Fussball Der große KickSeite 2/2
In der »Strategiegruppe Fußball« um den ARD-Vorsitzenden Thomas Gruber, den WDR-Intendanten Fritz Pleitgen und die Expertin für TV-Rechte Dagmar Brandenstein stapelt man derzeit tief und redet intern viel von den Risiken. Ihr Horrorszenario: Premiere könnte mehr als 250 Millionen Euro bieten, wofür die Vereine im Gegenzug die sportschau übergingen und nur dem ZDF um 22 Uhr die Spiele im frei empfangbaren Fernsehen überließen. Schon die Ausschreibung sei nicht im Sinne des Ersten gewesen, weil die DFL nie vorgesehen habe, die sportschau zur bisherigen Zeit um zehn nach sechs fortzuführen. Am liebsten, so ein Eingeweihter, wäre es den Vereinen, wenn sich die ARD mit einer Stunde Sendezeit nach 19 Uhr begnügen würde. Die Ausschreibung sei »dreist und unverschämt«, kritisiert er. »Man darf nur eine Summe eintragen und muss abwarten. Nichts ist verhandelbar. So etwas habe ich noch nie erlebt.«
Aufschlussreich ist allerdings, wie leise die ARD-Strategen klagen. Bisher schicken sie niemanden vor, der »ein Grundrecht auf Bundesliga« einklagt. Denn die Verantwortlichen wissen genau, wie gut sie eigentlich im Rennen liegen. Die sportschau besitzt inzwischen für alle, die im Fußball etwas zu sagen haben, einen großen strategischen Wert, den Premiere nur schwer mit Geld aufwiegen kann:
Etwa 300.000 Kinder bis 13 Jahre sehen regelmäßig sportschau. Das entspricht einem Drittel der Altersgruppe, die zu dieser Zeit fernschaut. Die sportschau ist damit die größte Anwerbe-Show für den Nachwuchs überhaupt.
Insgesamt sitzen jeden Samstag etwa sechs Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm. Noch schöner rechnet sich die ARD, in dem sie sportschau, tagesschau, Tor der Woche mit Sendungen wie Sport im Westen und Blickpunkt Sport in den Dritten Programmen zusammennimmt. So kommt sie auf 16 Millionen Zuschauer, die sie den Vereinen und den Sponsoren zuführt. Als Beleg dafür, wie weit Premiere von diesen Werten weg ist, wird der Ligapokal genannt. Dessen Finale sahen in der ARD vor einem Jahr vier Millionen Menschen. Bei Premiere, wo das Turnier in diesem Sommer lief, waren es nur 500000 Zuschauer.
Sponsoren und Werbungtreibende können sich keine bessere Dauerwerbesendung wünschen als die sportschau. Selbst hart gesottene ARD-Leute haben Mühe, öffentlich darüber zu schweigen, wie sehr die Sponsoren CMA und Deutsche Telekom die Sendung dominieren. Gerade die Telekom nutzt die Einheit von Fußball und Werbung im Öffentlich-Rechtlichen weidlich aus. Ihre Festnetz-Tochter T-Com ist nicht nur Sponsor der Sendung (»Seien Sie dabei, wenn’s weitergeht.«), sondern zahlt auch Werbespots und zeigt sich auf den Trikots des FC Bayern München.
Zur Not kann die ARD immer noch auf die Landespolitik vertrauen. Dort besitzt eine frühe Ausstrahlung im frei empfangbaren Fernsehen ernsthaften Wert. »Fußball stiftet Gemeinschaft. Das ist zu wichtig, als dass die Bundesliga erst in der Nacht gesendet werden sollte«, sagt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. Zwar könne man die Vereine zu einer frühen Ausstrahlung nicht zwingen, aber darauf hinweisen könne man schon, »mit wie viel öffentlichem Geld der Fußball unterstützt wird«. So schickt Nordrhein-Westfalen zu jedem Heimspiel eines Bundesligisten etwa 160 Polizisten auf Kosten des Landes. Dort sind die Beamten dann oft sieben Stunden im Einsatz, um ein prügelfreies und familientaugliches Vergnügen abzusichern.
Am Ende bleibt die Frage: Was ist die ARD bereit, für den Fußball zu zahlen? Im Umfeld der ARD-Spitze ist zu hören, der Senderverbund habe bis zu 85 oder sogar 90 Millionen Euro geboten, wenn die sportschau eineinhalb Stunden dauern und um 18.30 Uhr beginnen würde. Das entspräche einer Preissteigerung um mehr als 30 Prozent – »was kein privater TV-Sender bieten kann, wenn er die Sendung mit Werbung finanzieren will«, so ein Sportmanager. Die ARD hingegen kann. Sie verfügt über mehrere hundert Millionen Euro für ihr Sportprogramm und nimmt rund 50 Millionen Euro zusätzlich durch Sponsoring und Werbung im Umfeld der sportschau ein.
ARD-Mitarbeiter bestätigen, dass die sportschau derzeit dank der Werbeeinnahmen sogar mit Gewinn wirtschaftet. Die genauen Zahlen habe man kürzlich der zuständigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) übermittelt.
Die künftige Übertragung der Bundesliga müsste also in etwa zur Hälfte aus Gebühren finanziert werden, was »schon genehmigt« sei, wie es intern heißt. Auch daraus lassen sich wieder Schlüsse ziehen. Wenn in einem Senderverbund alle neun Intendanten einfach ja sagen, ist ihnen die Bundesliga wirklich wichtig. Und sie halten den Preis, selbst wenn sie am Ende 25 Millionen Euro oder mehr drauflegen müssen, offenbar immer noch für ein Schnäppchen.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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