Herr Brügelmann, viele Kinder lernen in der Schule nicht richtig lesen und schreiben. Wie geht der Grundschulverband diesen Missstand an?
Wir haben das Konzept "Pädagogische Leistungskultur" entwickelt. Internationale Tests wie Pisa erheben den punktuellen Leistungsstand. Wichtiger ist, die individuelle Leistungsentwicklung der Kinder zu betrachten. Also haben wir Beobachtungs- und Förderaufgaben entwickelt, die dem Lehrer zeigen: Wo steht ein Kind? Wie kann es sich verbessern?

Das zeigt auch ein Diktat.
Ganz so einfach ist es nicht. Wenn man nur Fehler zählt, sieht man nicht, was die Kinder gedacht haben und mit welchen Strategien sie Aufgaben lösen. Diktate werden in der Grundschule häufig eingeübt, sinnvoller sind freie Texte. Dort sehe ich, ob ein Fehler Fortschritte anzeigt: Dann wird der Opa zu "Oper" wie vorher der "Vata" zu Vater.

Warum können zu wenige Lehrer das, was eigentlich zu ihren Kernaufgaben gehört: den Schülern lesen und schreiben beibringen?
Weil Lesen und Schreiben nicht so einfach beigebracht werden können. Über Jahrhunderte hinweg wurden Methoden entwickelt, und die Kinder wurden immer nach einer Methode unterrichtet. Heute weiß man, dass Kinder unterschiedliche Wege gehen, um lesen und schreiben zu lernen. Ob Lesen nun mit Hilfe ganzer Wörter gelehrt wird oder man von einzelnen Buchstaben ausgeht: Es gibt immer Kinder, die mit dieser Methode nicht zurechtkommen. Die Schule muss für diese Kinder Räume öffnen. Für die Lehrer heißt das, sie müssen die Entwicklung des Kindes beobachten. Dabei helfen unsere Materialien.

Ein Lehrer unterrichtet bis zu 30 Kinder, individuelle Beobachtung und Förderung scheint nahezu unmöglich.
Glücklicherweise sind nicht alle Schüler Problemfälle, mehr als die Hälfte kommt im Unterricht gut mit. Bei diesen Kindern muss der Lernstand nicht ständig verfolgt werden. Die entwickelten Aufgaben und Tests funktionieren wie eine Warnlampe und zeigen dem Lehrer: Da muss ich genauer hinschauen.

Die Lehrer kennen den Leistungsstand ihrer Schüler, stellen individuelle Aufgaben, und sofort verbessert sich die Lese- und Schreibkompetenz. Das ist schwer vorstellbar.
Natürlich genügt es nicht, die Materialien in die Schulen zu bringen. Die Lehrer müssen auch wissen, wie sie das Material anwenden; dabei helfen beispielsweise Fortbildungen. Und das Konzept geht viel weiter: Wir wollen, dass die Lehrer ihren Unterricht öffnen und beispielsweise auch die Eltern einbeziehen. Lesekompetenz ist stark durch das Elternhaus geprägt. Kinder, denen zu Hause vorgelesen wird, haben es sehr viel leichter.

Und wenn die Eltern kein Deutsch sprechen?
Das ist ein Problem. Aber gerade Migrantenkinder profitieren ungemein vom Vorlesen, weil sie so einer gehobenen deutschen Sprache begegnen. Dafür müssen wir die Eltern gewinnen. Aber auch Kindergärten und Schulen müssen die Kinder mit guten Geschichten begeistern. Sodass sie selbst lesen wollen.

Darauf haben vor allem Jungen häufig keine Lust. Gibt es spezielle Förderideen für die Buben?
Ich glaube nicht, dass wir geschlechtsspezifische Lernformen brauchen, auch keine unterschiedlichen für deutsche und ausländische Kinder. Sinnvoller ist, auf individuelle Interessen einzugehen. Die Texte in den Schulen erzählen traditionell eher bunte Geschichten. Jungen kann man häufiger mit Sachbüchern gewinnen, mit Technik und Sport etwa.

Wird das Projekt evaluiert?
Bisher haben wir dafür keine Mittel. Der Grundschulverband finanziert das Projekt über Mitgliedsbeiträge. Eine Evaluation hat aber nur Sinn, wenn sie komplex angelegt ist, also auch die Umsetzung im Unterricht betrachtet und nicht nur Schülerleistungen misst. Das können wir allein nicht leisten.

Die Pisa-Studie zeigt, dass die deutschen Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften besser geworden sind. Viele führen das auf das so genannte Sinus-Programm zurück. Rechnen auch Sie mit spürbaren Verbesserungen?
US-Studien zeigen, dass die Verbesserung oft auf die Vertrautheit der Schüler mit den Testformaten zurückzuführen ist. Wir müssen zunächst die Lehrer für neue Methoden gewinnen. Dann stellt sich die Frage, ob der veränderte Unterricht zu besseren Schülerleistungen führt. Um die Haltung der Lehrer zu ändern, brauchen wir aber Zeit. Bis ein Effekt auf Schülerebene sichtbar ist, muss man sicherlich mit zehn Jahren plus rechnen.

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Das Interview führte Madlen Ottenschläger