Nach zehn Minuten ist das Schlimmste vorbei. Ein laserähnlicher Lichtstrahl fährt über das Gesicht des Patienten, krebskranke Zellen werden innerhalb von Sekunden zerstört. Drei Stunden lang ist zuvor eine Creme eingezogen. Nach der Behandlung ist die Haut mitunter noch einige Tage gerötet und gereizt. Aber der Hautkrebs verschwindet, und das ohne einen einzigen Schnitt. Der Patient verlässt die Praxis des Hautarztes nahezu gesund.

"Nur leider zahlen die gesetzlichen Krankenkassen für diese Behandlung nicht", sagt Dirk Eichelberg, niedergelassener Hautarzt in Dortmund. "Wenn ich streng nach dem Gesetz vorgehen würde, müsste ich bei Kassenpatienten die kranke Haut herausschneiden, obwohl das schmerzhaft ist und Narben hinterlässt." Dazu kommt es so gut wie nie: Wenn Kassenpatienten gut verdienen, zahlen sie die Behandlung selbst. Die anderen behandelt Eichelberg ohne Honorar. Dass Privatpatienten bei ihm als Kunden erster Klasse gelten, merkt dennoch jeder: Für die Versicherten der Kassen und der privaten Versicherungen gibt es Wartezimmer mit unterschiedlichem Komfort. Privatpatienten können sogar im Internet surfen, doch Eichelberg hat das selten erlebt: "Normalerweise wartet ein Privatpatient bei uns dafür nicht lange genug."

Kurze Wartezeiten, besserer Service, neuere Behandlungsmethoden – solche Unterschiede zwischen den Angeboten für Kassen- und Privatpatienten gibt es seit Bestehen des Bismarckschen Solidarsystems. Über die "Zwei-Klassen-Medizin" haben sich Vertreter der Volksparteien oft erregt, ohne dass viel geschah. Nun ändert sich das: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat angekündigt, die Arbeitsteilung zwischen Krankenkassen und Privatversicherungen gründlich zu reformieren. Schon bei ihren Vorschlägen jaulte der konservative Koalitionspartner auf.

Doch am Wochenende kündigte auch Unionsfraktionschef Volker Kauder eine schnelle Lösung an: Bereits im ersten Halbjahr 2006 wolle man eine Gesundheitsreform präsentieren. Das Ganze sei "Chefsache", darüber habe er sich mit SPD-Fraktionschef Peter Struck verständigt. Die Reform, so heißt es in beiden Parteien, sei die erste Bewährungsprobe für die Große Koalition.

Abschied von der Zwei-Klassen-Medizin. Aber wie?

Und gleich die vielleicht größte. Schließlich lagen die beiden Volksparteien im Wahlkampf bei kaum einem Thema so weit auseinander wie in der Gesundheitspolitik: Die SPD wollte die Bürgerversicherung für alle, die Union warb für die Gesundheitsprämie, die eine Kostenlast von den Arbeitsplätzen nehmen sollte. Noch bei den Koalitionsverhandlungen gingen die Fachleute ohne Einigung auseinander. Nun scheint plötzlich möglich, was vorher undenkbar war: ein schwarz-roter Kompromiss. Er könnte zustande kommen, indem sich die Parteien vorläufig einfach nicht mehr mit der Finanzierung der gesetzlichen Krankenkasse befassen. Für den großen Umbau, den beide Volksparteien planten, fehlen ohnehin die Steuermittel. Weder die Bürgerversicherung noch die Gesundheitsprämie kämen ohne Zuschuss aus. Der neue Reformansatz böte da gleich zwei Vorteile: Beide Seiten wollen den Abschied von der Zwei-Klassen-Medizin. Und er könnte ohne Steuergeld gelingen.