Forum Sie sind doch nur Getriebene
Viele Manager versagen, weil sie schlecht ausgebildet sind - das schrieb Managementberater Fredmund Malik in der ZEIT. Irrtum, sagt der Ökonom Gunther Tichy: Es ist das System, das nicht passt
In der vom 1. Dezember stellt Fredmund Malik die Frage: »Warum versagen heute viele Manager?« Er findet eine zweifache Antwort: »Sie denken in Zahlen und glauben nur ans Geld«, und es fehle »an der richtigen Ausbildung«. Manager würden im MBA-Programm die »beiden größten Irrlehren der Wirtschaftsgeschichte« lernen: »Shareholder-Value und Wertsteigerung als oberste Zwecke und Ziele eines Unternehmens«. Eine ganze Managergeneration werde daher »umlernen müssen«.
Maliks Kritik an Shareholder-Value und Wertsteigerung als einzigem Unternehmensziel mag man durchaus folgen. Aber er macht einen Fehler: Er vernachlässigt die Abhängigkeit der jeweiligen Managementtheorien vom Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Wenn Malik betont, dass »zahlreiche ausgezeichnet geführte Unternehmen Deutschlands … immun gegen die amerikanischen Irrlehren waren«, bestätigt er unfreiwillig diese Systemabhängigkeit: BMW, Porsche, der Genossenschaftssektor und andere, die er als Beweis anführt, konnten es sich leisten, auf »kompromisslose Kundenorientierung und Wettbewerbsfähigkeit »zu setzen und auf kurzfristige Maximierung ihres Aktienkurses zu verzichten, weil sie starke Mehrheitsaktionäre haben oder gar nicht an der Börse notieren; sie sind eben nicht vom Kapitalmarkt abhängig. Für die großen Publikumsgesellschaften hingegen, die täglich im Visier der Bankanalysten stehen, vierteljährlich Berichte und Gewinnvorschauen liefern müssen, und mindestens einmal im Jahr die Großanleger in New York und London auf road shows bei der Stange halten müssen, schaut das ganz anders aus.
Das angloamerikanische Wirtschaftssystem ist – anders als das kontinentaleuropäische – nicht bank-, sondern kapitalmarktbasiert. Die Finanzierung der Firmen erfolgt nicht über Bankkredite, sondern über den Kapitalmarkt. Die Manager müssen nicht die Banken von der Sinnhaftigkeit ihrer Investitionen und Unternehmenskonzepte überzeugen, sondern »den Kapitalmarkt« – also Bankanalysten und Großanleger. Letztere sind entscheidend, denn in den USA wird der überwiegende Teil der Aktien nicht von Privatpersonen, sondern von diversen Fonds gehalten; es gibt weniger dominierende Mehrheitsaktionäre als in Europa. In den Vereinigten Staaten halten Pensions- und Investmentfonds etwa zwei Drittel der Aktien der großen Konzerne; sie sind nicht auf strategisches Eigentum, sondern auf Ertragsmaximierung ausgerichtet: »Trading shares, not holding them.«
Da der überwiegende Teil der Käufer nicht eigenes Geld anlegt, sondern fremdes, ergibt sich eine entscheidende Eigenschaft des Systems: Die Verwalter fremden Geldes sind rechenschaftspflichtig und zu kurzfristigem Erfolg gezwungen: Bei unterdurchschnittlicher Wertentwicklung eines Fonds wechseln die Anleger rasch zur Konkurrenz. Das schlägt auf die Unternehmen durch: In ihren Quartalsberichten ist der (kurzfristige) return on investment das entscheidende Kriterium, und auch in den Analystenmeetings werden mehrjährige Perspektiven bestenfalls am Rande mitberücksichtigt werden.
Dazu kommt: Vielen Managern ist eine Strategie der langfristigen Gewinnmaximierung auch deswegen verwehrt, weil sie deren Erfolg wohl gar nicht mehr erleben würden: Selbst wenn es in der Zwischenzeit zu keiner unfreundlichen Übernahme kommt und selbst wenn der Manager nicht vorzeitig gefeuert wird, wird sein Vertrag in einer Periode unterdurchschnittlicher Erträge sicherlich nicht verlängert. Die Manager der börsennotierten Gesellschaften müssen vielfach sogar nutzlose oder schädliche demonstrative Akte (wie etwa Massenkündigungen) setzen, um die Finanzmärkte zu beeindrucken.
