Fussball Der große Kick
In diesen Tagen entscheidet sich, wer künftig die Bundesliga im Fernsehen zeigen darf. Die ARD hat beste Chancen
Pommes Rot-Weiß« ist sauer. »Scheiss Premiere machen den Fußball kaputt«, schreibt er in seinem Internet-Forum. Kurz zuvor hatte Fan »Aimar« getextet, man solle dem Bezahlkanal Premiere doch einen Vorsprung geben. Es sei schon in Ordnung, wenn ein frei empfangbarer Sender die Zusammenfassung der Samstagsspiele von der Ersten Fußballbundesliga erst am späten Abend zeige.
Ob im Internet oder am Stammtisch: Seit Wochen wird über die Zukunft der Liga im Fernsehen gestritten. Nun richten die Fans ihren Blick nach Frankfurt, wo die Deutsche Fußballliga (DFL) bis zum Mittwoch entscheiden will, in welchen Sendern sie vom kommenden Sommer an zu sehen ist.
Fußballignoranten mögen fragen, was Menschen wie »Pommes Rot-Weiß« umtreibt. Ist es nicht gleich, ob der Ball um zehn nach sechs, halb sieben oder um zehn Uhr abends im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen ist?
Doch Fußball ist eben mehr als ein Spiel. Es gibt 27.000 Fußballvereine in Deutschland, aber lediglich 13.000 Kirchengemeinden, und am heiligen Sonntag tummeln sich weit mehr auf dem Platz als vor dem Altar. »Wer Fußball spielt, lernt Pünktlichkeit, Teamgeist – und er lernt, wie wichtig Regeln sind, um Konflikte zu lösen«, sagt Sportwissenschaftler Dieter Jütting von der Universität Münster. »Es ist, wenn Sie so wollen, eine Schule des Lebens, auch für Zuschauer.«
Hinzu kommt das Geld. Seit private Fernsehsender mit ARD und ZDF ein Wettbieten um die TV-Bilder veranstalten, hat sich die Erste Liga mit einem Umsatz von zuletzt 1,1 Milliarden Euro in eine veritable Unterhaltungsindustrie verwandelt.
Die Ausschreibung sei »dreist und unverschämt«, sagt ein Eingeweihter
Satte 285 Millionen Euro pro Saison erlösen die Vereine der Ersten und Zweiten Liga aus dem Verkauf der Rechte für TV, Radio und Internet, und weil die Verträge im Sommer enden, pokert DFL-Manager Christian Seifert mit den Sendern um noch mehr Geld. Gier treibe sie nicht, betonen die Vereinsoberen, sondern der Wunsch, mit Europas Spitzenclubs mitzuhalten.
Am 20. Dezember will Seifert dem DFL-Vorstand das Verhandlungsergebnis präsentieren und tags darauf vor eine Vollversammlung der Vereine im Hotel Steigenberger am Flughafen Frankfurt treten. »Wenn es nicht mehr als 400 Millionen Euro sind, werden die Vereine nicht zustimmen«, sagt Bernd Hoffmann, der Vorstandschef des Hamburger SV.
Eines jedenfalls scheint sich zu verdichten: Die Verhandlungen laufen auf die beiden alten Konkurrenten Premiere und ARD zu.
Die Bundesliga gehört zu den populärsten TV-Ereignissen, und deshalb ist die Frage von Haben oder Nichthaben so wichtig. Bei Premiere haben viele Hundertausend Abonnenten das Fußballpaket geordert. Es geht für den Sender also praktisch um die Existenz. Derweil will die ARD mit der Liga wirklich »Das Erste« unter den Öffentlich-Rechtlichen bleiben, während sich auch die Manager anderer Sender noch Chancen ausrechnen. Deshalb reden viele, solange sie nicht zitiert werden. Und jeder streut ein nützliches Gerücht.
Besonders von Premiere will die Liga mehr Geld. Deshalb hieß es zuletzt mehrmals, die Rechte würden an die Deutsche Telekom gehen. Andere ließen durchblicken, ihr Interesse sei begrenzt, die Sonntagsspiele erst um 22 Uhr im frei empfangbaren Fernsehen zu zeigen. Dieser Abend gehöre – vom Tatort bis Christiansen – dem »Fiktionalen«, macht ein TV-Mann den Termin madig. Solche Finten und Sottisen sorgen für das passende Hintergrundrauschen in den entscheidenden Tagen.
