gegen den Tod eine Aspirin
Der Feind kommt von Innen
Ich sitze am Tresen und trinke ein Hefeweizen
Ich weiß nicht, ob der Krebs mich hat
Der Barkeeper im weißen Hemd
Bewegt sich wie ein Artist
Jongliert selbstsicher mit Tassen und Gläsern
Stellt sie aufs Tablett und auf den Tresen
Ich trinke
Ich trinke von der Ungewissheit, die
In mattem Gold vor mir schimmert
Leonard Cohen singt schöne Liebeslieder
(Ich schrieb diese Zeilen nachdem ich die Sterbegeschichte
von Urban Grill gelesen hatte. Es ist schwer, meine Gefühle
dazu in Worte zu fassen. Respekt dem verstorbenen Urban
Grill und seinen tapferen Angehörigen und Freunden, die
seinen letzten Weg begleiteten. Danke für die diese
Geschichte.)
Von Stefan KroskiNichts ist einer hedonistischen Gesellschaft ärgerlicher als das Kreuz. Wenn es stets darum geht, Spass zu haben, das Glück als käuflich und den Frieden als machbar erscheinen zu lassen, dann kann die Devise nur heissen: Holt Jesus vom Kreuz!
Unsere säkularisierten Gesellschaften sind eifrig dabei, diese Grundeinstellung Wirklichkeit werden zu lassen. Die Würde des Menschen wird zunehmend so interpretiert, dass wir das Recht haben, uns noch vor Alterskrankheiten und grösseren Schmerzen nach freiem Willen den Tod zu geben.Die Schweizer Organisationen DIGNITAS und EXIT sind keine Unbekannten mehr. Sie ermöglichen den begleiteten Freitod unter ärztlicher Aufsicht und Mitwirkung. Voraussetzung sind (derzeit noch) unheilbare Krankheiten. Das Schweizer Parlament hat diese Art des Sterbens unter Berufung auf die Europäischen Menschenrechte legalisiert.In Zapateros Spanien ist ein radikaler gesellschaftlicher Umbau aktuelle Realität. Rechtfertigung und Rückhalt gibt die Europäische Menschenrechtskonvention. Für viele Christen wird immer offensichtlicher, dass diese hart erkämpften und wichtigen europäischen Rechte nicht ausreichend sind, um eine christlich orientierte Gesellschaft.Schweigt die Kirche zu diesen Themen? Ganz und gar nicht. Stellvertretend für viele Initiativen und Stellungnahmen können wir die Worte von Papst Benedikt XVI. nachlesen (Ansprache des Papstes Frühjahr 2007 in der Hofburg, Wien):„Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, dass eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwer kranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selber zu geben.Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung - besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin - und nicht “aktive Sterbehilfe”. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals.Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen.In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht - sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden.“Aus dem Stundengebet zum Karfeitag:Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Jesus, Mann der Schmerzen, erbarme dich. Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäss mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt. Erbarme dich unser.Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, amen.www.dignitas.chZum Selbstbestimmungsrecht im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK gehört auch das Recht, über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens zu entscheiden.http://www.zeit.de/2005/50/Sterbehilfe Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und lässt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben. .Lesen Sie auch: > Hier werden Sie gestorben !
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