allein oder einsam? Einsamer nie?Seite 5/5

So kann die Individualisierung also auch gesehen werden: als ein Weg heraus aus vielen Einsamkeiten in die Gemeinschaft. Als Suche nach besserer Gemeinschaft, echter Freundschaft und gelingender Liebe. Dieser Weg aber führt meist – über nichts als die Einsamkeit. Vorerst. Im Entwicklungsroman jedes Einzelnen steht am Beginn die Wanderschaft, die Suche. In der Großstadt, im Ausland, abseits elterlicher Kreise. Mehr denn je haben wir unser Leben in der Hand. Wir müssen uns entscheiden. Für die Familie. Oder dagegen. Für ein Essen mit Freunden. Oder für die Arbeit bis Mitternacht. Dabei trägt jeder, natürlich, sein persönliches Einsamkeitsrisiko: je nachdem, welche Erfahrungen er gemacht hat, vor allem als Kind, und je nachdem, ob er den schlechten, zum Beispiel durch Therapie, die Macht nehmen konnte. Heraus kommt eine Bindungsfähigkeit, die die Schläge des Lebens balancieren muss: Abstieg und Arbeitslosigkeit, Trennung und Tod. Aber auch die Risiken der Chancen: von Wohnortwechseln und Karrieren. Immer wieder müssen wir uns entscheiden. Es sind nicht mehr Menschen einsam, aber mehr sind selbst schuld, wenn sie es werden. Nicht mit einer einsamen Moderne haben wir es zu tun, nur mit einer Modernisierung der Einsamkeit.

Unterm Strich aber bleibt es sich ungefähr gleich. Seit über dreißig Jahren erhebt das Institut für Demoskopie in Allensbach die »gefühlte Einsamkeit«. Ergebnis: Im Jahr 1971 sagten fünf Prozent, sie fühlten sich »oft einsam«. 2001, bei der jüngsten Befragung, waren es wieder fünf. Dazwischen stieg der Wert mal auf sechs, mal auf sieben Prozent – und fiel dann wieder ab. Das ist umso bemerkenswerter, als ja in dieser Zeit drei Gruppen mit erhöhtem Einsamkeitsrisiko ungeheuer zugelegt haben: die Mobilen, die Arbeitslosen und die Alten. Nicht einmal der Sturz aus dem real existierenden Sozialismus in den freien Markt zeitigte höhere Werte: Im Osten, wo 1995 erstmals nach Einsamkeitsgefühlen gefragt wurde, sagten sechs Prozent, sie fühlten sich oft einsam. 2001 waren es sieben.

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Fünf bis sieben Prozent der Deutschen sind es also, die man mit Recht als einsam bezeichnen kann. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung dagegen sagen – da gibt es kaum Schwankungen über die Zeit –, dass sie sich selten oder nie einsam fühlten. Und ein Fünftel bis ein Viertel sagt: »manchmal«. Was man jedoch, unter den Bedingungen modernen Lebens, getrost als normal bezeichnen kann. Auch als nötig – wenn man noch zu sich selbst finden will, zu Gedanken, Göttern und Künsten. Die brauchen wir ja, wie die Gesellschaft.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein sehr schöner Text. Auf meinem Blog habe ich einen längeren Kommentar geschrieben: http://www.fdog-berlin.de/

    Zu den evergreens linker Entfremdungskritik gehört die Furcht vor der “Monadisierung” (Adorno) im Spätkapitalismus. Das Wort geht auf Leibniz zurück. Ja genau, der mit der “Prästabilisierten Harmonie”. Die bezieht sich aber weniger auf das Verhältnis zwischen den Menschen, sondern auf ihr verborgenes Verhältnis zu Gott. Der gute Mann hatte das doppelte Pech, unsere Produktionsweise noch keiner kritischen Begutachtung unterziehen zu können und dennoch die Einsamkeit der Menschen beklagen zu müssen. Nun, jedenfalls hat er dieses schöne Wort erfunden und eine lange, bis heute andauernde Debatte darüber ausgelöst, ob wir Menschen eigentlich überhaupt jemals in Kontakt miteinander kommen oder ob wir nicht neben der Freiheit auch noch zur Einsamkeit verdammt sind.
    Klingt beängstigend? Nur wenn man nicht weiß, wie Philosophie funktioniert. Wir sprechen nicht über das herkömmliche, klassische Alltagsalleinsein (siehe auch: Herzschmerz, Umzugskrise, Streit mit bestem Freund). Wir sprechen natürlich vom fundamentalen, kosmischen All-ein-sein (siehe auch: Gottverlassenheit, existentielle Krise, chronifiziertes Einsiedlersyndrom). Und das braucht uns hier nicht weiter zu interessieren....