Eine Preissteigerung um 30 Prozent kann die ARD locker verkraften
In der »Strategiegruppe Fußball« um den ARD-Vorsitzenden Thomas Gruber, den WDR-Intendanten Fritz Pleitgen und die Expertin für TV-Rechte Dagmar Brandenstein stapelt man derzeit tief und redet intern viel von den Risiken. Ihr Horrorszenario: Premiere könnte mehr als 250 Millionen Euro bieten, wofür die Vereine im Gegenzug die sportschau übergingen und nur dem ZDF um 22 Uhr die Spiele im frei empfangbaren Fernsehen überließen. Schon die Ausschreibung sei nicht im Sinne des Ersten gewesen, weil die DFL nie vorgesehen habe, die sportschau zur bisherigen Zeit um zehn nach sechs fortzuführen. Am liebsten, so ein Eingeweihter, wäre es den Vereinen, wenn sich die ARD mit einer Stunde Sendezeit nach 19 Uhr begnügen würde. Die Ausschreibung sei »dreist und unverschämt«, kritisiert er. »Man darf nur eine Summe eintragen und muss abwarten. Nichts ist verhandelbar. So etwas habe ich noch nie erlebt.«
Aufschlussreich ist allerdings, wie leise die ARD-Strategen klagen. Bisher schicken sie niemanden vor, der »ein Grundrecht auf Bundesliga« einklagt. Denn die Verantwortlichen wissen genau, wie gut sie eigentlich im Rennen liegen. Die sportschau besitzt inzwischen für alle, die im Fußball etwas zu sagen haben, einen großen strategischen Wert, den Premiere nur schwer mit Geld aufwiegen kann:
Etwa 300.000 Kinder bis 13 Jahre sehen regelmäßig sportschau. Das entspricht einem Drittel der Altersgruppe, die zu dieser Zeit fernschaut. Die sportschau ist damit die größte Anwerbe-Show für den Nachwuchs überhaupt.
Insgesamt sitzen jeden Samstag etwa sechs Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm. Noch schöner rechnet sich die ARD, in dem sie sportschau, tagesschau, Tor der Woche mit Sendungen wie Sport im Westen und Blickpunkt Sport in den Dritten Programmen zusammennimmt. So kommt sie auf 16 Millionen Zuschauer, die sie den Vereinen und den Sponsoren zuführt. Als Beleg dafür, wie weit Premiere von diesen Werten weg ist, wird der Ligapokal genannt. Dessen Finale sahen in der ARD vor einem Jahr vier Millionen Menschen. Bei Premiere, wo das Turnier in diesem Sommer lief, waren es nur 500000 Zuschauer.
Sponsoren und Werbungtreibende können sich keine bessere Dauerwerbesendung wünschen als die sportschau. Selbst hart gesottene ARD-Leute haben Mühe, öffentlich darüber zu schweigen, wie sehr die Sponsoren CMA und Deutsche Telekom die Sendung dominieren. Gerade die Telekom nutzt die Einheit von Fußball und Werbung im Öffentlich-Rechtlichen weidlich aus. Ihre Festnetz-Tochter T-Com ist nicht nur Sponsor der Sendung (»Seien Sie dabei, wenn’s weitergeht.«), sondern zahlt auch Werbespots und zeigt sich auf den Trikots des FC Bayern München.
Zur Not kann die ARD immer noch auf die Landespolitik vertrauen. Dort besitzt eine frühe Ausstrahlung im frei empfangbaren Fernsehen ernsthaften Wert. »Fußball stiftet Gemeinschaft. Das ist zu wichtig, als dass die Bundesliga erst in der Nacht gesendet werden sollte«, sagt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. Zwar könne man die Vereine zu einer frühen Ausstrahlung nicht zwingen, aber darauf hinweisen könne man schon, »mit wie viel öffentlichem Geld der Fußball unterstützt wird«. So schickt Nordrhein-Westfalen zu jedem Heimspiel eines Bundesligisten etwa 160 Polizisten auf Kosten des Landes. Dort sind die Beamten dann oft sieben Stunden im Einsatz, um ein prügelfreies und familientaugliches Vergnügen abzusichern.
Am Ende bleibt die Frage: Was ist die ARD bereit, für den Fußball zu zahlen? Im Umfeld der ARD-Spitze ist zu hören, der Senderverbund habe bis zu 85 oder sogar 90 Millionen Euro geboten, wenn die sportschau eineinhalb Stunden dauern und um 18.30 Uhr beginnen würde. Das entspräche einer Preissteigerung um mehr als 30 Prozent – »was kein privater TV-Sender bieten kann, wenn er die Sendung mit Werbung finanzieren will«, so ein Sportmanager. Die ARD hingegen kann. Sie verfügt über mehrere hundert Millionen Euro für ihr Sportprogramm und nimmt rund 50 Millionen Euro zusätzlich durch Sponsoring und Werbung im Umfeld der sportschau ein.
ARD-Mitarbeiter bestätigen, dass die sportschau derzeit dank der Werbeeinnahmen sogar mit Gewinn wirtschaftet. Die genauen Zahlen habe man kürzlich der zuständigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) übermittelt.
Die künftige Übertragung der Bundesliga müsste also in etwa zur Hälfte aus Gebühren finanziert werden, was »schon genehmigt« sei, wie es intern heißt. Auch daraus lassen sich wieder Schlüsse ziehen. Wenn in einem Senderverbund alle neun Intendanten einfach ja sagen, ist ihnen die Bundesliga wirklich wichtig. Und sie halten den Preis, selbst wenn sie am Ende 25 Millionen Euro oder mehr drauflegen müssen, offenbar immer noch für ein Schnäppchen.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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