Arbeitskampf Aus. Ende. GeschlossenSeite 3/3

Monatelang, sagt Bygge, habe die Zentrale mit Nürnberg verhandelt, nicht nur mit Gewerkschaft und Betriebsrat. Auch das lokale Management habe Vorschläge zur Kostensenkung gemacht: »Es war wirklich von Anfang an ein offener Prozess. Die Kostenlücke ist auch immer kleiner geworden. Aber mit der brillanten Idee, die die Kluft endgültig schließt, ist niemand gekommen.« Wenn schon harte Schnitte nötig sein sollten, warum schließt Electrolux mit den europäischen Gewerkschaften kein Rahmenabkommen nach dem Vorbild von General Motors ab? »Davon haben wir doch nichts«, sagt Bygge. »Wir sind nicht General Motors mit seinen großen Fabriken und seinen relativ homogenen Märkten. Wir haben viele Fabriken in vielen regionalen Märkten. Wir halten viel von lokalen Teams und lokalen Entscheidungen. Jedes Werk soll für sich selber sprechen.«

Katowice, Anfang Dezember. Die Geschichte der Stadt liegt gleich unter dem weißen Schnee. Wie es sich in einem intakten Gemeinwesen gehört, sind die Bürgersteige der Ulica Floriana seit Tagesanbruch freigeschoben, ihr Aschebelag ist schwarz wie Kohlestaub. Alle Abstufungen von Dunkel zeigen auch die Fassaden der schlichten Gründerzeithäuser. Einziger Farbfleck in diesem Quartier, in dem man in engster Nachbarschaft zu allerlei offenbar florierenden Gewerbebetrieben wohnt, ist das ockerfarbene Haus der Gewerkschaft gleich neben der vierspurigen Eisenbahntrasse.

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Zur Anstecknadel mit dem geschichtsträchtigen Solidarno™ƒ-Schriftzug hat sich Adam Ditmer, der knorzig-hagere Vorsitzende der Metallarbeitersektion in Schlesien, auch die rot-weiße Flagge mit dem polnischen Adler ans wollene Revers geheftet. Nicht, dass er kein Internationalist wäre. Engen Kontakt, sagt er, habe er zu den Kollegen von Svenska Metall. Gerade erst war er in Stockholm. Es ging darum, dass er endlich sein Mandat im Europäischen Betriebsrat von Electrolux wahrnimmt. Das nämlich würde ihm und auch den schwedischen Kollegen die Möglichkeit eröffnen, als Gewerkschafter das Electrolux-Werk in Siewiercz zu betreten. Bisher hat er keinen Fuß dort hineinbekommen. Zwar hat er in einem Brief an das Management sein Anliegen vorgetragen, die Arbeitnehmer gewerkschaftlich zu vertreten. Das Management aber habe höflich geantwortet, das sei alles doch ein bisschen überstürzt. Er solle nächstes Jahr wiederkommen. »So sieht es aus«, sagt Adam Ditmer, »wir haben kein einziges Gewerkschaftsmitglied in der Belegschaft von Siewiercz. Wir müssen den Umweg über Europa gehen, um überhaupt durchs Werkstor zu kommen.«

Der galante Umgang zwischen Gewerkschaft und Geschäftsleitung wirft ein Licht auf die Rolle der Arbeitnehmervertreter in Polen. Erst einmal war die Solidarno™ƒ Ende der achtziger Jahre ja ein Verein zur Abschaffung des real existierenden Sozialismus. Die Anknüpfung an die Traditionen der europäischen Arbeiterbewegung mag da nur zwei Jahrzehnte später etwas schwerer fallen.

Auch sonst ist Polen ein eigenartiges Gewerkschaftsland. Die drei großen Verbände – Solidarno™ƒ, OPZZ und Forum – haben zusammen keine zwei Millionen Mitglieder. Rund 97 Prozent aller Betriebe sind gewerkschaftsfrei. Gleichwohl gibt es 23.000 gerichtlich registrierte Gewerkschaften auf betrieblicher Ebene, die meist einzelne Berufsgruppen vertreten. Den Rekord hält ein Betrieb mit 210 Beschäftigten, in dem 17 Gewerkschaften registriert sind. Flächentarife sind nicht existent, Haustarife selten. Entgelte werden von den Personalabteilungen unilateral festgesetzt, wenn es hoch kommt, gibt es bescheidene Lohnfortzahlungen bei Krankheit.

