Arbeitskampf Aus. Ende. Geschlossen
Der schwedische Konzern Elektrolux sperrt das AEG-Werk in Nürnberg zu. Die Gewerkschaften tun sich schwer, eine grenzüberschreitende Gegenwehr zu organisieren
Das Ende ist dann kurz. Mehr als 80 Jahre lang haben vier Generationen von Arbeitern im Nürnberger AEG-Werk an der Muggenhofer Straße Elektrogeräte zusammengeschraubt. In acht Minuten ist das Ende der Fabrik verkündet.
Um 14 Uhr haben sich die meisten der 1750 Beschäftigten in der Versandhalle eingefunden, weil ihnen die Firmenleitung Wichtiges sagen will. Um 14.07 Uhr schrillen Hunderte Trillerpfeifen, verteilt von der IG Metall, dort drinnen so laut, dass es noch draußen jenseits des Werkszauns zu hören ist. Eine Minute später formiert sich vor der Halle die Spitze des Trauerzugs der Leute, die nun ihre Arbeit verlieren werden.
Jürgen Wechsler, der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall am Ort, hatte schon mittags in einer Telefonkonferenz erfahren, was der Aufsichtsrat von Electrolux am Morgen in Stockholm beschlossen hatte: Das AEG-Haushaltsgeräte-Werk in Nürnberg wird Ende 2007 nach 85 Jahren geschlossen. Aber dass die Verkündung dann nur ein paar Minuten dauert, weil die Belegschaft den Manager, der vor sie tritt, einfach zum Teufel jagt, das hat Jürgen Wechsler doch überrascht. Andererseits aber erleichtert ihm dieses rasche Ende auch das, was er in den nächsten Stunden zu tun hat.
Er fängt die Trauer und die Wut der Leute mit einem bewährten gewerkschaftlichen Repertoire an Ritualen auf. Transparente, Parolen, Fahnen: ein Demonstrationszug rund um das Werk. Ein paar Reden von einer Lkw-Ladefläche herunter. Vom Kampf wird gesprochen, der noch nicht verloren sei, von Solidarität und schwedischen Halunken, von Hoffnung, Willkür, »unserem Werk«.
Gewerkschaft und Betriebsrat hatten in den vergangenen Monaten vieles versucht, um die Fabrik zu retten. Seit einem halben Jahr waren ihnen die Pläne der schwedischen Konzernleitung bekannt, die Fertigung von Kühlschränken und Waschmaschinen von Nürnberg nach Polen zu verlagern, weil sie dort angeblich um 48 Millionen Euro im Jahr billiger kommt. Einen Einkommensverzicht von 16 Prozent hatten IGM und Betriebsrat angeboten, flexiblere Arbeitszeiten dazu.
Ein Gutachten des Info-Instituts in Saarbrücken hatte ihnen betriebswirtschaftliche Argumente zu Nürnbergs Gunsten geliefert: Dem AEG-Werk wurden demnach zu hohe anteilige Fixkosten der Europazentrale zugerechnet; in die Vergleichskalkulationen mit Polen waren die Anfangsinvestitionen für die Werke dort nicht eingegangen; die Amortisationszeiten für die Verlagerung waren zu niedrig angesetzt; und schließlich hätten die Konzernstrategen in Stockholm Überkapazitäten aufgebaut, weil sie die Marktentwicklung in Osteuropa überschätzten. Sollten die Belegschaften mit Jobverlusten dafür büßen?
Alles vergebens. Deshalb steht Jürgen Wechsler nun in der Kälte vorm Werkstor. Die Lautsprecheranlage wird schon eingepackt. Die Belegschaft ist erst einmal nach Hause gegangen. Wechsler sagt: »Die einzige Sprache, die die Manager verstehen, ist die des Marktes.« Sollte es beim Aus für das Nürnberger Werk bleiben, werde man die deutschen Verbraucher auffordern, die Marke AEG zu boykottieren. An den Anstand der Manager zu appellieren habe keinen Sinn. Sie reagierten nur auf Macht, auf Gegenmacht.
