Arbeitskampf Aus. Ende. Geschlossen
Der schwedische Konzern Elektrolux sperrt das AEG-Werk in Nürnberg zu. Die Gewerkschaften tun sich schwer, eine grenzüberschreitende Gegenwehr zu organisieren
Das Ende ist dann kurz. Mehr als 80 Jahre lang haben vier Generationen von Arbeitern im Nürnberger AEG-Werk an der Muggenhofer Straße Elektrogeräte zusammengeschraubt. In acht Minuten ist das Ende der Fabrik verkündet.
Um 14 Uhr haben sich die meisten der 1750 Beschäftigten in der Versandhalle eingefunden, weil ihnen die Firmenleitung Wichtiges sagen will. Um 14.07 Uhr schrillen Hunderte Trillerpfeifen, verteilt von der IG Metall, dort drinnen so laut, dass es noch draußen jenseits des Werkszauns zu hören ist. Eine Minute später formiert sich vor der Halle die Spitze des Trauerzugs der Leute, die nun ihre Arbeit verlieren werden.
Jürgen Wechsler, der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall am Ort, hatte schon mittags in einer Telefonkonferenz erfahren, was der Aufsichtsrat von Electrolux am Morgen in Stockholm beschlossen hatte: Das AEG-Haushaltsgeräte-Werk in Nürnberg wird Ende 2007 nach 85 Jahren geschlossen. Aber dass die Verkündung dann nur ein paar Minuten dauert, weil die Belegschaft den Manager, der vor sie tritt, einfach zum Teufel jagt, das hat Jürgen Wechsler doch überrascht. Andererseits aber erleichtert ihm dieses rasche Ende auch das, was er in den nächsten Stunden zu tun hat.
Er fängt die Trauer und die Wut der Leute mit einem bewährten gewerkschaftlichen Repertoire an Ritualen auf. Transparente, Parolen, Fahnen: ein Demonstrationszug rund um das Werk. Ein paar Reden von einer Lkw-Ladefläche herunter. Vom Kampf wird gesprochen, der noch nicht verloren sei, von Solidarität und schwedischen Halunken, von Hoffnung, Willkür, »unserem Werk«.
Gewerkschaft und Betriebsrat hatten in den vergangenen Monaten vieles versucht, um die Fabrik zu retten. Seit einem halben Jahr waren ihnen die Pläne der schwedischen Konzernleitung bekannt, die Fertigung von Kühlschränken und Waschmaschinen von Nürnberg nach Polen zu verlagern, weil sie dort angeblich um 48 Millionen Euro im Jahr billiger kommt. Einen Einkommensverzicht von 16 Prozent hatten IGM und Betriebsrat angeboten, flexiblere Arbeitszeiten dazu.
Ein Gutachten des Info-Instituts in Saarbrücken hatte ihnen betriebswirtschaftliche Argumente zu Nürnbergs Gunsten geliefert: Dem AEG-Werk wurden demnach zu hohe anteilige Fixkosten der Europazentrale zugerechnet; in die Vergleichskalkulationen mit Polen waren die Anfangsinvestitionen für die Werke dort nicht eingegangen; die Amortisationszeiten für die Verlagerung waren zu niedrig angesetzt; und schließlich hätten die Konzernstrategen in Stockholm Überkapazitäten aufgebaut, weil sie die Marktentwicklung in Osteuropa überschätzten. Sollten die Belegschaften mit Jobverlusten dafür büßen?
Alles vergebens. Deshalb steht Jürgen Wechsler nun in der Kälte vorm Werkstor. Die Lautsprecheranlage wird schon eingepackt. Die Belegschaft ist erst einmal nach Hause gegangen. Wechsler sagt: »Die einzige Sprache, die die Manager verstehen, ist die des Marktes.« Sollte es beim Aus für das Nürnberger Werk bleiben, werde man die deutschen Verbraucher auffordern, die Marke AEG zu boykottieren. An den Anstand der Manager zu appellieren habe keinen Sinn. Sie reagierten nur auf Macht, auf Gegenmacht.
