Der Fall Ante GotovinaEin General vor Gericht

Der Fall Ante Gotovina: Ganz Kroatien sieht sich in Den Haag angeklagt von Norbert Mappes-Niediek

Heute er, morgen du stand auf den Plakaten, mit denen Zehntausende am vergangenen Sonntag durch die kroatische Hafenstadt Split zogen. Nicht über den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ante Gotovina wird nun in Den Haag Gericht gehalten, sondern über ganz Kroatien: Das ist die Überzeugung vieler Kroaten.

Im Falle des vergangene Woche auf Teneriffa verhafteten Gotovina, sagt sein früherer Generalskollege Markica Rebic, sei die Haager Formel von der Individualisierung der Kriegsschuld fehl am Platze. Vielmehr dienten die Vorwürfe gegen Gotovina dazu, durch die Hintertür eine Kollektivschuld einzuführen und nachzuweisen, dass der kroatische Staat auf der Grundlage eines Verbrechens gebaut sein.

Ganz ohne historische Urteile wird es wohl tatsächlich nicht abgehen, wenn dem früheren Generalinspekteur der kroatischen Streitkräfte vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal der Prozess gemacht wird. Die Anklage wirft Gotovina in unerhörter Klarheit vor, er habe zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Präsidenten Franjo Tudjman an gemeinsamen kriminellen Unternehmen teilgenommen, deren Zweck die gewaltsame und dauerhafte Entfernung der serbischen Bevölkerung aus der Krajina gewesen sei. Die glorreiche Aktion Gewitter vom August 1995 ein Verbrechen, der Staatsgründer sein Komplize? Die Empörung ist allgemein. Die kroatische Rechte, vor sechs Jahren durch Tudjmans Tod empfindlich getroffen, darf sich wieder eins mit dem Volk fühlen.

Um die Fakten wird kaum gestritten. Gotovina war im Sommer 1995 der Befehlshaber der Operation gegen die mehrheitlich serbisch besiedelte Krajina. Unbestritten ist, dass damals in wenigen Tagen fast alle Serben das Land verließen - unter Zurücklassung ihres schmutzigen Geldes und ihrer schmutzigen Unterhosen, wie Tudjman höhnte. Niemand widerspricht auch der Zahl von 150 Serben, die in den Wochen danach getötet wurden. Allerdings wird selten gesagt, wie das geschah. Plünderer, kleine Soldaten- und Polizeitrupps drangen in die Bauernhäuser rings um Knin ein, stießen hier und da auf alte, gebrechliche Menschen, die zur Flucht zu schwach gewesen waren, und schnitten ihnen die Kehle durch. Gotovina ließ es geschehen. Das Land war sich einig: Die Serben sollten nie zurückkommen.

Inzwischen hat es in Kroatien zwei Machtwechsel gegeben. Die Tudjman-Partei und die Regierung werden mit Premier Ivo Sanader von einem Mann angeführt, dem die Kriegspolitik des Präsidenten, besonders in Bosnien, schon damals zuwider war. Dass es auch in ihren Reihen Verbrecher gibt, haben die Kroaten - wie alle Jugoslawen von der kollektiven Unschuld ihrer Volksgruppe überzeugt - inzwischen lernen müssen. Nur am Mythos des vaterländischen Krieges gegen die großserbischen Tschetniks hat noch niemand gerüttelt.

Auch Sanader tut das nicht. In Den Haag werde die Wahrheit herauskommen, lautet seine Formel, und die sei, dass Kroatien Opfer war. Unausgesprochen bleibt, dass Gotovinas militärische Großtat keine war: Seine Gegnerin, die Armee der Republik Serbische Krajina, wehrte sich gar nicht - dafür hatte Belgrad gesorgt und kurz vorher einen entsprechend instruierten Befehlshaber eingesetzt.

Die kroatische Rechte hat sich nach Tudjmans Tod wieder zu einem soliden Machtfaktor entwickelt, verfügt über eine reiche Presseszene, eine Hand voll Integrationsfiguren und eine Reihe von schlagkräftigen Organisationen. Ihr Hauptthema ist - neben Gotovina - Europa. Die Beitrittsverhandlungen zur EU, die Anfang Oktober begannen, sind nicht nur für Extremisten eine nationale Kränkung. Kroatien, so eine verbreitete Meinung, ist als historischer Außenposten der Christenheit im Grunde viel europäischer als Brüssel mit seiner Euro-Vernunft ohne Gott, wie der Lyriker Nenad Piskac es ausdrückt.

Leserkommentare
  1. Was für eine Verdrehung geschichtlicher Ereignisse-

    "Unausgesprochen bleibt, dass Gotovinas militärische Großtat keine war: Seine Gegnerin, die Armee der Republik Serbische Krajina, wehrte sich gar nicht - dafür hatte Belgrad gesorgt und kurz vorher einen entsprechend instruierten Befehlshaber eingesetzt."
    (Starben die toten kroatischen Soldaten an Altersschwäche?)

    Nach mehrjährigen erfolglosen Verhandlungen, und zuletzt der Ablehnung des Z4-Plans bei Friedensverhandlungen in Genf durch Anführer der Krajina-Serben, erfolgten die ersten Angriffe der kroatischen Armee.

    Jeder der "Kehle Durchschneider alter Menschen" möge verurteilt werden, jedoch gab es keine offiziellen, noch inoffiziellen Anweisungen und Befehle des kroatischen Militärkommandos (dazu zählte auch Gotovina) Kriegsverbrechen oder Vertreibungen zu begehen.

    Dieser Artikel ist plattester Meinungsjournalismus. Pauschal Euroskeptiker als Nationalisten zu diffamieren, beschreibt nicht die Lebenswirklichkeit und Ängste der Bevölkerung.

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