allein oder einsam? Einsamer nie?
Viele Menschen klagen darüber, allein zu sein. Dabei ist die Einsamkeit der Moderne ein Mythos. Unser Unglück ist nicht größer als früher. Wir haben nur gelernt, darüber zu reden
Wir leben in einer Welt, in der die Einsamkeit um sich greift. Ist es nicht so? Haben wir nicht neulich erst mit einem gesprochen, der einsam ist? Ist es nicht auch, wahrscheinlich, die alte Frau in unserm Haus? Handeln nicht Filme, Romane, Songs in einem fort davon? Sagen es nicht alle Begriffe? Die Individualisierung? Die Single-Gesellschaft?
Es sind ja nicht wenige Argumente, die der Topos von der wachsenden Einsamkeit des modernen Menschen ins Feld zu führen weiß. Den Verlust der Großfamilie und den Verlust der Nachbarschaft. Den Bedeutungsverlust der Kirchen, die Anonymität der Großstadt und das Konkurrenzdenken im Kapitalismus. Den Niedergang der Volksparteien und des Vereins- und Verbändewesens. Die steigende Scheidungsrate, die steigende Zahl der Kinderlosen und die steigende Zahl der Einpersonen-haushalte. Nicht zu vergessen: die allgemeine Abenteuerlust und Genusssucht sowie die Nebenwirkungen von Medienkonsum und Massenmobilität.
Natürlich existiert das Problem der Einsamkeit. Und es ist kein kleines: Wenn Hunger und Obdachlosigkeit die schlimmsten der materiellen Übel sind, so ist die Einsamkeit wohl das schlimmste der nicht- und postmateriellen – seelische Unterernährung, soziale Obdachlosigkeit. Ein großes Problem, ja. Doch wird es auch immer größer?
Die behagliche Großfamilie »von damals« hat es nie gegeben
Es ist ja eine Erzählung. Die Geschichte unserer Vereinsamung. So wie der erste Mensch im Paradies allein war, so fürchten wir, am Ende des Zivilisationsprozesses wieder allein zu sein, individualisiert und isoliert im Wohlstandsparadies. Die Aufklärung, die uns von Gott entfremdete? Mehr Einsamkeit. Die industrielle Revolution, die uns in unwirtliche Steinwüsten führte? Mehr Einsamkeit. Und haben nicht alle Versuche einer nicht einsamen Moderne böse geendet? In totalitären Massenstaaten und Massenmord? Hat nicht Achtundsechzig den Familiensinn untergraben? Gingen nicht aus der Kommune I erst die ichsüchtigen Containerbewohner von heute hervor? Die Aufklärer, auch die Romantiker hatten die Einsamkeit noch gefeiert. Als seltenes, ersehntes Alleinsein, in dem der Mensch zu Gott und zu sich selbst findet, der Denker zum Gedanken, der Künstler zu seiner Kunst. Heute ist die Euphorie verflogen. Die Einsamkeit hat sich demokratisiert und für die Mehrheit als Graus erwiesen. Nicht nur Geistliche und Genies, Erben und Privatiers kommen jetzt in ihren Genuss, sondern alle. Doch nur wenige wissen die Einsamkeit offensichtlich so zu genießen wie jene, die einst Hymnen auf sie verfassten, ein Rousseau oder ein Schopenhauer.
Heute also wird die Einsamkeit als Isolation verstanden. Sozial und emotional. Theologie und Philosophie – mit ihrem positiven Einsamkeitsbegriff – haben die Deutungshoheit an Soziologie und Psychologie abgegeben. Und nun fällt uns auch ein, dass Rousseau und Schopenhauer, die Einsamkeitshymniker, tief gekränkte Wesen waren, sozial und emotional isoliert. Wie so viele Sonder- und Durchschnittsmenschen, die »freiwillig« in die Einsamkeit gingen und gehen.
Die Einsamkeit gilt als Gleichmacher. Arme wie Reiche, Hässliche wie Schöne, Isolierte wie Berühmte: Sie alle sollen gleich einsam sein, ja, die Reichen, Schönen und Berühmten sogar noch mehr. Vielleicht ist es das, was vermuten lässt, jeder Fortschritt bringe uns nur noch mehr Einsamkeit.
Schaut man sich die Argumente jedoch näher an, wird man skeptisch. Zum Beispiel die verschwundene Großfamilie. Gemeint: die Mehrgenerationenfamilie. Ach, damals! Damals, so heißt es, hätten Kinder, Eltern und Großeltern noch unter einem Dach gelebt.