  2. Schon der Anreißertext von Sven Hillenkamp „Viele Menschen klagen daüber, allein zu sein. Dabei ist die Einsamkeit der Moderne ein Mythos....“ vermischt sträflich zwei Begriffe, nämlich den der „Einsamkeit“ mit dem des „Alleinseins“. Es besteht nämlich zwischen diesen beiden Begriffen ein gravierender Unterschied. Allein zu sein, sich zurückzuziehen, Dinge tun, die man tun möchte, mit Menschen zusammen zu kommen, kann befreien und genussvoll sein. Einsamkeit hingegen ist ein Gefühl, das umklammert, sich in Gedanken, Gefühle einkrallt, unfrei macht, und nur mit größter Anstrengung kann es gelingen , diesem zu entrinnen. Das kann in Schreiben, Malen, Musizieren, Spaziergängen etc. ausgedrückt werden. Von dieser Einsamkeit sprechen ganz sicherlich die großen Philosophen, Schriftsteller der gestrigen als auch der heutigen Zeit. Es ist die Einsamkeit, die zu genießen ganz sicherlich nicht möglich ist, aus der heraus man jedoch mit seiner Kreativität gelangen kann. Woher weiß Herr Hillenkamp, dass jene einsamen Denker die Einsamkeit genießen konnten? Hat er mit ihnen ein Interview geführt, basiert seine Meinung auf neuesten Zahlenmaterialien, statistischen Erhebungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen? Diese Menschen haben genau so gelitten wie die heutigen Menschen und genau so wie heute haben sie in ihren Schriften, ihren Diskussionen einen Weg aus diesen Einsamkeitsgefühlen gesucht. Unverschämt, und damit beende ich diese Anmerkungen, ist folgende Bemerkung von Herrn Hillenkamp: „..., aber mehr Menschen sind selbst schuld, wenn sie einsam werden.“ Wünschen wir dem Herrn Autoren nicht, eines Tages einsam zu sein. Oder doch? Fazit: Am Thema vorbei geschrieben, wenn auch gespickt, das ist ja in unserer heutigen Zeit sehr wichtig, mit unnötigen Umfrageergebnissen. Ich frage, was bitte schön hat dieser Artikel im Feuilleton zu suchen?

    • RaHoe
    • 24.03.2006 um 8:53 Uhr

    Moeglicherweise lag um 1900 die durchschnittliche Lebenserwartung sogar noch unter 45 Jahren. Dennoch ereichte ein nicht unbetraechtlicher Teil der Bevoelkerung ein Alter von 65 Jahren (ca 30%) oder sogar 70 Jahren (ca 20%). Die niedrige durchschnittliche Lebenserwartung kam bekanntlich von der hohen Kindersterblichkeit. Die Argumentation mit der der Autor begruenden will, dass es damals keine Grossfamilien gegeben haben soll, ist geradezu abenteuerlich.

    • Gefir
    • 08.08.2006 um 12:11 Uhr

    "Nicht das Internet macht einsam, sondern es sind Einsame – auch Einsame –, die es nutzen."

    Diese und andere Aussagen mit ähnlichem Inhalt lassen die Betrachtung sehr einseitig erscheinen. Ersatzwelten, die zunehmend mit dem Einsamen (oder dem noch Vereinsamenden) interagieren und so immer realistischer unter anderem auch Kommunikation simulieren, können durchaus die Einsamkeit eines Menschen aktiv erhöhen. Das aktive Moment der Ersatzwelt ist das Eingehen auf den Nutzer. Diese macht den Angelockten dann unter Umständen sehr aggressiv einsam.

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