Die Umweltschützer freuten sich zu früh. Das Kyoto-Protokoll erweist sich als stumpfe Waffe im Kampf gegen Erderwärmung. Die Welt stößt immer mehr klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) aus, der Kyoto-Vertrag läuft bloß bis 2012, und ob die Klimadiplomatie eine bessere Anschlussregelung findet, steht auch nach dem Gipfel in Montreal noch nicht fest. Womöglich fehlt in sieben Jahren, was dann wohl dringender denn je sein dürfte: ein wirksames Klimaschutzregime. Dabei nehmen die Wetterextreme zu, und der Mensch ist als Hauptverursacher identifiziert. Selbst Weltkonzerne wie Siemens, General Electric, Toyota und Volkswagen fordern langfristige Klimaschutzziele als Grundlage für ihre Investitionsplanungen.

Das größte Manko der geltenden Abmachung: Sie unterwirft nur 28 Prozent aller CO2-Emissionen irgendwelchen Begrenzungen. Es sind die in Europa, in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in Japan und Kanada. Die USA als weltweit größter Emittent (5,8 Milliarden Tonnen) haben das Abkommen nicht ratifiziert. China, der zweitgrößte Emittent, gehört zwar zu den Kyoto-Staaten, ist aber keine Verpflichtung zur Begrenzung seines CO2-Ausstoßes eingegangen. Ohne die beiden Länder ist jedes Klimaschutzregime fast wirkungslos. Ein Post-Kyoto-Abkommen muss sie deshalb einbinden.

Vermutlich wird das nur gelingen, wenn sich die Klimadiplomatie vom Prinzip des Grandfathering abwendet. Danach gelten die Emissionen eines Basisjahres - laut Kyoto-Protokoll war es 1990 - als Grundlage für die Verteilung von künftigen Emissionsrechten. Diesem Vorgehen wollen sich die Entwicklungsländer nicht unterwerfen, aus gutem Grund. Ihre Pro-Kopf-Emissionen liegen unter denen der Industrieländer: Pro Kopf emittierte China beispielsweise im Jahr 2003 nur 2,9 Tonnen CO2, während es jeder US-Bürger auf fast 20 Tonnen brachte. Die Länder des Südens fürchten, dass die Entwicklungsunterschiede zum Norden festgeschrieben werden, wenn auch die ihnen erlaubten Emissionen nach dem Grandfathering-Prinzip begrenzt werden. Friedemann Müller, Klimaschutzexperte des regierungsnahen Think Tank Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), nennt die Regelung fast imperialistisch.

Allerdings stehen die Chancen für ein neues, besseres Klimaschutzabkommen auch dann schlecht, wenn die erlaubten Emissionen nach einem anderen Modus zugeteilt werden. Die Regierung der Vereinigten Staaten widersetzt sich hartnäckig jeder Deckelung des Treibhausgasausstoßes. Damit ist nicht nur rund ein Fünftel der weltweiten Emissionen dem Zugriff der Klimapolitik entzogen - die Entwicklungsländer sind obendrein zu keinen Zugeständnissen bereit, solange die USA nicht einlenken.

Mittlerweile erkennt die Regierung Bush zwar an, dass sich das Klima ändert, dass die Menschen dazu beitragen und dass die Erwärmung jeden Teil des Globus treffen kann. Trotzdem ist Bush allenfalls bereit, den Zuwachs der amerikanischen Emissionen zu verlangsamen.

Derweil läuft den Klimadiplomaten die Zeit davon. Zwischen der Einigung auf den Text des Kyoto-Protokolls und seinem Inkrafttreten im Februar 2005 vergingen sieben Jahre - in weiteren sieben Jahren ist das Kyoto-Protokoll bereits wieder passé. Soll auch danach Klimaschutz noch stattfinden, müssen die Diplomaten bald einen Prozess in Gang setzen, sagt der neue deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel - und zwar einen Verhandlungsprozess, dem weder die USA noch China fernbleiben. Die, die sich diesem Prozess verweigern, machen sich schuldig, richtig schuldig, erklärte Gabriel, bevor er ins Flugzeug in Richtung Montreal stieg.

Allerdings hat das Bemühen, auch die Zauderer ins Boot zu holen, einen Preis: Es senkt zwangsläufig die Ambitioniertheit eines neuen Klimaschutzregimes.