Ein Wiener in Tokyo: Der Autor und Fotograf Roland Hagenberg, 49, lebt seit zehn Jahren in Japan. Sein neuestes Buch "14 Japanese Architects" befasst sich mit den Stars unter den Hausdesignern des Landes. In der Videodokumentation "Landlocked" porträtiert er die amerikanische Fotografin Sheila Metzner, zu sehen nächstes Jahr in japanischen Kinos.

Wortspiele Alte Schulfreunde in Wien nennen mich immer noch Roli. Das geht in Tokyo nicht. Hier wird das R zum L. Dann lachen die Japaner und sagen: "Ah, so wie lolikon" – ihr Kürzel für Lolita-Komplex. Mit meinem Yul-Brunner-Kopf sorgt auch "Hagenberg" für Unterhaltung. Hage bedeutet kahl, Berg heißt auf Japanisch yama. "Ah, hageyama, Glatzkopf!" Wie die Wiener lieben Japaner Wortspiele. Subtil, erfrischend, frech drücken sie diese in 5000 Jahre alten chinesischen Zeichen aus. Aus denen besteht die japanische Schrift heute noch. Eines meiner Lieblingssymbole: "Frau, laufend, bewaffnet mit Stein" bedeutet auf Deutsch: "Eifersucht".

Apropos Frauen. Alle gertenschlank. Schuhe, Kleider, Haarspangen, Taschen, Fingernägel, Make-up, Handy sorgfältigst ausgewählt und farblich abgestimmt, und sei es nur für die zehn Minuten auf der Straße rüber zum Supermarkt. Sie grüßen, als wären sie alle in einen verliebt. Verbeugen sich tief. Das Schreckliche daran ist, wie schnell man sich daran gewöhnt und die japanischen Gesten dann unbewusst auch von den Wienern erwartet. Ich gehe dann morgens im ersten Bezirk zu einer Bank, starre in ein mürrisches Gesicht mit zerzausten Haaren – und der Tag ist gelaufen. Bei jedem Heimatbesuch fühle ich mich wie ein Tiefseetaucher, der in den ersten zwei Tagen eine ästhetische Dekomprimierungsphase durchläuft. Wo mich in Japan in der U-Bahn gestylte, zuvorkommende Menschen auf Fischdiät umschwirren (sieben Millionen strömen neben meinem Büro täglich durch die Station Shinjuku), wälzt sich in Wien eine übergewichtige Schweinsbraten-Gesellschaft langsam die Rolltreppen hoch, die Gesichter vergrämt, die Kleidung nichtssagend und um ein paar Nummern zu groß.

Schere im Kopf Die Japaner lieben Wien, glauben, dass jeder Wiener Geige spielt und Mozart singt. Dabei treiben sie mich, wenn ich als Autor arbeite, mit ihrer Obsession für Selbstzensur in den Wahnsinn. Alles wollen sie gegenlesen, umschreiben, entschärfen. "Schlimmer als Nordkorea", klagen Kollegen im Klub der Auslandskorrespondenten. Erst kürzlich verklagte Stararchitekt Kisho Kurokawa erfolgreich einen Kritiker, weil der seine Toyota-Brücke verrissen hatte. Kosten für den Journalisten: 80000 Euro. Kontakt habe ich zu den derzeit 400 Österreichern in Japan wenig. Aber einmal im Jahr, zum Nationalfeiertag, lädt uns der Herr Botschafter ein. Wir prosten uns mit Wein aus dem Weinviertel zu. Und wenn wir brav die Bundeshymne gesungen haben, gibt’s Tafelspitz und Apfelstrudel mit Vanillesauce.