Streik sei die klassische Antwort, und die müsse man nun geben. Die IG Metall Nürnberg hat eine Tarifkommission gebildet, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag fordert. Damit erlischt in dieser Frage die Friedenspflicht. Mit harten Streiks werde man entweder gute Abschiedskonditionen für die Kollegen erstreiten oder zumindest die Stilllegungskosten weit über die kalkulierten 230 Millionen Euro hinaus treiben.
Unter dem Druck der Ereignisse zieht sich der Funktionär auf die ganz eigenen Stärken der IG Metall zurück, auf ihre Kenntnisse des Arbeits- und Tarifrechts, die sie fintenreich nutzt. Nur einmal an diesem eisigen Nachmittag kommt Jürgen Wechsler für einen Moment ein Gedanke in den Kopf, der ihn in den letzten Wochen ziemlich fasziniert hatte. Er springt noch einmal auf die Lastwagen-Ladefläche, greift sich das Mikrofon und ruft: »Hoch lebe die internationale Solidarität.«
Im Oktober, als die Entscheidung über das AEG-Werk noch offen schien, hatten die Arbeitnehmervertreter auf eine ganz große Strategie gesetzt. Electrolux hatte zur Jahresmitte bekannt gegeben, dass man aus Kostengründen 11 der 17 westeuropäischen Werke schließen wolle. Die Metallgewerkschaften in Deutschland, Italien, Spanien, Schweden und anderswo hatten daraufhin einen europäischen Kampftag ausgerufen. In etlichen Werken war es zu Arbeitsniederlegungen gekommen. Damals hatte Wechsler frohlockt: »Wir werden dem Europa der Konzerne ein Europa der Arbeitnehmer entgegensetzen. Ab heute sind alle Standorte in Europa solidarisch.«
Nach Brüssel zu fahren, hatte er empfohlen, von wo aus der Europäische Metallgewerkschaftsbund die neue Strategie organisiere.
Brüssel , Mitte November. Die Schilder neben dem Eingang zum Haus Rue Royale Nr. 45 unweit des königlichen Palastes geben Buchstabenrätsel auf: »EFBH-FETBB-EFBWW«, »FEM-EMF-EMB«, »EPSU-FSESP-EGÖD«. Die kryptischen Kürzel markieren die Adresse dreier internationaler Dachgewerkschaften, darunter der Europäische Metallgewerkschaftsbund, kurz EMB. Im zweiten Stock muss Generalsekretär Peter Scherrer gerade noch ein Telefonat beenden. Tatsächlich war Harald Dix am Apparat. Der Betriebsratsvorsitzende des Nürnberger AEG-Werks hatte einen Termin beim Arbeitsgericht hinter sich. »Der Informationsaustausch zwischen uns klappt«, sagt Scherrer, »das auf jeden Fall.« Sonst aber biete sein Job durchaus Frustrationspotenzial.
Scherrer soll für die europäischen Metallgewerkschaften eine Antwort auf ein unangenehmes Phänomen der Globalisierung geben: International agierende Konzerne spielen die Belegschaften ihrer Fabriken im Standortwettbewerb gegeneinander aus. Mit der Drohung, Produktionen in kostengünstigere Schwesterbetriebe zu verlagern, wollen sie Entgelt- und Arbeitszeittarife drücken.
Aber der Apparat, mit dem Scherrer gegen Weltkonzerne antritt, ist klein: »Inklusive Telefonistin und Putzfrau sind wir hier 17 Leute – so groß ist die IG-Metall-Verwaltungsstelle Nürnberg.« Und das Enigma an der Eingangstür ist unfreiwillig symbolisch. Scherrer agiert in einem Irrgarten der Interessen. Nicht nur, dass die einzelnen Gewerkschaften in Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden, Großbritannien oder Polen sich in unterschiedlichen Rechtssystemen und Verhandlungskulturen bewegen. Jede ist auch darauf konditioniert, erst einmal ihre Macht zu sichern – in Deutschland etwa schlägt sich die IG Metall mit dem Problem herum, ihre Flächentarife zu verteidigen und die Machtverschiebung zu den Betriebsräten abzuwehren. Unter solchen Bedingungen ist die Tendenz, Verhandlungsvollmacht an europäische Gremien zu delegieren, nicht eben ausgeprägt.