Natürlich, das gab es (und gibt es auch heute). Doch im Bürgertum war es seit je die Norm, dass Erwachsene, die heirateten, ihren eigenen Hausstand gründeten. Und: Noch um 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren. Wer 20 wurde, hatte oft schon keine Eltern mehr. Von Großeltern ganz zu schweigen. Es fragt sich also, an welche Zeit eine Ministerin denkt, die »Mehrgenerationenhäuser« bauen will, damit »die Generationen sich wieder helfen, wie in Großfamilien in der Vergangenheit«. Erst 1950 stieg die mittlere Lebenserwartung auf über 65 Jahre. Selbst zu diesem Zeitpunkt war ein längeres Erleben von Großeltern noch selten. Zusammengefasst kann man sagen: Die Mehrgenerationenfamilie auf Dauer gibt es erst heute. Nie hatten so viele Menschen noch Eltern, Großeltern und sogar Urgroßeltern. Und Lebenspartner. Denn auch sie starben früher: früher. Ein schweres Fieber reichte, eine schwere Geburt.
Auch die »Anonymität der Großstadt« hält einer Überprüfung nicht stand. Forschungen zeigen, dass Menschen in der Stadt durchschnittlich bessere Netzwerke haben als Menschen auf dem Land. Die herkömmliche, erzwungene Nachbarschaft wird ersetzt durch eine »enträumlichte«, frei gewählte. Tatsächlich macht nicht die Großstadt einsam, sondern der Umzug in die Großstadt. Vorerst. Die meisten Texte, die von der Einsamkeit in der Großstadt erzählen, von den Erfahrungen der Anonymität, sind denn auch keine Großstadt-, sondern »Umzug in die Großstadt«-Texte. Und es sind Dokumente seelischer Krisen. Rilkes Malte Laurids Brigge war depressiv, bevor er allein nach Paris zog. Ebenso Esther Greenwood, in Sylvia Plaths Die Glasglocke, vor ihrem Umzug nach New York. Die bereits Verzweifelten sind es, die ihr Alleinsein im Gedränge der Straßen und U-Bahnen als unendliche Einsamkeit erfahren. Die Einsamen sind es, die in der Großstadt ein Bild ihrer Einsamkeit finden, nicht die Großstadt ist es, die sie einsam macht.
Abgesehen davon, kann man in der Großstadt finden, was man auf dem Dorf vermisst: Gleichgesinnte, auch Gleichgültigkeit, im besten Sinn. Für alles gibt es einen Club, eine Selbsthilfegruppe. Unzählige Initiativen, Läden und Seminare sind an die Seite der schrumpfenden Volksparteien, Vereine und Verbände getreten. Die mittlere Dauer der Mitgliedschaft ist zwar gesunken. Die Kommunikation aber hat zugenommen. Das Diskutieren und Mitentscheiden.
Und die Singles? 1950 lebten im Westen gut drei Millionen Menschen allein. Heute sind es zwölf Millionen, in ganz Deutschland bald fünfzehn Millionen. In Großstädten sind die Hälfte aller Haushalte ein Einpersonenhaushalte. Das klingt enorm.
Doch es gibt Einwände. Natürlich, Nummer eins: Ein Drittel bis die Hälfte aller Alleinwohnenden sind nicht alleinstehend. Sie haben eine Partnerschaft, leben aber in getrennten Wohnungen. Und die »Intimität auf Distanz« ist meist auch nur vorübergehend. Wenn die Beziehung hält, zieht man zusammen. Der Wohlstand erlaubt die schrittweise Annäherung, auch die Korrektur.
Von den Tücken und Chancen der Single-Gesellschaft
Der zweite Einwand: Familien gründen zunehmend mehrere Haushalte in einem Haus. Wieder ein Wohlstandsphänomen. Man lebt unter einem Dach, aber es sind Wohnungstüren zwischen Eltern, großen Kindern und Großeltern. Andere leben Haus an Haus oder gleich um die Ecke. Auch eine »Intimität auf Distanz«, die sich ausbreitet und in den neunziger Jahren zu dem Irrtum geführt hat, der Generationen-Zusammenhang löse sich auf. Denn viele Forscher schauen nur auf die Haushalte. Im Übrigen wohnen Kinder und Kindeskinder noch zu mehr als zwei Dritteln im selben Haus oder Ort wie die Alten. Nur ganze fünf Prozent leben mehr als zwei Autostunden entfernt. Der Eindruck, die große Mehrheit aller Familien sei heute über das Land verstreut, ist also falsch.
