Er heißt Michelangelo III., Freiherr von Zois, genannt Edelstein. In Fritz von Herzmanovsky-Orlandos kuriosem Prosalabyrinth Rout am Fliegenden Holländer kommt ihm die Rolle zu, weltgewandte Binsenweisheiten preiszugeben. "Glaub mir!", sagt er plötzlich während eines Spazierganges durch elysische Landschaft: "Man muss dem Schicksal ein Ausschussgeschirr zum Zerhauen schön hinstellen, sonst geht’s über die feinsten Altwienerschalen her."

Vielleicht hat der Wiener Verband der Auslandspresse gerade aufgrund solch tiefgründigen Hintersinns den skurrilen Fabulierer zum Patron seines eben ins Leben gerufenen Preises für Zivilcourage erkoren. Der diesjährige Preisträger, Michael Schottenberg, neuer Direktor am Volkstheater, hatte sich ja tatsächlich in ein Herzmanovskysches Rosennetz verstrickt. Die Realsatire spielt in dem in der Hofburg beheimateten Bundesdenkmalamt und endet vorläufig sehr tarockanisch: Die Holztäfelung des Führerzimmer genannten Aufenthaltsraums für NS-Bonzen in dem zeitweiligen Kraft-durch-Freude-Theater wird nun wieder auf Geheiß der Denkmalschützer installiert, nachdem Schottenberg das pathetische Design vorschnell aus seinem Volkstheater hatte entfernen lassen. Nationales Kulturerbe und so.

Es spricht für die Beschaulichkeit in diesem Land, dass eine wochenlange Debatte darüber ausbrechen konnte, ob der braune Plunder es überhaupt wert sei, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Auf die Nebensächlichkeit vieler österreichischer Aufregungen scheint Verlass zu sein.

Weit weniger Beachtung fand hingegen die gar nicht nebensächliche Frage nach dem durchaus fragwürdigen Gebaren einer Behörde, die mit konservatorischer Allmacht ausgestattet ist und es geschickt verstanden hat, sich gestützt auf eine stets kampfbereite Medien-Lobby in den Ruf der Unfehlbarkeit zu stellen. Die Denkmalschützer arbeiten immer mit dem erprobten Alarmmechanismus: Allein ihr Eingreifen würde verhindern, dass unersetzliche Kulturschätze unwiderbringlich verloren gingen oder zumindest schweren Schaden erlitten. Überall lauerten habgierige Barbaren und ignorante Betonköpfe. Ohnehin bestehe unentwegt dringender Verdacht, irgendeine Reliquie der Kulturnation könnte bei Nacht und Nebel ins Ausland verschoben werden – und sei es nur im internationalen Leihverkehr der Museen. Nach den "Albertina-Affären" um den Dürer-Hasen und gebleichte Schiele-Zeichnungen – über diesen Frevel kann man sich nun in der neuen Schiele-Ausstellung der Albertina entsetzen, wo die fraglichen Blätter gezeigt werden – sind mittlerweile große Ausstellungsprojekte am Einspruch des Bundesdenkmalamtes gescheitert. Den beteiligten Bundesmuseen ist daraus ein Millionenschaden erwachsen. Über Geld aber rümpfen die Passéisten aus der Hofburg bestenfalls die Nase. Olet.

In der Atmosphäre einer stumpfsinnigen Österreich-Huberei hat sich die Einflusssphäre der Denkmalschützer neuerdings kräftig ausgeweitet. Die Krakenarme der Behörde reichen in jedes versteckte Kunstkabinett, gilt es doch den Ausverkauf der Heimat zu verhindern. Spürnasen vom Denkmalamt schnüffeln nach noch unentdeckten Loos-Tischerln oder Hoffmann-Vasen in privater Hand, die ein Volksschädling möglicherweise noch flugs ins Ausland verscherbeln könnte, bevor ihn ein Ausfuhrverbot daran hindert. Am liebsten würden sie wie ein Überfallkommando mit Blaulicht die geheimen Schatzkammern stürmen und all den verfluchten Kunsthändlern dieser Erde einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Wenn die Behörde wüsste, dass in Wien Mozart-Autografen gehortet werden, von deren Existenz sie gar keine Ahnung hat.

Der Hamstereifer, den die Denkmalschützer an den Tag legen, ruft allerdings auch die unrühmliche Rolle in Erinnerung, welche die Behörde jahrzehntelang bei der Verhinderung der Rückgabe der einst von den Nazis geraubten Kunstgegenstände gespielt hat. Es war gängige Praxis, Emigranten oder deren Erben mit dem Instrument des Ausfuhrverbotes ihr Eigentum vorzuenthalten oder ihnen wertvolle Schenkungen an die Republik abzupressen, damit sie wenigstens einen kleinen Teil ihres früheren Besitzes zu sich in die neue Heimat holen konnten. Eine Vorgehensweise, die dem Tatbestand der Hehlerei gefährlich nahe kommt.