Gewerkschaften, die im nationalen Rahmen als mächtig gelten, sind den Global Players der Wirtschaft strukturell unterlegen. Gegen gut besetzte, im täglichen Geschäft eingespielte Konzernzentralen müssen sie sich Informationen und Einfluss ertrotzen. Allein die sprachliche Überlegenheit der Gegenseite macht sie kleinlaut: Englisch ist die Arbeitssprache der Manager, die Arbeiterführer büffeln noch im Sprachkurs der Gewerkschaftsschule.
Deswegen erst recht, sagt Scherrer, brauche die Arbeiterbewegung einen internationalen Impuls. Ein erster Erfolg sei schon da. Anfang des Jahres haben die IG Metall und Svenska Metall den Versuch von General Motors abgewehrt, deutsche und schwedische Arbeiter gegeneinander auszuspielen.
Der Autokonzern musste entscheiden, wo er die neue Mittelklasseplattform EpsilonII bauen will: bei Opel in Rüsselsheim oder bei Saab in Trollhättan. Dem verschmähten Werk drohte mangels Auslastung das Ende. Die örtlichen Betriebsräte waren bereit, durch Lohnverzicht und längere Arbeitszeiten ihren Standort zu retten. Unter Führung des EMB aber verpflichteten sich die deutsche und die schwedische Metallgewerkschaft, auf keinen Fall von gültigen Tarifverträgen abzurücken. Sie verweigerten jede Verhandlung mit GM, solange nicht der Bestand beider Fabriken zugesagt wurde. Schließlich trafen sie mit der Europazentrale von General Motors eine Rahmenvereinbarung, die Schließungen und betriebsbedingte Kündigungen in allen europäischen Werken ausschloss und für unvermeidlichen Stellenabbau Regeln vorgab: Abfindungsangebote, Vorruhestand, Umschulungen und Ähnliches.
Rüsselsheim machte das Rennen. Für Trollhättan wurde der Konzernleitung eine Bestandsgarantie bis 2010 abgetrotzt, die erfüllt werden soll, indem dort Cadillac-Modelle für den Euro-Markt gefertigt werden. Ähnlich wollen die Gewerkschaften verfahren, wenn GM nun über die Produktion für die Delta-Plattform (Opel Astra, Zafira) entscheidet. Am Tag nach dem Aus für AEG Nürnberg schlossen Gewerkschafter aus Deutschland, Belgien, Großbritannien, Schweden und Polen ein Solidaritätsabkommen.
Die Gewerkschaften wissen, dass sie unter dem Druck der Globalisierung alte Produktionsstrukturen nicht ewig verteidigen können. »Wir sehen den Wettbewerbsdruck, unter dem die Unternehmen stehen«, sagt Peter Scherrer, »wir sperren uns nicht dagegen, dass sie die Standorte auf Vordermann bringen. Aber das muss im Dialog mit den Arbeitnehmern geschehen. Wir wollen Entlassungen verhindern. Wir wollen, dass die Fülle denkbarer Programme der Sozialverträglichkeit ausgeschöpft wird. Und wir wollen nicht, dass Belegschaften gegeneinander ausgespielt werden. Was wir bei General Motors erreicht haben, setzt dafür ein gutes Beispiel.« Scherrer sieht schon die nächsten Bewährungsproben für die Neue Internationale. Der IT-Konzern Hewlett-Packard (HP) will weltweit 6000 Stellen abbauen, der EMB hat mit deutschen und französischen Gewerkschaften ein Coordination Committee gebildet. Scherrer: »HP hat endlos Geld, und wir werden dafür sorgen, dass etwas davon bei den Beschäftigten landet.« Der Generalsekretär hat auch schon den Autozulieferer Delphi im Visier, VW und Seat sowie General Electric Europe.