So fehlt es den Managern nicht »an der richtigen Ausbildung«, wie Fredmund Malik meint. Unter den Bedingungen des amerikanischen Wirtschaftssystems muss sie sich so verhalten.
Eine andere Frage ist, ob das amerikanische System dem europäischen überlegen ist und ob man es daher übernehmen sollte. Hier ist Malik weitgehend zuzustimmen: Es wäre falsch und gefährlich, und zwar aus zwei Gründen. Das amerikanische System ist eher schlechter als das europäische, und seine Nachteile können nur unter den amerikanischen Voraussetzungen kompensiert werden.
Das US-Modell der Steuerung der gesamten Wirtschaft über den Aktienmarkt bedeutet, dass dieser darüber bestimmt, was wo investiert wird. Doch absolut nichts spricht für einen Informationsvorsprung des Kapitalmarkts, nichts dafür, dass er über raschere oder bessere Informationen verfügt als die Eigentümer oder Manager. Anstelle der Unternehmer entscheidet letztlich ein Heer angestellter Finanzanalysten. Dieser Nachteil – der an den Universitäten sehr wohl gesehen wird – wird in den Vereinigten Staaten dadurch kompensiert, dass der Zwang zum short terminism auf die börsennotierten Kapitalgesellschaften beschränkt ist, und ein florierender Venture-Capital-Sektor die Finanzierung langfristiger riskanter Projekte für kleinere unternehmergeführte Firmen bereitstellt. Die börsennotierten Gesellschaften kaufen die erfolgreichen Innovatoren auf, wenn sich die Venture-Kapitalisten nach zehn Jahren zurückziehen.
In Europa fehlt diese Voraussetzung, und sie wird sich auch nicht rasch schaffen lassen. Die Nachteile des Systems würden bei uns voll durchschlagen.
Gunther Tichy ist Leiter des Instituts für Technikfolgen- Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Manager sind nur Getriebene, das System ist schuld? Mhm. Das klingt mir sehr stark nach "die anderen sind Schuld", "ich kann doch nichts dafür" usw.
Nein, nicht das System ist schuld, sondern es sind unsere Entscheidungen, auf Grund deren wir etwas akzeptieren (ob es und gefällt oder nicht), etwas ändern oder wir die Konsequenz ziehen und uns ein neues Umfeld suchen. Unsere Entscheidungsfreude, unsere Risikobereitschaft oder unsere Sichtweise der Dinge sind neben Erfahrung auch abhängig von der Ausbildung, die wir erhalten haben, wie aber auch von unseren Werten, unserer Erziehung usw. Dazu gehört auch die Managerausbildung.
Die Aussage "Unter den Bedingungen des amerikanischen Wirtschaftssystems muss sie sich so verhalten" ist genauso richtig oder falsch, wie die Aussage "Wie müssen uns der Globalisierung anpassen, oder wir verlieren im Wettbewerb".
Wirtschaftssysteme/Globalisierung oder anderes ist von Menschen gemacht. Es liegt an an jedem selber, ob er das so akzeptiert, oder Einfluss nimmt, Extrema zu verhindern.
Es sind unsere Entscheidungen!
Übrigens: letztes sagte ein Mittelständler im TV, er sei froh, keine AG zu sein, er könne wenigstens langfristig planen (= 5 Jahre und länger). Das sagt eigentlich alles.
Es gibt wieder mal nur Opfer, niemand hat Schuld, ein paar verdienen sich dumm und dämlich und wir anderen müssen das bezahlen.
Da stimmt was nicht.
Ich sehe in den Positionen Maliks und Tichys keinen wirklichen Widerspruch. Tichys als Kritik gemeinte Analyse, die sich im Zitat "Die Finanzierung der Firmen erfolgt (in den angelsächsischen Ländern) nicht über Bankkredite (wie in Kontinentaleuropa), sondern über den Kapitalmarkt" zusammenfassen läßt, kann als Fehler in der modernen Managerausbildung interpretiert werden. Schon wird aus Tichys Kritik "bloß" eine Ergänzung Maliks Analyse.
Hans-Joachim Heyer
http://die-zeit.blog.de
In Deutschland wuerde eine grössere Förderung
durch Risikokapital Neustartern viel nuetzen.
Und auch die Banken aus ihrer Konservativität
herauslocken.
Man muss sich aber fragen woher das Risikokapital
kommen soll,da in Deutschland die Börsennotierten
ihre Gewinne dort nicht einsetzen.
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