Das beschauliche Münsterland versank am ersten Adventswochenende in einem gewaltigen Chaos. Das Bild von den umgeknickten Stahlmasten wird so schnell nicht vergessen sein. Nur eines bleibt in guter Erinnerung: Die frierenden Menschen – aber auch die pausenlos rackernden Helfer des Stromversorgers RWE – erlebten eine Welle der Solidarität. Umgeknickte Strommasten auf einem Feld bei Laer in der Nähe von Münster BILD

Kaum aber sind die Schäden provisorisch behoben, sieht sich der Energiekonzern heftigen Vorwürfen ausgesetzt. So wächst der Verdacht, dass RWE-Vorstandschef Harry Roels längst über Werkstoffmängel in einem Teil seiner etwa 45000 Strommasten alarmiert gewesen sei, dass der Konzern deren Beseitigung verschleppt und damit das Unglück im Münsterland geradezu provoziert habe. Überdies soll das RWE Investitionen jahrelang verzögert und sich auf Kosten der Verbraucher bereichert haben.

Wahr ist, dass Experten seit Jahren davor warnen, dass die bisher als weltmeisterlich geltende deutsche Stromversorgung auf einen hinteren Platz abrutschen könnte – und hiesige Verbraucher dann länger als 23 Minuten pro Jahr im Dunkeln und Kalten sitzen. Und das wegen mangelhafter Wartung und unzureichender Reinvestitionen in das vermaschte System der Stromleitungen. Nach Erhebungen des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) sind seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahre 1998 die Investitionen der Netzbetreiber kontinuierlich von etwa vier Milliarden Euro auf rund zwei Milliarden Euro im Jahr 2004 gesunken – bezogen auf die reinen Materialkosten.

Das reiche nicht aus, um die gewohnte Netzqualität zu erhalten, warnt Professor Armin Schnettler. Der Direktor des Instituts für Hochspannungstechnik an der RWTH Aachen macht zum Beweis eine einfache Rechnung auf: Der Tagesneuwert der bundesweiten Netzinfrastruktur betrage etwa 100 Milliarden Euro. Betriebsmittel wie Transformatoren und Schaltanlagen seien auf eine mittlere Betriebsdauer von 40 Jahren ausgelegt. Vor der Liberalisierung wurden sie zu diesem Zeitpunkt routinemäßig ausgetauscht. Konservativ gerechnet – also um lediglich eine gleichbleibende Qualität des Netzes zu sichern –, mussten die Netzbetreiber jährlich ungefähr 2,5 Milliarden Euro reinvestieren. Was sie offensichtlich seit dem Ausbruch der großen Freiheit auf dem Strommarkt nicht mehr taten.

Gleichzeitig ließen sie jedoch immer mehr Strom durch ihre Netze fließen. "Die Leitungen sind heute wesentlich stärker ausgelastet als noch vor fünf Jahren", erklärt Schnettler. Die Hauptursache dafür sei der überregionale Stromhandel. Der beim Bau der Netze in den siebziger Jahren nicht absehbare ständige Stromfluss auf hohem Niveau beeinträchtige indes die Instandhaltungsmaßnahmen. "Die höhere Netzauslastung reduziert die möglichen Abschaltzeiten von Leitungen", erklärt Schnettler den verlängerten Einsatz des Netzequipments. Netzbetreiber müssten heute im Gegensatz zu den Jahren vor der Liberalisierung weitgehend auf "flexible Netzabschaltungen" verzichten, und zwar um den eigenen, aber auch den Stromhandel Dritter nicht zu behindern.

Die Stromkonzerne seien längst dazu übergegangen, regelmäßige Wartungszyklen durch "zustandsorientierte Wartungsarbeiten" zu ersetzen, sagt auch Uwe Leprich. Denn mit den Gebühren für die Netzdurchleitung lasse sich trefflich Geld verdienen. Jährlich rund 20 Milliarden Euro kassieren die hiesigen Netzbetreiber für die Nutzung ihrer Leitungen, hat Leprich errechnet, der an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken den Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen leitet. RWE, Deutschlands größter Stromlieferant, erwirtschaftet jährlich rund 4,5 Milliarden Euro mit Netzgebühren. Aber nur knapp die Hälfte dieser Summe, nämlich zwei Milliarden Euro, stecke der Konzern derzeit jährlich in den Betrieb und Erhalt seiner Stromnetze, bestätigt ein RWE-Sprecher.

Ein Teil dieses Geldes fließt in den Austausch von Masten, deren Werkstoff nach Jahrzehnten der Belastung versprödet oder ermüdet ist – und unter extremen Belastungen zur Gefahr für die Umwelt werden kann. Besonders die nach dem so genannten Thomas-Verfahren veredelten Stähle sind davon betroffen. 7000 der insgesamt 28000 Masten des in die Diskussion geratenen Werkstoffs hat der Konzern in den vergangenen Jahren prophylaktisch ersetzen lassen.

Indes ist der Vorwurf, dass die aus Thomasstahl hergestellten Masten ursächlich zur Katastrophe im Münsterland geführt hätten, unter Werkstoffexperten höchst umstritten. "Plastische Gewaltbrüche" habe er an beschädigten Masten erkannt, erklärt Lothar Meyer, Professor für Werkstoffe des Maschinenbaus an der TU Chemnitz, "und keine spröden Durchbrüche". Da sich die Masten unter der Last verformt hätten, sei die Zähigkeit des Materials offenbar ausreichend gewesen. "Nicht sprödes Material, sondern eine unter der ungewöhnlichen Belastung zu geringe Festigkeit" dürfte das Knicken der Masten verursacht haben, so Meyer. "Umformungen statt spröder Brüche durch zu hohe Lasten ließen alte und neue Masten umknicken", bestätigt die Wirtschaftsvereinigung Stahl.