Dritter Einwand: Knapp 40 Prozent der Alleinwohnenden sind Menschen über 65. Die »Single-Gesellschaft« beruht zu einem Großteil auf der höheren Lebenserwartung. Allerdings ist auch im Alter, selbst unter Verwitweten, die Gleichung »Alleinwohnen = isoliert« nicht richtig.
Im Gegenteil zeigen Studien, dass immer weniger alte Menschen sich einsam fühlen. Bessere Gesundheit, mehr Geld und Bildung lassen die Leute aktiver sein. Und wer schon in der Lebensmitte Leidenschaften und Freundschaften gepflegt hat, behält beides auch im Alter. Das Ergebnis: Die Kontaktnetze älterer Menschen haben sich ausgeweitet. Auch der Familienzusammenhalt hat sich nicht abgeschwächt, sondern verstärkt.
Das liegt nicht zuletzt an der besseren Kommunikation: Eine Gesellschaft lernt sprechen. Wir streiten über die Vergangenheit, reden über Gefühle. Privat und öffentlich. Der Terror der Intimität ist nur das Hochwasser des Redeflusses, der ein verbreitetes Schweigen beendet hat. Nicht zuletzt das Schweigen zwischen den Generationen, den Achtundsechzigern sei Dank.
Ausgerechnet für diese Zunahme an privater Kommunikation, in vielen Familien und (auch Männer-)Freundschaften, fehlen uns jedoch die Worte. Welcher soziologische Begriff brächte diese Kommunikationsgesellschaft auf den Punkt?
So zeigt, dass immer mehr Leute über ihre Einsamkeit reden, sich bekennen in Kontaktanzeigen, Talkshows und Chatrooms, gerade nicht, dass es heute mehr Einsamkeit gibt. Vielmehr zeigt es die gestiegene Fähigkeit, über sich zu sprechen und zu anderen Kontakt aufzunehmen. Da sieht man auch: Nicht das Internet macht einsam, sondern es sind Einsame – auch Einsame –, die es nutzen. (Wie im Übrigen das Fernsehen nicht einsam macht, sondern Einsame zu exzessivem Fernsehen neigen. Wie der Roman nicht einsam macht, sondern Einsame – auch Einsame – zur Romanlektüre neigen.)
Und die echten Singles? Sie bewohnen ja nur etwa 20 Prozent der Einpersonenhaushalte. Sind sie die modernen Einsamen? Sicher, wer allein lebt und keinen Partner hat, wird sich häufig einsam fühlen. Andererseits sind die Singles dieses Jahres nicht die Singles des nächsten. Es herrscht ein Kommen und Gehen, es ist ein Verschiebebahnhof: Man lebt allein und ohne Partner, dann allein trotz Partner, dann mit dem Partner zusammen, dann, vielleicht, wieder allein und ohne Partner. Singles bilden die natürliche Bewegungsmasse einer freien Gesellschaft, in der man sich trennen darf und trennen kann. Es ist keineswegs ihr Ideal, allein zu sein. Im Gegenteil: Der Wert der Partnerschaft steht bekanntlich so hoch im Kurs wie lange nicht. Singles sind auch nicht notwendigerweise genusssüchtig oder karrieregeil. Die meisten fallen nur nicht von einer Beziehung in die nächste, also sind sie zwischendurch allein. Eine Phase, die auch gebraucht wird zu Verarbeitung und Neuorientierung. Und die in der Regel kürzer ist als früher (und nicht selten noch heute) eine unglückliche Ehe.
Ist in der Unterschicht die Einsamkeit etwa geringer? Nein!
Nie wird ja die Einsamkeit als so schlimm empfunden wie zu zweit: Tisch und Bett zu teilen, obwohl die Liebe fehlt, keine Kommunikation möglich ist. Die Trennung, die Scheidung erlaubt den Ausweg. So ist die steigende Scheidungsrate keinesfalls Beweis einer steigenden Einsamkeit. Ironischerweise stimmt sogar das Gegenteil. Sie ist auch die Folge überwundener Einsamkeit. Der Mensch, der isoliert ist in der Gesellschaft, kaum oder keine Kollegen hat, kaum Freunde, traut sich oft keine Trennung zu. Wer dagegen Freunde hat, einen Beruf, eine Welt außerhalb der Partnerschaft, traut sich eher. Abgesehen von der Unterstützung der Familie, die Trennungswillige früher, zumal Frauen, kaum erwarten durften. So wurde die Ehe-Einsamkeit auch zur Familien-Einsamkeit.