Sein akutes Projekt allerdings heißt Electrolux, gute Erfahrungen hat er da nicht gemacht. Anfang Juli hat er in Stockholm mit Konzernchef Hans Stråberg gesprochen, um »einen europäischen Prozess, ähnlich wie bei GM, zu organisieren«. Alles sei offen, habe Stråberg ihm versichert. Sieben Tage später sei die Schließung des Werks im spanischen Fuenmajor verkündet worden. »Da habe ich mich veräppelt gefühlt«, sagt Scherrer. Die schwedischen Konzernchefs, mutmaßt er, kennten keine Kultur des sozialen Dialogs. Erstaunlich, gelten doch die schwedischen Gewerkschaften als einflussreich. Aber offenbar seien die Kollegen von Svenska Metall auch besonders konsensorientiert. Am Fall Electrolux sei zu sehen, wie sehr die nationalen Gewerkschaftskulturen der internationalen Solidarität im Wege stünden.
Sichtbeton, Tiefgaragen, schüttere Robustgewächse – die Europazentrale des weltgrößten Haushaltsgeräteherstellers liegt auch in Brüssel, nicht im Zentrum der alten Handelsstadt, sondern in der gebauten Flüchtigkeit eines Büroareals, fünf Taximinuten vom Airport. Johan Bygge wäre auch eine gute Besetzung als Schwedens nettester Schwiegersohn. Ihn mit Moralfragen aus der Reserve seiner Business-School-Dressur locken zu wollen wäre intellektuelle Ressourcenvergeudung. Unirritiert von Emotionen, trägt er Argumente und Zahlen vor: »Die Diskussion um die Werksschließungen, die wir erwägen, ist keine zwischen Management und Belegschaft. Wir haben hohen Respekt vor unseren Beschäftigten, unsere Überlegungen richten sich nicht gegen unsere Leute. Wir sagen doch nicht, dass die ihren Job nicht gut machen. Es ist eine Sache zwischen uns und den Kunden. Die Verbraucher sind einfach nicht mehr bereit, einen Extrapreis dafür zu zahlen, dass ein Produkt aus einem bestimmten Land kommt.«
Der Osten, Korea, China , bringe heute billige Waschmaschinen und Kühlschränke auf den Markt, gegen die Produkte aus Westeuropa nicht mehr konkurrieren könnten. Um 15 Prozent jährlich seien die Preise verfallen, und das gehe so weiter. Wenn ein Unternehmen nicht warten wolle, bis es in den Ruin konkurriert sei, müsse es gegensteuern, selbst wenn Gewinn und Renditen noch wüchsen: »Wir wollen mehr verdienen, damit wir mehr investieren können.«
Und die Argumente der Gewerkschaften im Fall AEG Nürnberg? Die unrealistisch hohen Fixkosten, die in der konzerninternen Kalkulation dem deutschen Werk zugerechnet würden? »Bilanztechnische Feinheiten«, sagt Bygge nur, »Fixkosten sind Fixkosten.« Die Anfangsinvestitionen für die polnischen Werke, die in den Kostenvergleich mit Nürnberg nicht eingerechnet werden? »Was soll’s? Die Investitionen für diese Werke sind längst genehmigt und weitestgehend umgesetzt – die kann man in die Analyse von Nürnberg nicht einrechnen.« Die falsche Markteinschätzung für Osteuropa, die das Electrolux-Management Überkapazitäten in Polen hat aufbauen lassen? »Okay, die Marktentwicklung war nicht so, wie wir dachten. Aber es gibt auch angenehme Überraschungen für uns in Polen: Die Produktqualität ist sehr gut. Die Leute dort sind hungrig und ehrgeizig. Unsere polnischen Werksleiter sind Spitze in modernen Prinzipien wie Lean Management.« Schließlich die Rückflusszeiten für die Investitionen, die länger werden als zunächst erwartet? »Die Kostendifferenz zwischen Polen und Deutschland ist so groß, dass nicht einmal eine längere pay back time die Kluft schließen kann.«
