50 Filmklassiker Gute Hirten
Mit "Pulp Fiction" von Quentin Tarantino kam die Realität zurück ins Kino.
Wenn es je eine Postmoderne im Kino gab und wenn Jean-Jacques Beineix’ Diva sie 1981 eingeläutet haben sollte, dann hat Pulp Fiction sie auf einen Schlag beendet: Nach diesem Film konnte niemand mehr sagen, in der Kunst gebe es keine Wahrheit und alles Reale verschwinde im Nebel »flottierender Zeichen«. Quentin Tarantino hat das Universum des anything goes zum Einsturz gebracht und das Reale ins Kino zurückgeschleudert. Die eigentliche Sensation von Pulp Fiction besteht jedoch darin, dass er den Anschlag auf das postmoderne Weltbild tief im gegnerischen Gelände vollbringt, nämlich auf dem Höhenkamm demonstrativer Künstlichkeit und extremer Stilisierung. In dem 1994 gedrehten, von Pop-Zitaten durchwirkten Meisterwerk herrscht planmäßig der Zufall, drei Geschichten sind heimtückisch ineinander verflochten (»Three stories about one story«), und wie in einer Endlosschleife scheint ein Erzählstrang in den eigenen Anfang zu münden. Was sich in diesem Rondo aber immer wieder Bahn bricht und wovon die one story handelt, das ist das blutig Reale einer kaltblütig exekutierten Gewalt.
Die Killer kennen keine Gnade. Beizeiten haben Kritiker Tarantino deshalb Gewaltverherrlichung vorgeworfen, und es ist sehr die Frage, ob das Reformbürgertum von heute nicht alles daransetzen würde, die wertschöpfende Jugend vor diesem Film zu bewahren. Tatsächlich ist Pulp Fiction ein großes metaphysisches Kunstwerk. Tarantinos Cool-Killer und Junkies, seine Bräute und Boxer sind eben nicht nur fehlgeleitete Helden, sie sind, bei aller Komik, Ausgeburten einer teuflisch verhexten Welt. Der Drogenhändler, der Tote wiederauferstehen lässt, sieht aus wie Jesus, der Racheengel fühlt sich als guter Hirte, und in einem Fünfziger-Jahre-Tanzlokal voller look-alikes bedeutet alles sich selbst und auch das Gegenteil. Dass die moderne Hölle den Untoten, die sie bewohnen, am Ende noch als glitzerndes Paradies erscheint – von diesem Gedanken ist Tarantino besessen, ja traumatisiert. Denn wenn alles Trash und alles Zitat ist, wenn Lüge und Wahrheit ununterscheidbar werden und auch die Wörter nichts Wirkliches mehr benennen, dann stiftet nur ein Gewaltakt Frieden im Krieg der Zeichen, und dann ist die Knarre der Herrensignifikant im Babylon einer sinnlosen Welt. Gegen diesen Killer-Mythos von der »reinigenden« Gewalt ruft Tarantino friedlich zum Widerstand. Er spielt mit biblischen Großmetaphern, mit »Gnade« und »Wunder«, ein freundlicher Mr. Wolf erscheint als Deus ex Machina und tauft die Sünder mit dem Gartenschlauch.
Einmal, als der Schleier der Gleichgültigkeit zerreißt, verwandelt sich Jules, der Killer, sogar in einen guten Hirten. Und als Uma Thurman und John Travolta in einer der schönsten Szenen zu Chuck Berrys You never can tell einen Twist improvisieren, führt Travolta die Hand so vor seine Stirn, als wolle er den Dämon der verdinglichten Welt vertreiben und ihren Schleier zur Seite ziehen. Den Schleier entfernen, der über dem Auge der Wahrnehmung liegt: Das ist die geheimste aller Gesten von Pulp Fiction.
- Datum 25.07.2007 - 05:07 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Thomas Assheuers bisherige Artikel hatten oft bedeutend mehr Tiefgang. In diesem kann ich bloß eine übertriebene Lobpreisung amerikanischen Trashs sehen.
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