cia-affäre
Du sollst mich schützen
Wenn deutsche Staatsbürger von fremden Geheimdiensten drangsaliert werden, gilt keine Ausrede
Wozu ist der Staat da? Was legitimiert seine Souveränität, seine Autorität und sein Gewaltmonopol? Seit Thomas Hobbes und dem von 1651 müsste die Antwort klar sein: Es ist seine Fähigkeit und sein Wille, den Staatsbürgern Schutz und Sicherheit zu gewähren – Schutz selbst im Strafprozess, also vor willkürlicher Verfolgung. Deshalb steht heute noch im Grundgesetz der Satz: »Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden.« Was aber, wenn der Staat, seine Politiker und Beamten diesen Schutz entweder nicht gewähren oder nicht gewähren können? Nach Hobbes ist auch die Antwort darauf eindeutig: »Die Verpflichtung der Untertanen gegen den Souverän dauert nur so lange, wie er sie auf Grund seiner Macht schützen kann, und nicht länger.«

An all dieses muss erinnert werden, wenn auch nur der Eindruck entstehen kann, deutsche Politiker hätten mehr oder weniger achselzuckend darauf reagiert, dass ein deutscher Staatsbürger von einer ausländischen Macht verschleppt, gar gefoltert wurde; oder wenn ein Münchner Oberstaatsanwalt wegen der Entführung des Staatsbürgers El-Masri gegen »Unbekannt« ermittelt und bis heute keine weiterführenden Hinweise aus Berlin bekommt – obwohl der damalige Bundesinnenminister in Berlin seit Pfingsten 2004 wusste, dass der Unbekannte sich CIA nennt. Kennt Otto Schily, der ja sonst in der Beanspruchung von Staatsautorität nicht eben zimperlich war, seinen Hobbes so schlecht, dass er glaubt, er könne sich mit der Auskunft herausreden, er sei doch kein Hilfsorgan der Staatsanwaltschaft? Der ganze Staat ist Hilfsorgan der Bürger, und gerade der Innenminister hat politisch dafür zu sorgen, dass einem zu Unrecht verschleppten Deutschen aller, wenigstens aber jeder nacheilende Schutz zuteil wird. Diese Pflicht kann schlechterdings nicht zurücktreten hinter den Diskretionsinteressen eines Geheimdienstes.
Spätestens nachdem der fadenscheinige Schleier der Konspiration zerrissen ist, müssen unsere zuständigen Minister und Beamten, also neben Schily vor allem Ex-Außenminister Joschka Fischer und Ex-Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, darlegen, ob sie etwa tatsächlich nur mit den Schultern gezuckt und den Mund gehalten haben, gegenüber den Amerikanern, gegenüber der Münchner Staatsanwaltschaft, gegenüber El-Masri und dessen Anwalt. Es musste ja nicht alles, was möglicherweise gegen die Anmaßungen der CIA unternommen wurde, gleich an die große Glocke gehängt werden. Aber es musste etwas unternommen werden – und jetzt muss es so oder so an die Glocke, damit sich derlei nicht wiederholt. Und damit sich niemand, auch keine Großmacht, einbildet, man könne mit der Souveränität der Bundesrepublik und mit dem Schutz ihrer Bürger nach Belieben, gar von Geheimdienstagenten, umspringen.
Thomas Hobbes begründete mit der fundamentalen Schutzpflicht eine durchaus autoritäre, nahezu schrankenlose Herrschaft. Freiheitliche Verfassungsstaaten aber üben ihr Amt im Rahmen von Recht und Gesetz aus, nicht anders. Man kann ein Gut nicht dadurch schützen, dass man es beschädigt. Auch in der bitter notwendigen Abwehr des menschen- und zivilisationsfeindlichen Terrorismus heiligt der Zweck nicht alle Mittel. Folter? Nein! Auch nicht durch ein allfälliges Outsourcing von rechtlos gestellten Gefangenen in klandestine Keller weitab vom Rechtsstaat, auf dass andere sich die Finger schmutzig machen im Dienste angeblich sauberer Erkenntnisse. Ohnedies sind die Auskünfte von Geheimdiensten, wie es sich im Umfeld des Irak-Krieges besonders krass erwiesen hat, nicht so herrlich.
Gewiss, wir können nicht alle Auskünfte von der CIA daraufhin überprüfen, ob sie rechtsstaatlich stubenrein erhoben worden sind. Jedenfalls dürfen wir für diese Auskünfte nicht mit Rechtsbeugung bezahlen. Ebendeshalb darf sich die Bundesregierung nicht dem Verdacht aussetzen, sie habe unser Land durch die Gewährung von Überflug- und Landerechten zum Umschlagplatz für vogelfrei gemachte Gefangene werden lassen, die man nicht einmal mit Anstand einem amerikanischen Untersuchungsrichter vorführen kann. Und schon gar nicht darf der Ruch aufkommen, deutsche Bedienstete seien zu einem Verhör in Guantánamo erschienen – in jener schandhaften Hölle der Rechtlosigkeit.
Manchmal braucht man halt Skandale, um Prinzipien zu festigen. Vor allem, wenn man seinen Hobbes gerade nicht zur Hand hat.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Es hat mich schon gewundert, dass der Aspekt des Schutzes der eigenen Bürger im Zusammenhang mit Entführungen durch den amerikanischen Geheimdienst bisher keine Beachtung fand.
Die deutsche Öffentlichkeit hat einen Anspruch auf Aufklärung und Information über die CIA Affäre und die Rolle deutscher Behörden. Unterlassungen im Schutz von Bundesbürgern und weitere Verheimlichung sind äusserst gefährlich wenn der im Artikel zitierte Satz gilt:
»Die Verpflichtung der Untertanen gegen den Souverän dauert nur so lange, wie er sie auf Grund seiner Macht schützen kann, und nicht länger.«
Erst recht, wenn der Souverän seine Bürger nicht schützen will !
