Der "demografische Wandel", unser längeres Leben und die sich ausbreitende Kinderlosigkeit in Deutschland werden uns während der nächsten 30 Jahre als Probleme begleiten. Das würde sich auch nicht ändern, wenn von Weihnachten an ein gewaltiger, völlig unvorhergesehener Babyboom losbräche: Die Kinderlücke, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgetan hat, ist nicht mehr zu schließen. Eine Studentin mit ihrem 11 Monate alten Sohn in der Universität Hamburg BILD

Trotzdem kämpfen Familienpolitiker und Wissenschaftler vernünftigerweise für eine Trendumkehr in Sachen Nachwuchs. Die Robert Bosch Stiftung hat mit ihrem in dieser Woche vorgestellten Gutachten Starke Familie einige interessante Facetten in die aktuelle Debatte eingebracht. Manche Überlegungen von Autoren wie Hans-Werner Sinn (zu den Problemen der umlagefinanzierten Rentenversicherung), von Paul Kirchhof (über familienfreundliche Steuermodelle) oder Hans Bertram (zur Entzerrung der Rushhour im Lebenslauf) kommen einem zwar bekannt vor, aber insgesamt ist den Mitgliedern der hochkarätig besetzten Kommission unter dem Vorsitz von Kurt Biedenkopf eine überzeugende Zusammenfassung des familienpolitischen state of the art gelungen. Sie erheben eine Reihe von Forderungen, deren Erfüllung das Leben für Familien mit Kindern erleichtern und verbessern würde. Das reicht von einem "Familiensplitting" bei der Steuer über beitragsfreie Betreuung im Kindergarten bis zur steuerlichen Begünstigung von Haushaltsdienstleistungen und einer familiengerechten Stadtplanung.

Ein gesondertes Gutachten des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München weist zudem nach, dass der Staat zwar viel Steuergeld für sozial- und bildungspolitische Hilfen und Infrastruktur ausgibt und diese Steuern auch von Kinderlosen einhebt. Doch Familien geben der Allgemeinheit deutlich mehr zurück, als sie bekommen – vor allem durch die Rentenversicherungsbeiträge, die ihre Kinder zahlen werden. Auf rund 77000 Euro beläuft sich der "ökonomische Vorteil, den Eltern mit der Geburt und Erziehung eines durchschnittlichen Kindes erzeugen".

Nun mag diese Modellrechnung schematisch sein und denkbare gesellschaftliche Veränderungen außer Acht lassen. Es darf auch bezweifelt werden, dass Paare sich bei ihrer Entscheidung für Kinder ausschließlich von ökonomischen Erwägungen leiten lassen. Aber auf jeden Fall macht die eindrucksvolle Euro-Summe noch einmal deutlich, wie viel stärker Eltern zur Alterssicherung der Gesellschaft beitragen als Kinderlose. Ein wie auch immer gearteter Kinderlosigkeitsfaktor in der umlagefinanzierten Rentenversicherung scheint daher unausweichlich zu sein.

Der spannendste Ansatzpunkt für eine Veränderung des Reproduktionsverhaltens dürfte aber das Geschlechterverhältnis sein. Wir sind es gewohnt, den Anti-Kinder-Trend vor allem als Nebeneffekt der höheren Bildungsbeteiligung von Frauen zu betrachten. Wirklich frappierend aber ist die zunehmende Kinderlosigkeit der Männer (bis zum 45. Lebensjahr), besonders der Akademiker: Diese blieben 1971 nur zu 16Prozent kinderlos, heute zu 35,6 Prozent (nur 32,7 Prozent der Akademikerinnen bis 45 bleiben ohne Nachwuchs). Die Autoren konstatieren eine Art deutsches Nesthockersyndrom: Während junge Männer in Dänemark, Finnland oder den Niederlanden deutlich früher von zu Hause ausziehen, bleiben deutsche Jungs gern bis Mitte zwanzig bei den Eltern. Vergleichbares Verhalten zeigen auch Griechen, Italiener und Spanier. Kann es sein, dass diese Muttersöhnchentendenz vor allem in jenen Gesellschaften anzutreffen ist, die – anders als etwa die skandinavischen Länder – an traditionellen Männerbildern festhalten?