Streik sei die klassische Antwort, und die müsse man nun geben. Die IG Metall Nürnberg hat eine Tarifkommission gebildet, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag fordert. Damit erlischt in dieser Frage die Friedenspflicht. Mit harten Streiks werde man entweder gute Abschiedskonditionen für die Kollegen erstreiten oder zumindest die Stilllegungskosten weit über die kalkulierten 230 Millionen Euro hinaus treiben.
Unter dem Druck der Ereignisse zieht sich der Funktionär auf die ganz eigenen Stärken der IG Metall zurück, auf ihre Kenntnisse des Arbeits- und Tarifrechts, die sie fintenreich nutzt. Nur einmal an diesem eisigen Nachmittag kommt Jürgen Wechsler für einen Moment ein Gedanke in den Kopf, der ihn in den letzten Wochen ziemlich fasziniert hatte. Er springt noch einmal auf die Lastwagen-Ladefläche, greift sich das Mikrofon und ruft: »Hoch lebe die internationale Solidarität.«
Im Oktober, als die Entscheidung über das AEG-Werk noch offen schien, hatten die Arbeitnehmervertreter auf eine ganz große Strategie gesetzt. Electrolux hatte zur Jahresmitte bekannt gegeben, dass man aus Kostengründen 11 der 17 westeuropäischen Werke schließen wolle. Die Metallgewerkschaften in Deutschland, Italien, Spanien, Schweden und anderswo hatten daraufhin einen europäischen Kampftag ausgerufen. In etlichen Werken war es zu Arbeitsniederlegungen gekommen. Damals hatte Wechsler frohlockt: »Wir werden dem Europa der Konzerne ein Europa der Arbeitnehmer entgegensetzen. Ab heute sind alle Standorte in Europa solidarisch.«
Nach Brüssel zu fahren, hatte er empfohlen, von wo aus der Europäische Metallgewerkschaftsbund die neue Strategie organisiere.
Brüssel , Mitte November. Die Schilder neben dem Eingang zum Haus Rue Royale Nr. 45 unweit des königlichen Palastes geben Buchstabenrätsel auf: »EFBH-FETBB-EFBWW«, »FEM-EMF-EMB«, »EPSU-FSESP-EGÖD«. Die kryptischen Kürzel markieren die Adresse dreier internationaler Dachgewerkschaften, darunter der Europäische Metallgewerkschaftsbund, kurz EMB. Im zweiten Stock muss Generalsekretär Peter Scherrer gerade noch ein Telefonat beenden. Tatsächlich war Harald Dix am Apparat. Der Betriebsratsvorsitzende des Nürnberger AEG-Werks hatte einen Termin beim Arbeitsgericht hinter sich. »Der Informationsaustausch zwischen uns klappt«, sagt Scherrer, »das auf jeden Fall.« Sonst aber biete sein Job durchaus Frustrationspotenzial.
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Diese neuste Hiobs-Botschaft AEG betreffend beweisst mal wieder dass die so oft gepriesene Globalisierung nur dazu dient dass ein paar Leute viel,viel Geld verdienen und der Rest immer weniger hat.Mehr Menschen muessen sich zusammen schliessen und gegen diesen Unsinn protestieren aber sie muessen auch aufhoeren nur noch nach Schnaeppchen zu schauen,denn gerade diese Billig-Produkten Schwemme sind doch die Ursache der Misere.
Nur weil Produkte teuer sind, werden sie auch nicht hier gefertigt,
die "Spider-Jacke" oder Schöffel-Jacke für 500 Euro im Karstadt sport "Made in China",
oder Hugo Boss Anzüge hergestellt in Rumänien undsoweiter.
Schuld ist Gewinn/Profit ist geil,
mehr Geld/Profit ist geiler.
Seltsam, dass genau die, die ihre eigenen Konsumgüter da kaufen, wo es am billigsten ist ("Geiz ist geil..."), nach Streiks rufen, wenn denn konsequenterweise deutsche Firmen schließen.