Monatelang, sagt Bygge, habe die Zentrale mit Nürnberg verhandelt, nicht nur mit Gewerkschaft und Betriebsrat. Auch das lokale Management habe Vorschläge zur Kostensenkung gemacht: »Es war wirklich von Anfang an ein offener Prozess. Die Kostenlücke ist auch immer kleiner geworden. Aber mit der brillanten Idee, die die Kluft endgültig schließt, ist niemand gekommen.« Wenn schon harte Schnitte nötig sein sollten, warum schließt Electrolux mit den europäischen Gewerkschaften kein Rahmenabkommen nach dem Vorbild von General Motors ab? »Davon haben wir doch nichts«, sagt Bygge. »Wir sind nicht General Motors mit seinen großen Fabriken und seinen relativ homogenen Märkten. Wir haben viele Fabriken in vielen regionalen Märkten. Wir halten viel von lokalen Teams und lokalen Entscheidungen. Jedes Werk soll für sich selber sprechen.«
Katowice, Anfang Dezember. Die Geschichte der Stadt liegt gleich unter dem weißen Schnee. Wie es sich in einem intakten Gemeinwesen gehört, sind die Bürgersteige der Ulica Floriana seit Tagesanbruch freigeschoben, ihr Aschebelag ist schwarz wie Kohlestaub. Alle Abstufungen von Dunkel zeigen auch die Fassaden der schlichten Gründerzeithäuser. Einziger Farbfleck in diesem Quartier, in dem man in engster Nachbarschaft zu allerlei offenbar florierenden Gewerbebetrieben wohnt, ist das ockerfarbene Haus der Gewerkschaft gleich neben der vierspurigen Eisenbahntrasse.
Zur Anstecknadel mit dem geschichtsträchtigen Solidarno™ƒ-Schriftzug hat sich Adam Ditmer, der knorzig-hagere Vorsitzende der Metallarbeitersektion in Schlesien, auch die rot-weiße Flagge mit dem polnischen Adler ans wollene Revers geheftet. Nicht, dass er kein Internationalist wäre. Engen Kontakt, sagt er, habe er zu den Kollegen von Svenska Metall. Gerade erst war er in Stockholm. Es ging darum, dass er endlich sein Mandat im Europäischen Betriebsrat von Electrolux wahrnimmt. Das nämlich würde ihm und auch den schwedischen Kollegen die Möglichkeit eröffnen, als Gewerkschafter das Electrolux-Werk in Siewiercz zu betreten. Bisher hat er keinen Fuß dort hineinbekommen. Zwar hat er in einem Brief an das Management sein Anliegen vorgetragen, die Arbeitnehmer gewerkschaftlich zu vertreten. Das Management aber habe höflich geantwortet, das sei alles doch ein bisschen überstürzt. Er solle nächstes Jahr wiederkommen. »So sieht es aus«, sagt Adam Ditmer, »wir haben kein einziges Gewerkschaftsmitglied in der Belegschaft von Siewiercz. Wir müssen den Umweg über Europa gehen, um überhaupt durchs Werkstor zu kommen.«
Der galante Umgang zwischen Gewerkschaft und Geschäftsleitung wirft ein Licht auf die Rolle der Arbeitnehmervertreter in Polen. Erst einmal war die Solidarno™ƒ Ende der achtziger Jahre ja ein Verein zur Abschaffung des real existierenden Sozialismus. Die Anknüpfung an die Traditionen der europäischen Arbeiterbewegung mag da nur zwei Jahrzehnte später etwas schwerer fallen.
Auch sonst ist Polen ein eigenartiges Gewerkschaftsland. Die drei großen Verbände – Solidarno™ƒ, OPZZ und Forum – haben zusammen keine zwei Millionen Mitglieder. Rund 97 Prozent aller Betriebe sind gewerkschaftsfrei. Gleichwohl gibt es 23.000 gerichtlich registrierte Gewerkschaften auf betrieblicher Ebene, die meist einzelne Berufsgruppen vertreten. Den Rekord hält ein Betrieb mit 210 Beschäftigten, in dem 17 Gewerkschaften registriert sind. Flächentarife sind nicht existent, Haustarife selten. Entgelte werden von den Personalabteilungen unilateral festgesetzt, wenn es hoch kommt, gibt es bescheidene Lohnfortzahlungen bei Krankheit.
