Verfechter des gegliederten Schulsystems argumentieren gern damit, dass es "begabungsgerecht" sei, also die Kinder ihren Fähigkeiten und Talenten entsprechend fördere. Die Hauptschule für den praktisch-handwerklich Begabten, das Gymnasium für den theoretisch-wissenschaftlich Begabten und die Realschule für einen Begabungstyp, der irgendwo dazwischen liegt.

An diese Aufteilung haben sich viele so sehr gewöhnt, dass sie sie als naturgegeben betrachten. Nun ist die Gewohnheit eine starke Macht, doch eine wissenschaftliche Begründung für die Gliederung des Schulsystems entlang der unterschiedlichen Begabungen der Schüler gibt es nicht.

Jeden Schüler entsprechend seinen Lernvoraussetzungen optimal zu fördern ist leicht als Ideal der Schule zu postulieren. Weil diese Voraussetzungen aber von Kind zu Kind unterschiedlich sind, ist die Annäherung an dieses Ideal gleichzeitig die schwierigste Aufgabe.

Die Unterschiede im geistigen Leistungspotenzial lassen sich recht zuverlässig mit Hilfe von Intelligenztests messen. Hat man zum Beispiel in einer Schulklasse der Jahrgangsstufe sechs den Intelligenzquotienten (IQ) aller Schüler ermittelt, dann lässt sich daraus zwar nicht deren Mathematikleistung in der Jahrgangsstufe acht vorhersagen, aber es wird ein deutlicher Zusammenhang erkennbar. Um es bildlich ausdrücken: Wenn man wie beim Pferderennen Wetten über die Mathematikleistung abgeben soll, ist man gut beraten, die IQ-Werte aus Klasse sechs heranzuziehen. Eine noch bessere Grundlage für die Wette hätte man, wenn man statt des IQs die Mathematikleistung der Klasse sechs heranziehen könnte. In zahlreichen Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass fachspezifisches Vorwissen spätere Leistungsunterschiede besser vorhersagt als der IQ. Wenn das Vorwissen aber unbekannt ist, lassen sich aus dem IQ die zuverlässigsten Prognosen über Leistungsunterschiede ableiten.

Was Intelligenztests genau messen, wissen wir Psychologen noch immer nicht; aber es häufen sich Belege dafür, dass es im menschlichen Gehirn viele Faktoren gibt, welche die Effizienz der Informationsverarbeitung beeinflussen. Beispielsweise spricht einiges dafür, dass die so genannte Myelinisierung im Gehirn sich positiv auf die Effizienz der Informationsverarbeitung auswirkt. Myelin ist eine fetthaltige Substanz, die, vereinfacht gesprochen, die Nervenzellen isoliert und damit eine störungsfreie Übertragung ermöglicht. Auch spezifische Fähigkeiten, wie etwa die zur räumlich-visuellen Veranschaulichung, tragen zur Intelligenz bei. Intelligenz ist ein überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal. Schon in der Kindheit ist die Stabilität des Intelligenzquotienten recht hoch, nach dem zehnten Lebensjahr sind Unterschiede in der Intelligenz mindestens für die kommenden fünf Jahrzehnte nahezu festgelegt.

Von der Intelligenz hängt es ab, wie effizient ein Lernangebot genutzt werden kann. Das heißt nicht, dass überdurchschnittlich intelligente Menschen alles im Vorbeigehen lernen. Jeder muss entscheiden, in welche Gebiete er seine Intelligenz investiert. Je intelligenter ein Mensch ist, desto komplexer und abstrakter können die Wissensgebiete sein, in die er vordringt. Im Idealfall bauen intelligente Schüler ihren Vorsprung mit zunehmendem Alter aus, da sie in vielen Gebieten ein gut strukturiertes Vorwissen aufbauen und zudem breit einsetzbare Lern- und Denkstrategien erwerben, was wiederum den Erwerb neuen und die intelligente Nutzung bestehenden Wissens erleichtert. Wir müssen also nicht nur akzeptieren, dass sich Schüler von Anfang an in ihrem geistigen Leistungspotenzial unterscheiden und dass sich diese Unterschiede nicht reduzieren lassen. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass diese Schere immer weiter auseinander klafft, gemäß dem Matthäus-Prinzip: "Wer hat, dem wird gegeben."