Als ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz im Oktober die Aufgaben im Konzernvorstand neu verteilte, horchten Eingeweihte auf. Seit Monaten jagte in der boomenden Stahlbranche eine Übernahme die nächste. Und nun machte Schulz den Stahlvorstand Ulrich Middelmann zum Mann für Mergers and Acquisitions. Seit vergangener Woche ist klar, warum: Das deutsche Unternehmen - selbst Produkt mehrerer Zusammenschlüsse - mischt wieder bei der Konsolidierung der Branche mit. Als weißer Ritter im Bieterkampf um den kanadischen Hersteller Dofasco will ThyssenKrupp den Branchenriesen Arcelor aus dem Feld schlagen.

Die Chancen dafür stehen gut. Zwar ist Arcelor fast dreimal so groß wie der deutsche Wettbewerber, aber Thyssen ist spendabler, weshalb sich das kanadische Management auch für die Deutschen aussprach. Und wenn Arcelor nicht nachlegt, werden die Aktionäre wohl genauso entscheiden.

Zunächst wirkte die Offerte wie eine Blitzaktion: Erst am Mittwoch vor zwei Wochen formulierte Arcelor sein in Kanada unerwünschtes Angebot, am Donnerstag darauf ging ein Hilferuf beim Düsseldorfer Wettbewerber ein, und bereits am Freitag startete die ThyssenKrupp-Maschine mit den Topmanagern und einer Gegenofferte an Bord nach Ontario. In Wirklichkeit war die Annäherung jedoch lange vorbereitet. Schon im Sommer hatte Middelmann mit den kanadischen Kollegen über eine Zusammenarbeit gesprochen, zunächst ergebnislos, doch in der Not erinnerten sie sich wieder seiner.

Don Pether, der Chef von Dofasco, war in den vergangenen Monaten nicht der Einzige, mit dem Middelmann redete. Auch am zweitgrößten deutschen Hersteller Salzgitter, dem österreichischen Unternehmen Voestalpine, dem britisch-holländischen Wettbewerber Corus und anderen wurde ThyssenKrupp Interesse nachgesagt, was Middelmann nie dementierte.

In der Stahlbranche gebe es weltweit zehn bis zwölf Leute, die sich auskennen, sagt der Manager mit einem feinen Lächeln, und natürlich sei man im Gespräch. Er sagt das an einem Tag, an dem er nur kurz in seinem Büro im 19. Stockwerk des Düsseldorfer Thyssen-Hochhauses vorbeischaut, weil er mit dem Boss des weltgrößten Stahlunternehmens, Lakshmi Mittal, in London zu Mittag speisen wird. Thema des Arbeitsessens: die Konsolidierung des Weltstahlmarktes. Und der nächste Trip nach China ist auch schon geplant.

Dort, in der Bar des Shanghaier Peace Hotel, trifft er gewöhnlich Xie Qihua, die Chefin des führenden chinesischen Stahlherstellers Bao Steel.

Middelmann reist oft ins Reich der Mitte. Der Blick vom Peace Hotel ist einfach berauschend, sagt der sonst so nüchterne Zahlenmensch. Kein Wunder: Direkt gegenüber dem Hotel wächst der High-Tech-Standort Pudong mit Hunderten Hochhäusern aus Stahlbeton, am Ufer des Huangpu-Flusses brummen Zehntausende Autos aus Stahlblech über Hochstraßen, die auf zigtausend Stahlpfeilern stehen.