Der Mythos von der wachsenden Einsamkeit des modernen Menschen aber fußt auf einer Idealisierung des Bundes fürs Leben – wie auf der Idealisierung aller tradierter Gemeinschaft. Doch wie häufig war man einsam: in der Kirche, die man in Angst betrat. In Familien und Schulen, in denen Strenge herrschte, Schweigen, oft auch Gewalt. In allen autoritären Institutionen, in denen die Autoritäten keine »Ansprechpartner« waren, nie wahre Hilfe. Wie einsam konnte sein, wer abwich. Wie feindlich konnten (und können) Nachbarn sein. Das alles muss aus dem Gestern streichen, wer die Einsamkeit allein dem Heute anlasten will.
Zu dem romantischen, antimodernen Impetus passt, dass oft in jener Schicht die geringste Einsamkeit vermutet wird, die als am wenigsten verdorben gilt durch die Moderne. Durch Geld und Ehrgeiz, Mobilität und karrieregeleitete Kinderlosigkeit. Die Unterschicht. Doch wieder weit gefehlt. Auch die kuschelige Unterschicht ist Fiktion. Je besser die soziale Lage – und damit: Bildung und Kommunikation, Selbstvertrauen und Weltzugang –, desto weniger Einsamkeit. Das zeigt sich nicht zuletzt im Fall von Arbeitslosigkeit, wo die Gefahr der Selbstisolation in der Unterschicht besonders groß ist.
So kann die Individualisierung also auch gesehen werden: als ein Weg heraus aus vielen Einsamkeiten in die Gemeinschaft. Als Suche nach besserer Gemeinschaft, echter Freundschaft und gelingender Liebe. Dieser Weg aber führt meist – über nichts als die Einsamkeit. Vorerst. Im Entwicklungsroman jedes Einzelnen steht am Beginn die Wanderschaft, die Suche. In der Großstadt, im Ausland, abseits elterlicher Kreise. Mehr denn je haben wir unser Leben in der Hand. Wir müssen uns entscheiden. Für die Familie. Oder dagegen. Für ein Essen mit Freunden. Oder für die Arbeit bis Mitternacht. Dabei trägt jeder, natürlich, sein persönliches Einsamkeitsrisiko: je nachdem, welche Erfahrungen er gemacht hat, vor allem als Kind, und je nachdem, ob er den schlechten, zum Beispiel durch Therapie, die Macht nehmen konnte. Heraus kommt eine Bindungsfähigkeit, die die Schläge des Lebens balancieren muss: Abstieg und Arbeitslosigkeit, Trennung und Tod. Aber auch die Risiken der Chancen: von Wohnortwechseln und Karrieren. Immer wieder müssen wir uns entscheiden. Es sind nicht mehr Menschen einsam, aber mehr sind selbst schuld, wenn sie es werden. Nicht mit einer einsamen Moderne haben wir es zu tun, nur mit einer Modernisierung der Einsamkeit.
Unterm Strich aber bleibt es sich ungefähr gleich. Seit über dreißig Jahren erhebt das Institut für Demoskopie in Allensbach die »gefühlte Einsamkeit«. Ergebnis: Im Jahr 1971 sagten fünf Prozent, sie fühlten sich »oft einsam«. 2001, bei der jüngsten Befragung, waren es wieder fünf. Dazwischen stieg der Wert mal auf sechs, mal auf sieben Prozent – und fiel dann wieder ab. Das ist umso bemerkenswerter, als ja in dieser Zeit drei Gruppen mit erhöhtem Einsamkeitsrisiko ungeheuer zugelegt haben: die Mobilen, die Arbeitslosen und die Alten. Nicht einmal der Sturz aus dem real existierenden Sozialismus in den freien Markt zeitigte höhere Werte: Im Osten, wo 1995 erstmals nach Einsamkeitsgefühlen gefragt wurde, sagten sechs Prozent, sie fühlten sich oft einsam. 2001 waren es sieben.
Fünf bis sieben Prozent der Deutschen sind es also, die man mit Recht als einsam bezeichnen kann. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung dagegen sagen – da gibt es kaum Schwankungen über die Zeit –, dass sie sich selten oder nie einsam fühlten. Und ein Fünftel bis ein Viertel sagt: »manchmal«. Was man jedoch, unter den Bedingungen modernen Lebens, getrost als normal bezeichnen kann. Auch als nötig – wenn man noch zu sich selbst finden will, zu Gedanken, Göttern und Künsten. Die brauchen wir ja, wie die Gesellschaft.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Ein sehr schöner Text. Auf meinem Blog habe ich einen längeren Kommentar geschrieben: http://www.fdog-berlin.de/
Zu den evergreens linker Entfremdungskritik gehört die Furcht vor der Monadisierung (Adorno) im Spätkapitalismus. Das Wort geht auf Leibniz zurück. Ja genau, der mit der Prästabilisierten Harmonie. Die bezieht sich aber weniger auf das Verhältnis zwischen den Menschen, sondern auf ihr verborgenes Verhältnis zu Gott. Der gute Mann hatte das doppelte Pech, unsere Produktionsweise noch keiner kritischen Begutachtung unterziehen zu können und dennoch die Einsamkeit der Menschen beklagen zu müssen. Nun, jedenfalls hat er dieses schöne Wort erfunden und eine lange, bis heute andauernde Debatte darüber ausgelöst, ob wir Menschen eigentlich überhaupt jemals in Kontakt miteinander kommen oder ob wir nicht neben der Freiheit auch noch zur Einsamkeit verdammt sind.