Das ist schlimmer als nur Politik-, Parteiverdrossenheit.
Alle waren sich nach dem 11.9.2001 einig, dass viele grundlegenden Ansichten über die Herstellung von Sicherheit nun offenbar überdacht werden müssten.
Solidarität bei der Terrorabwehr war in aller Munde.
Durch diese gemeinsame Haltung war es also möglich, einige "Experimente" zuzulassen. Denn es galt ja immerhin dem "Schläfer" auf die Schliche zu kommen. Deshalb wurde die Freiheitsglocke vom Turm geholt, um den Schläfer nicht zu wecken. Die anderen auch nicht. Doch wie das so ist, wurde aus dem Experiment eine Versuchsanordnung auf Dauer. So wurde aus dem Schläfer sogar ein "Langschläfer", der sich genau so gewissenhaft wie Atta jahrelang auf seine grosse Mission vorbereitete.
Die Müdigkeit steckte allerdings auch an, weshalb bei solchen Langzeitexperimenten irgendwann niemand mehr genau wusste, wann wem auch mal Schlaftabletten verabreicht wurden, um wenigstens einmal wieder durchschlafen zu können.
Wer dagegen ständig um den Schlaf gebracht wurde, der gab irgendwann alles zu und wer nichts zuzugeben hatte, dem wurde noch weniger Schlaf gegönnt. Ein Teufelskreis.
Solange alles friedlich blieb, hatte man auch die Schläfer lieb, sofern man sie kannte, denn schliesslich konnten deren Fährten verfolgt werden.
Es wäre allerdings interessant zu wissen, wie Hobbes auf diese Problematik eingegangen wäre.
Sollen wir wirklich glauben, dass ein Präsident,der mit Lügen einen Krieg gegen ein Land rechtfertigt, auf die Souveränität der Bundesrepublik besondere Rücksicht nähme?
Etwa 35.000 Menschen einschließlich der Soldaten wurden bisher im obigen Krieg ermordet. Was zählen da die Rechte eines Bürgers der Bundesrepublik?
Institutinalisierte Formen der Gewalt wie Militär und Geheimdienste nehmen selbst in sogenannten demokratischen Staaten keine Rücksicht auf den einzelnen Menschen.
Eine Konsequenz wäre, wenn der einzelne Mensch mit seinen Rechten im Mittelpunkt stehen sollte, diese Institutionen grundsätzlich aufzulösen. Ein Mißbrauch dieser autoritären Strukturen wie durch Busch wird nie auch nicht in der Bundesrepublik ausgeschlossen sein.
Roland Borowka
Es ist der beste Artikel mit dem glaubwürdigsten Inhalt zur internationalen und staatlichen Verfehlung in Sachen Masri! Es ist aber gleichzeitig auch eine Stellungnahme gegen die Stille der Medien und Menschen zum Irakkrieg,Guantanamo u.a.
Danke!
Der deutsche Staat kann seinen Untertanen schon lange keinen Wachstum mehr garantieren, keine Visionen, keine Arbeit, keine Elite-Ausbildung (Hochschulen), keine Grossmachtansprueche, ja, noch nicht einmal das Kinderkriegen macht noch Spass im Land. Wenn ein solcher Satz ueber den Verbot der Auslieferungen von Deutschen ins Ausland im Grundgesetz steht, dann sollte man diesen schnellstens herausstreichen: Nur grosse Staaten machen Politik, alle anderen, Deutschland inklusive, tuen gefaelligst, was man ihnen sagt, besonders wenn es die USA oder China sind. Und wer stoert sich schon an den zwei drei deutschen Bombenlegern, die von der USA ihre Behandlung kriegen. Zeitgleich ziehen hunderttausende Deutsche aus dem Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Amerika oder Asien! Ueber die solltest ihr Euch mal den Kopf zerbrechen, und nicht darueber, wie man die Bombenleger im Land behaelt!
El Masri hätte trotz intensiver Observation durch Polizeiorgane der BRD vor dem Zugriff der CIA im AUSLAND geschützt werden können: Ihm hätte der Reisepass abgenommen werden und ein Ausreiseverbot auferlegt werden können. Hätte die CIA ihn schnappen wollen, hätte sie dies auf BRD-Territorium tun müssen. Bleibt allerdings grundsätzlich die Frage, ob der CIA sich im Zweifelsfalle von Verschleppungsaktionen auf deutschem Boden abhalten lässt. Solange Innenpolitiker wie Jörg Schönbohm in einer Polittalkshow (bei Maischberger am 13.12.05) sich nicht zu einer unzweideutigen Absage an die Foltermethoden in den US-Gefängnissen von Guantanamo und Abu Graib (erst auf Nachhaken von Claus Kleber räumte Schönbohm im Falle Abu Graib den Sachverhalt der Folter ein) durchringen können, solange müssen US-amerikanische Stellen glauben, dass sie sich in der BRD alles erlauben können.
Sabine Christiansens talkshow CIA Affäre
Ein deutsche Aussenminister sich windend und lavierend muss sich von einem PDS Mitglied sagen lassen was eine Straftat ist- kidnapping. Und ein Reporter muss ihm erklären, daß im Grundgesetz steht - die Würde des Menschen ist unantastbar. Armer Herr Schäuble - war für eine Lehrstunde
Ich möchte dem Autor dafür danken, dass er auf den Punkt gebracht hat, was die Aufgabe des Staates ist. Nämlich dem Bürger zu dienen und nichts anderes. Ist der nicht in der Lage oder Willens für Sicherheit aller zu sorgen ist der "Vertrag" nur nicht ein leeres Wort.
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