Alljährlich vergibt das Land Salzburg einen mit 7300 Euro dotierten Publizistikpreis. Die Liste vergangener Preisträger zieren angesehene Namen: ORF-Chefredakteur Werner Mück, Essayist Karl-Markus Gauß, der ehemalige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten (SN) Karl Heinz Ritschel oder ORF-Legende Gerd Bacher. Benannt ist die begehrte Trophäe nach einem Pionier des Salzburger Nachkriegsjournalismus: René Marcic. Und niemand denkt sich etwas dabei.

Lediglich Hilde Spiel, die 1990 verstorbene Grande Dame der österreichischen Nachkriegspublizistik, äußerte einmal Bedenken. Sie bekannte, an den Namenspatron des Preises "mit einem gewissen Widerwillen zurückzudenken". Zu sehr erinnerte sie sich an die Sätze, die Marcic im Jahr 1949 in der Weihnachtsbeilage der SN zu Papier gebracht hatte. In einem Aufsatz voller Pathos ging der spätere Mitbegründer der Salzburger Universität mit dem Berliner Journalisten, Emigranten und Ehemann von Hilde Spiel, Peter de Mendelssohn, anlässlich einer Ernst-Jünger-Rezension scharf ins Gericht: "Wer über Gott und das Gebet Spott treibt, … der darf sich nicht wundern, wenn er die Abwertung seines Wesens am eigenen Leibe zu spüren bekommt und eines Tages in die Gaskammer gesteckt wird. Mendelssohn und seinesgleichen haben selber die Welt heraufbeschworen, von der sie dann verfolgt wurden." Hilde Spiel in vornehmer Zurückhaltung: "Wesentlich schlimmer konnte man sich auch während der Nazizeit nicht äußern."

In ebendieser Ära des deutschen Schrifttums hatte Marcic sein journalistisches Handwerk gelernt. Der Sohn eines kroatischen Marinemalers wirkte als Presse- und Kulturreferent des Zagreber Ustascha-Regimes am Generalkonsulat in Wien. Sein nächster Karriereschritt führte ihn 1946 als Gerichtsreporter in die Mozart-Stadt, wo er seine Laufbahn als Chef der größten Tageszeitung des Bundeslandes Salzburg beendete.

Auch die Ausgezeichneten des Jahres 1989, jenes Jahres, in dem Hilde Spiel an Marcic’ fragwürdige Gesinnung erinnert hatte, waren keine unbeschriebenen Blätter: Alfons Dalma, recte Stjepan Tomicic, war vom mehrfach ausgezeichneten Propagandaredakteur und Kriegsberichterstatter der kroatischen NS-Vasallen bis zum zentralen Chefredakteur des Bacher-ORF aufgestiegen; Ilse Leitenberger brachte es als NSDAP-Mitglied von der "Schriftleiterin" (Redakteurin) im Nachrichtenbüro des Goebbels-Ministeriums bis zur stellvertretenden Chefredakteurin der Wiener Presse; Viktor Reimann, einst illegaler Nazi, brillierte in reiferen Jahren als Haushistoriker der Kronen Zeitung, die ihm ihre berüchtigte Serie über Die Juden in Österreich verdankte.

Die Ehrung für das braune Trio blieb selbst zwei Jahre nach der Waldheim-Affäre weitgehend unbeanstandet. Als die kleine Fachzeitschrift Medien & Zeit den Skandal publik machte, verlangte die Salzburger SPÖ im Landtag, zumindest den Namen des Preises zu ändern. ÖVP und FPÖ schmetterten einen entsprechenden Antrag ab, die peinliche Affäre wurde unter den Teppich gekehrt. Bis heute gilt der Gaskammer-Philosoph in Salzburg als honorige Persönlichkeit.

NS-Schreiber prägten nach 1945 die nächste Journalistengeneration