Etwas fehlt. Ein zierlicher Stapel Lektüre, aus zwölf schmalen Bändchen in schwarz, weiß, rostrot gehaltener Typografie fein zusammengesetzt, von denen jedes einzelne Buch für keine Tasche zu schwer ist und jedes den geistigen Reichtum des Menschengeschlechts bezeugt, enthält fast alles, was die unruhige Seele gegenwärtig begehrt: Diese Kleine Bibliothek der Weltweisheit umfasst jene klassischen Einsichten, die seit dem weisen Chinesen Laotse und bis zu Nietzsches Ecce homo helfen können, ein Leben leidlich gelingen zu lassen. Was das Glück sei, was zu tun und lieber zu unterlassen, was Menschen verbinde, wie das Leid zu ertragen und dem Chaos ein Sinn abzugewinnen sei. Von der Liebe, der Freundschaft, dem Trost der Philosophie, der Kürze des Lebens, dem Mitleid. Alles Kostbarkeiten, viele von ihnen religiös durchdrungen, zugleich steckt diese Bibliothek voller Hinweise auf die Heimatlichkeit einer entzauberten Welt.

Doch etwas fehlt: die alten Unruhestifter. Die heiligen Bücher der monotheistischen Weltreligionen. Das Alte Testament, das Neue und der Koran sind in diese Sammlung der Weltweisheiten nicht aufgenommen, und das kann an ihrem Umfang allein, der die Taschen hätte zu schwer werden lassen, nicht liegen. Woran sonst? Vielleicht sind sie politisch zu wirkungsmächtig. Diese Fundamente von Judentum, Christentum und Islam, die Gottes Geschichte mit den Menschen verschieden verstehen, sind streitbar. Und der religiöse Streit ist das Geburtstrauma des modernen Staates. In den Religionskämpfen des Dreißigjährigen Krieges haben sich die Europäer bis zu jener Erschöpfung gestritten, die dem Staat künftig Vorrang vor religiösen Einstellungen geben sollte. Die Religion ins Private zu verlagern war die Voraussetzung dafür, dass bürgerliche Gesellschaften prosperieren konnten. Pluralismus, Toleranz, Rechtsstaat und die Menschenrechte europäischer Prägung sind eben nicht aus der jüdisch-christlichen Tradition allein erwachsen – ohne das römische Recht, den Humanismus und vor allem die laizistische Aufklärung wären sie nicht in der Welt.

Doch auch der Monotheismus, in dessen Namen sich heute einige zum Terror berechtigt fühlen, andere zur religiösen Vertonung von Politik, bringt sich den aufgeklärten Gesellschaften neu in Erinnerung: als Herkunft ihrer sozialen Ordnung, als Quelle der Überzeugung, dass Menschen nicht über Wahrheit verfügen und sie also auch nicht mit Gewalt in die Welt tragen sollten.

"Es tut sich was im Land. Die Religion kehrt zurück. Der Glaube ist wieder da", so wirbt in der Sprache der Flyer das Hamburger Thalia-Theater für eine Vortragsreihe, die sich mit "Glaubensdingen" befasst. Und das Frankfurter Haus Suhrkamp kündigt an, einen "Verlag der Weltreligionen" ins Leben zu rufen, der ab Herbst 2007 die Schriften des Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus und eben der drei monotheistischen Religionen aufs Neue edieren will. Ad fontes, zurück zu den Quellen, das ist zunächst eine Antwort auf einen Bildungsnotstand, der viele nachschlagen lässt, wer das denn war: Jesaja. Jeremia. Wo sie herkommen: die Motive des Lamms, des Esels, des Buchs mit den sieben Siegeln. Doch zugleich sind solche Lektüren auch Versuche, das metaphysische Loch zu stopfen, das sich auf neue Weise auftut, wenn all das Kämpfen um Menschenrechte, um Aufklärung, Zivilisation und Gerechtigkeit sich im Weltmaßstab als kulturell relativ erweist. Ist da nicht mehr, nichts Tragfähigeres, Verbindlicheres, nichts, das zur Verständigung und zur Vergewisserung etwas anderes beitragen kann als weltliche Normen?

Viele Gründe, die Bücher, die auf den folgenden Seiten vorgestellt werden, zu lesen: den Literaturwissenschaftler René Girard etwa, dessen mimetische Theorie auf der Unschuld der unschuldigen Opfer besteht. Die Biografie des protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, dessen christliche Haltung ihn in den politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus führte. Hermann Lübbes Analyse der Globalisierung, die auch die friedensstiftende Kraft der Religionen erkennt. Oder jene Hinführung zur Bibel, die der theologisch gebildete Publizist Christian Nürnberger verfasst hat.

"Wer in seiner Person die Welt liebt, dem kann man wohl die Welt übergeben", schreibt Laotse vor 3000 Jahren. "Die Unschuldigen aber sind beraubt nicht nur der Sicherheit, nein, sogar der Verteidigung", schreibt vor 1500 Jahren, vor der Hinrichtung, der Philosoph und politische Berater Boethius. Von der Welt als "Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen" schreibt der Philosoph Arthur Schopenhauer. All das steht in der großartigen Kleinen Bibliothek der Weltweisheit. Nur ist sie zu klein.