Klingt beängstigend? Nur wenn man nicht weiß, wie Philosophie funktioniert. Wir sprechen nicht über das herkömmliche, klassische Alltagsalleinsein (siehe auch: Herzschmerz, Umzugskrise, Streit mit bestem Freund). Wir sprechen natürlich vom fundamentalen, kosmischen All-ein-sein (siehe auch: Gottverlassenheit, existentielle Krise, chronifiziertes Einsiedlersyndrom). Und das braucht uns hier nicht weiter zu interessieren....
Schon der Anreißertext von Sven Hillenkamp Viele Menschen klagen daüber, allein zu sein. Dabei ist die Einsamkeit der Moderne ein Mythos.... vermischt sträflich zwei Begriffe, nämlich den der Einsamkeit mit dem des Alleinseins. Es besteht nämlich zwischen diesen beiden Begriffen ein gravierender Unterschied. Allein zu sein, sich zurückzuziehen, Dinge tun, die man tun möchte, mit Menschen zusammen zu kommen, kann befreien und genussvoll sein. Einsamkeit hingegen ist ein Gefühl, das umklammert, sich in Gedanken, Gefühle einkrallt, unfrei macht, und nur mit größter Anstrengung kann es gelingen , diesem zu entrinnen. Das kann in Schreiben, Malen, Musizieren, Spaziergängen etc. ausgedrückt werden. Von dieser Einsamkeit sprechen ganz sicherlich die großen Philosophen, Schriftsteller der gestrigen als auch der heutigen Zeit. Es ist die Einsamkeit, die zu genießen ganz sicherlich nicht möglich ist, aus der heraus man jedoch mit seiner Kreativität gelangen kann. Woher weiß Herr Hillenkamp, dass jene einsamen Denker die Einsamkeit genießen konnten? Hat er mit ihnen ein Interview geführt, basiert seine Meinung auf neuesten Zahlenmaterialien, statistischen Erhebungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen? Diese Menschen haben genau so gelitten wie die heutigen Menschen und genau so wie heute haben sie in ihren Schriften, ihren Diskussionen einen Weg aus diesen Einsamkeitsgefühlen gesucht. Unverschämt, und damit beende ich diese Anmerkungen, ist folgende Bemerkung von Herrn Hillenkamp: ..., aber mehr Menschen sind selbst schuld, wenn sie einsam werden. Wünschen wir dem Herrn Autoren nicht, eines Tages einsam zu sein. Oder doch? Fazit: Am Thema vorbei geschrieben, wenn auch gespickt, das ist ja in unserer heutigen Zeit sehr wichtig, mit unnötigen Umfrageergebnissen. Ich frage, was bitte schön hat dieser Artikel im Feuilleton zu suchen?
Moeglicherweise lag um 1900 die durchschnittliche Lebenserwartung sogar noch unter 45 Jahren. Dennoch ereichte ein nicht unbetraechtlicher Teil der Bevoelkerung ein Alter von 65 Jahren (ca 30%) oder sogar 70 Jahren (ca 20%). Die niedrige durchschnittliche Lebenserwartung kam bekanntlich von der hohen Kindersterblichkeit. Die Argumentation mit der der Autor begruenden will, dass es damals keine Grossfamilien gegeben haben soll, ist geradezu abenteuerlich.
"Nicht das Internet macht einsam, sondern es sind Einsame auch Einsame , die es nutzen."
Diese und andere Aussagen mit ähnlichem Inhalt lassen die Betrachtung sehr einseitig erscheinen. Ersatzwelten, die zunehmend mit dem Einsamen (oder dem noch Vereinsamenden) interagieren und so immer realistischer unter anderem auch Kommunikation simulieren, können durchaus die Einsamkeit eines Menschen aktiv erhöhen. Das aktive Moment der Ersatzwelt ist das Eingehen auf den Nutzer. Diese macht den Angelockten dann unter Umständen sehr aggressiv einsam.
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