Vor drei Jahren hat Electrolux das Werk in Siewiercz bei Katowice errichtet, das nun die Fertigung aus Nürnberg übernehmen soll. Wie viele Menschen dort Arbeit gefunden haben, kann Adam Ditmer nicht sagen – 300? 600? Die meisten, weiß er, hätten befristete Verträge oder arbeiteten auf Abruf, stundenweise. Gibt es zu tun, ruft der Vorarbeiter die Leute an. Stoppt das Band, schickt er sie nach Hause. Mit Adam Ditmer trinkt kein Arbeiter ein Bier, es könnte ihn den Job kosten. »Den Leuten hier in der Gegend«, sagt der Gewerkschafter, »beginnt es allmählich etwas besser zu gehen. Das will niemand aufs Spiel setzen.« Drüben in Gliwice, im Opel-Werk, hat er schon bessere Karten. Zehn Prozent der Belegschaft sind dort gewerkschaftlich organisiert, für Polen ein Spitzenwert. »Je etablierter eine Firma hier ist und je größer ihr Werk, desto besser sind die Chancen der Solidarno™ƒ hineinzukommen«, sagt Ditmer.
Also muss er doch eigentlich daran interessiert sein, dass auch das Electrolux-Werk in Siewiercz wächst, dass die AEG-Fertigung aus Nürnberg dahin verlagert wird? »So ist die Interessenlage«, sagt er und schaut fast so nüchtern drein wie der Manager Bygge, wenn der über lokale Kompetenz und globalen Wettbewerb referiert. Was hatte Peter Scherrer noch in Brüssel gesagt? Am besten fände er es, die Polen nähmen einfach die erweiterte Produktion nicht auf, solange Nürnberg keine Bestandsgarantie bekäme. »Das wäre den Leuten hier schwer zu erklären«, sagt Ditmer, »vor allem, wenn sie hören, dass die deutschen Arbeiter zehnmal so viel Lohn bekommen wie sie selber.«
Aber was ist, wenn Electrolux bald auch die Fertigung in Polen zu teuer findet und nach China weiterzieht? »Ein bisschen«, sagt Ditmer, »wird dann schon bei uns hängen bleiben.« Auf jeden Fall ist er natürlich für die internationale Solidarität, die europäischen Metallgewerkschaften sollen kooperieren. Noch vor Weihnachten steht deshalb eine Reise nach Frankfurt am Main in seinem Terminkalender. Die IG Metall hat ihn eingeladen.
Dass der Aufsichtsrat von Electrolux entschieden hat, das AEG-Werk in Nürnberg zu schließen, wird dort sicher Thema sein. Der Nürnberger IG-Metall-Funktionär Jürgen Wechsler ist natürlich auch eingeladen. Aber er fährt nicht hin. »Mein Platz«, sagt er, »muss in diesen Tagen hier am Standort sein.«
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Diese neuste Hiobs-Botschaft AEG betreffend beweisst mal wieder dass die so oft gepriesene Globalisierung nur dazu dient dass ein paar Leute viel,viel Geld verdienen und der Rest immer weniger hat.Mehr Menschen muessen sich zusammen schliessen und gegen diesen Unsinn protestieren aber sie muessen auch aufhoeren nur noch nach Schnaeppchen zu schauen,denn gerade diese Billig-Produkten Schwemme sind doch die Ursache der Misere.
Nur weil Produkte teuer sind, werden sie auch nicht hier gefertigt,
die "Spider-Jacke" oder Schöffel-Jacke für 500 Euro im Karstadt sport "Made in China",
oder Hugo Boss Anzüge hergestellt in Rumänien undsoweiter.
Schuld ist Gewinn/Profit ist geil,
mehr Geld/Profit ist geiler.
Seltsam, dass genau die, die ihre eigenen Konsumgüter da kaufen, wo es am billigsten ist ("Geiz ist geil..."), nach Streiks rufen, wenn denn konsequenterweise deutsche Firmen schließen.