Haben wir ALLE es denn immer noch nicht kapiert?
Die Globalisierung läuft schon seit Menschengedenken, und die Ewiggestrigen, die das nicht wahrhaben wollen, bleiben auf der Strecke, ganz simpel.
Auch der Kapitalismus funktioniert nur, weil ALLE mitmachen (und ja durchaus auch ALLE davon profitieren!).
Was wirklich sinnvoll wäre, ist:
Die STÄRKEN Europas zu erkennen, nämlich unsere (europäische und auch deutsche) immer noch weltweit sehr gute Ausbildung (TROTZ PISA!).
Die Montagebetriebe wandern ab, wenn wir Glück haben, bleiben sie in Europa (Polen z.B.), entwickeln dort eine Infrastruktur und es entstehen weiterführende Technologiezentren.
Waschmaschinen kommen z.B. inzwischen schon zu 30% aus der Türkei, demnächst aus Südostasien. Und sie werden HIER gekauft!
Was uns als letzte Hoffnung bleibt, ist, weiterhin innovativ und kreativ zu sein, Entwicklung zu betreiben, neue Technologien (oder auch nur Werkstoffe) zu erschaffen.
Das heißt aber auch: konsequent die Ausbildung (vom Kindergarten aufwärts) auf dieses Ziel auszurichten.
Und auch: ALLEN Eltern mit Kindern klar machen, dass (aus welchen Gründen auch immer) Ungelernten oder Unbelehrbaren das weiche Sozialhilfebett nicht mehr lange offensteht und ungelernte Arbeit eben nicht mehr in Mitteleuropa zu haben ist.
Heines "Weber" hatten das gleiche Problem, aber es hilft nichts, nur zu jammern und zu fluchen. Hoffen wir, das nicht wieder zwei Weltkriege nötig sind, um eine ähnliche Struktur"krise" (eher: normale Weiterentwicklung) zu überwinden.
Das ist zwar jetzt etwas polemisch (vielleicht !), aber mir stellt sich da immer die Frage : Bis heute, wer hat da die Firma dahin gebracht, wo sie steht ? Die Manager ? Sicher haben die einen grossen Teil dazu beigetragen und dafür auch viel Geld bekommen und dann wieder gegangen (worden). Die Mitarbeiter ? Denke ich doch ganz sicher, den sie haben für ihre Arbeit und das Geld gebuckelt und gewerkelt und haben auch in diesem Fall Einschnitte geduldet um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Aber diese Leute standen immer treu zu ihrer Firma und werden nun wie ein "Ding" ausgesondert und abgewrackt ! Die Aktionäre ? Das Geld kam von Ihnen, verdient haben sie meistens daran genug und kriegen jetzt den Hals nicht voll und schliessen kurzerhand die Firma mit allen ausgedienten Mitarbeitern. Puh, darüber darf man nicht zu lange nachdenken .....
Schönen Gruß,
und nichts für ungut,
Beekmann
Was, so denke ich, einige Konzernchefs, noch nicht verstanden haben, ist folgender Zusammenhang, der im Übrigen auch nicht in den naiven Wirtschaftsmodellen der Business Schools unterrichtet wird.
Standortverlagerungsentscheidungen bedeuten, dass die Manager hier die Globalisierung steuern.
Dabei kann man sich sicherlich auf Excel-Kosten-Tabellen verlassen, muss aber damit rechnen, dass die gesamte Globalisierung so aus dem Ruder läuft, dass keiner mehr Spass daran findet.
Ergo sollten die Entscheider dringend darüber nachdenken, ob der Dialog mit europäischen Arbeitnehmerorganisationen und der Aufbau einer europäisch geprägten Corporate Governance nicht evtl. doch sinnvoller ist.
Um diesen Denkprozess voranzutreiben, sind europaweite Streiks, vor allem in den so wichtigen Logistikketten, sinnvoll.
Nur so kann die Politik - in Form der EU - auch wieder Handlungsfähigkeit im Globalisierungsprozess gewinnen.
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