Ärzte sind, wie so vieles, rar im Irak. Deswegen sah sich das irakische Gesundheitsministerium im Frühjahr 2005 zu einer dramatischen Warnung genötigt. "Liebe Bürger", hieß es in einer Verlautbarung im Fernsehen, "tötet bitte keine Ärzte. Ihr könntet sie eines Tages brauchen." 25 ermordete Mediziner hatte das Ministerium seit dem Beginn der amerikanischen Besatzung gezählt, dazu mindestens 160 Entführungen. Fast 1000 Ärzte sind seit dem Sturz Saddam Husseins geflohen, jeden Monat verlassen durchschnittlich 30 weitere das Land. Zahlen und Statistiken aus dem Irak sind mit Vorsicht zu genießen – im Zweifelsfall liegen sie zu niedrig. Weil das Ministerium nicht allzu viel Hoffnung in seinen TV-Appell setzte, dürfen seit dem Frühjahr alle Doktoren im Irak eine Waffe tragen. Ein irakischer Junge steht in den Trümmern eines bei einem Anschlag zerstörten Kaffeehauses. BILD

Deutschland fürchtet derzeit um das Leben von Susanne Osthoff. Frankreich hofft auf die Freilassung des seit dem 5. Dezember entführten Ingenieurs Bernard Planche. In den USA fordern immer mehr Menschen den Abzug amerikanischer Soldaten, die, so der demokratische Kongressabgeordnete John Murtha, "zu den Zielscheiben eines Bürgerkriegs geworden sind".

Am schlimmsten aber trifft der Terror die Iraker selbst. Über 6000 irakische Zivilisten und Sicherheitskräfte sind zwischen dem 1. Januar 2004 und dem 16. September 2005 durch Aufständische ermordet, etwa dreimal so viele verwundet worden – das zumindest behauptet das amerikanische Verteidigungsministerium, das bislang bestritten hat, die irakischen Toten zu zählen.

Iraq Body Count (IBC), eine Organisation, die Zeitungsberichte, Presseagenturen und Aufzeichnungen aus Krankenhäusern und Leichenhäusern auswertet, geht von mindestens 11000 irakischen Opfern durch Aufständische oder kriminelle Gruppen und über 8000 Toten durch amerikanische Militäreinsätze aus. Zu Letzteren schweigt sich das US-Verteidigungsministerium nach wie vor aus.

Für den Aufruf zu Wahlen von den Kugeln der Terroristen zersiebt

Autobomben und Selbstmordattentate – meist in schiitischen Wohngegenden, vor Armeekasernen oder, wie am vergangenen Dienstag, in einem Klassenzimmer voller Polizeischüler – richten die schlimmsten Blutbäder an und bestimmen zunehmend die westliche Berichterstattung.

Fast unbemerkt bleibt, dass seit dem Beginn der amerikanischen Besatzung immer wieder gezielt Wissenschaftler, Ärzte, Juristen, Lehrer, Ingenieure ermordet werden – Iraker also, die zum Wiederaufbau des Landes dringend gebraucht werden. Manche Akademiker sehen darin einen gezielten Versuch, Iraks intellektuelle Elite zu zerstören.