Haben wir ALLE es denn immer noch nicht kapiert?
Die Globalisierung läuft schon seit Menschengedenken, und die Ewiggestrigen, die das nicht wahrhaben wollen, bleiben auf der Strecke, ganz simpel.
Auch der Kapitalismus funktioniert nur, weil ALLE mitmachen (und ja durchaus auch ALLE davon profitieren!).
Was wirklich sinnvoll wäre, ist:
Die STÄRKEN Europas zu erkennen, nämlich unsere (europäische und auch deutsche) immer noch weltweit sehr gute Ausbildung (TROTZ PISA!).
Die Montagebetriebe wandern ab, wenn wir Glück haben, bleiben sie in Europa (Polen z.B.), entwickeln dort eine Infrastruktur und es entstehen weiterführende Technologiezentren.
Waschmaschinen kommen z.B. inzwischen schon zu 30% aus der Türkei, demnächst aus Südostasien. Und sie werden HIER gekauft!
Was uns als letzte Hoffnung bleibt, ist, weiterhin innovativ und kreativ zu sein, Entwicklung zu betreiben, neue Technologien (oder auch nur Werkstoffe) zu erschaffen.
Das heißt aber auch: konsequent die Ausbildung (vom Kindergarten aufwärts) auf dieses Ziel auszurichten.
Und auch: ALLEN Eltern mit Kindern klar machen, dass (aus welchen Gründen auch immer) Ungelernten oder Unbelehrbaren das weiche Sozialhilfebett nicht mehr lange offensteht und ungelernte Arbeit eben nicht mehr in Mitteleuropa zu haben ist.
Heines "Weber" hatten das gleiche Problem, aber es hilft nichts, nur zu jammern und zu fluchen. Hoffen wir, das nicht wieder zwei Weltkriege nötig sind, um eine ähnliche Struktur"krise" (eher: normale Weiterentwicklung) zu überwinden.
Das ist zwar jetzt etwas polemisch (vielleicht !), aber mir stellt sich da immer die Frage : Bis heute, wer hat da die Firma dahin gebracht, wo sie steht ? Die Manager ? Sicher haben die einen grossen Teil dazu beigetragen und dafür auch viel Geld bekommen und dann wieder gegangen (worden). Die Mitarbeiter ? Denke ich doch ganz sicher, den sie haben für ihre Arbeit und das Geld gebuckelt und gewerkelt und haben auch in diesem Fall Einschnitte geduldet um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Aber diese Leute standen immer treu zu ihrer Firma und werden nun wie ein "Ding" ausgesondert und abgewrackt ! Die Aktionäre ? Das Geld kam von Ihnen, verdient haben sie meistens daran genug und kriegen jetzt den Hals nicht voll und schliessen kurzerhand die Firma mit allen ausgedienten Mitarbeitern. Puh, darüber darf man nicht zu lange nachdenken .....
Schönen Gruß,
und nichts für ungut,
Beekmann
Was, so denke ich, einige Konzernchefs, noch nicht verstanden haben, ist folgender Zusammenhang, der im Übrigen auch nicht in den naiven Wirtschaftsmodellen der Business Schools unterrichtet wird.
Standortverlagerungsentscheidungen bedeuten, dass die Manager hier die Globalisierung steuern.
Dabei kann man sich sicherlich auf Excel-Kosten-Tabellen verlassen, muss aber damit rechnen, dass die gesamte Globalisierung so aus dem Ruder läuft, dass keiner mehr Spass daran findet.
Ergo sollten die Entscheider dringend darüber nachdenken, ob der Dialog mit europäischen Arbeitnehmerorganisationen und der Aufbau einer europäisch geprägten Corporate Governance nicht evtl. doch sinnvoller ist.
Um diesen Denkprozess voranzutreiben, sind europaweite Streiks, vor allem in den so wichtigen Logistikketten, sinnvoll.
Nur so kann die Politik - in Form der EU - auch wieder Handlungsfähigkeit im Globalisierungsprozess gewinnen.
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