Von früh bis spät nichts als Mozart. Morgens nach dem Aufwachen ein Muntermacher in Dur. Abends ein paar Arien aus Così fan tutte oder dem Figaro, und der Mann entschlummert selig.

Seit über fünfzig Jahren beschäftigt sich Rudolph Angermüller mit kaum etwas anderem als mit Wolfgang Amadeus. Angermüller, ein wandelndes Köchelverzeichnis, ist einer, der jede Note und jede Notiz des Komponisten genauestens analysiert hat. In der Branche der Mozart-Exegeten wird neidlos anerkannt, dass es weltweit kaum jemanden gibt, der über die 13097 Lebenstage des Genies besser Bescheid wüsste als er.

Nun hat der Mann Hochsaison. Schon Monate bevor das Mozart-Jahr 2006 mit dem Donner aus Don Giovannis Höllenfahrt über die Welt hereinbricht war er restlos ausgebucht. Er wird in nächster Zeit zwischen Tokyo und San Francisco pendeln. Dort ein Vortrag, da eine Ausstellung samt Konferenz – und Angermüller ist fast immer mit dabei. In raren Reisepausen hält er an der Salzach Hof: ein Orakel, zu dem die Mozart-Jünger pilgern.

Das Markenzeichen des 65-jährigen Amadeus-Archivars ist ein Hut mit breiter Krempe. So steht er auch vor dem Salzburger Sheraton-Hotel, bereit für ein Gespräch über sich und seine Arbeit. Zielsicher zieht es ihn sofort in den Mozart-Saal, in Salzburg keine Seltenheit, dort ist jeder Abstellraum nach dem Genie benannt. Zu jeder Tasse Kaffee wird eine Mozartkugel serviert.

Er habe, gesteht Angermüller ein "völlig verrücktes Leben" geführt, eines, in dem Mozart stets tonangebend war. Schon als 14-Jähriger konnte er das Köchelverzeichnis auswendig. Auf Zuruf einer Zahl zwischen eins und 626 wusste er sofort zu erklären, um welche Sonate, um welches Orchesterstück oder Violinkonzert es sich handelt. Angermüller und Mozart: Diese Kombination fügt sich zu einer Sinfonie aus Leidenschaft und Profession – der Glücksfall einer Verschmelzung aus Passion und Brotberuf.

Die enorme Schaffenskraft und das turbulente, kurze Leben des berühmten Komponisten erwiesen sich für Angermüller als unerschöpfliche Quelle für Publikationen aller Art. Er verfasste über 700 Aufsätze, 1380 Einführungen und natürlich zahlreiche Bücher. Auf die Frage, wie viele Werke er bislang über den Wunderknaben veröffentlicht habe, stutzt Angermüller kurz: "Das ist gar nicht so einfach, erst gestern ist nämlich mein jüngstes erschienen. Wenn ich mich nicht irre, müssen es jetzt 69 sein."