Vor drei Jahren hat Electrolux das Werk in Siewiercz bei Katowice errichtet, das nun die Fertigung aus Nürnberg übernehmen soll. Wie viele Menschen dort Arbeit gefunden haben, kann Adam Ditmer nicht sagen – 300? 600? Die meisten, weiß er, hätten befristete Verträge oder arbeiteten auf Abruf, stundenweise. Gibt es zu tun, ruft der Vorarbeiter die Leute an. Stoppt das Band, schickt er sie nach Hause. Mit Adam Ditmer trinkt kein Arbeiter ein Bier, es könnte ihn den Job kosten. »Den Leuten hier in der Gegend«, sagt der Gewerkschafter, »beginnt es allmählich etwas besser zu gehen. Das will niemand aufs Spiel setzen.« Drüben in Gliwice, im Opel-Werk, hat er schon bessere Karten. Zehn Prozent der Belegschaft sind dort gewerkschaftlich organisiert, für Polen ein Spitzenwert. »Je etablierter eine Firma hier ist und je größer ihr Werk, desto besser sind die Chancen der Solidarno™ƒ hineinzukommen«, sagt Ditmer.

Also muss er doch eigentlich daran interessiert sein, dass auch das Electrolux-Werk in Siewiercz wächst, dass die AEG-Fertigung aus Nürnberg dahin verlagert wird? »So ist die Interessenlage«, sagt er und schaut fast so nüchtern drein wie der Manager Bygge, wenn der über lokale Kompetenz und globalen Wettbewerb referiert. Was hatte Peter Scherrer noch in Brüssel gesagt? Am besten fände er es, die Polen nähmen einfach die erweiterte Produktion nicht auf, solange Nürnberg keine Bestandsgarantie bekäme. »Das wäre den Leuten hier schwer zu erklären«, sagt Ditmer, »vor allem, wenn sie hören, dass die deutschen Arbeiter zehnmal so viel Lohn bekommen wie sie selber.«

Aber was ist, wenn Electrolux bald auch die Fertigung in Polen zu teuer findet und nach China weiterzieht? »Ein bisschen«, sagt Ditmer, »wird dann schon bei uns hängen bleiben.« Auf jeden Fall ist er natürlich für die internationale Solidarität, die europäischen Metallgewerkschaften sollen kooperieren. Noch vor Weihnachten steht deshalb eine Reise nach Frankfurt am Main in seinem Terminkalender. Die IG Metall hat ihn eingeladen.

Dass der Aufsichtsrat von Electrolux entschieden hat, das AEG-Werk in Nürnberg zu schließen, wird dort sicher Thema sein. Der Nürnberger IG-Metall-Funktionär Jürgen Wechsler ist natürlich auch eingeladen. Aber er fährt nicht hin. »Mein Platz«, sagt er, »muss in diesen Tagen hier am Standort sein.«

 
Leser-Kommentare
  1. Diese neuste Hiobs-Botschaft AEG betreffend beweisst mal wieder dass die so oft gepriesene Globalisierung nur dazu dient dass ein paar Leute viel,viel Geld verdienen und der Rest immer weniger hat.Mehr Menschen muessen sich zusammen schliessen und gegen diesen Unsinn protestieren aber sie muessen auch aufhoeren nur noch nach Schnaeppchen zu schauen,denn gerade diese Billig-Produkten Schwemme sind doch die Ursache der Misere.

    • jogaha
    • 28.10.2006 um 10:23 Uhr

    Nur weil Produkte teuer sind, werden sie auch nicht hier gefertigt,
    die "Spider-Jacke" oder Schöffel-Jacke für 500 Euro im Karstadt sport "Made in China",
    oder Hugo Boss Anzüge hergestellt in Rumänien undsoweiter.
    Schuld ist Gewinn/Profit ist geil,
    mehr Geld/Profit ist geiler.

    • lef
    • 18.12.2005 um 15:36 Uhr

    Seltsam, dass genau die, die ihre eigenen Konsumgüter da kaufen, wo es am billigsten ist ("Geiz ist geil..."), nach Streiks rufen, wenn denn konsequenterweise deutsche Firmen schließen.

    Haben wir ALLE es denn immer noch nicht kapiert?

    Die Globalisierung läuft schon seit Menschengedenken, und die Ewiggestrigen, die das nicht wahrhaben wollen, bleiben auf der Strecke, ganz simpel.
    Auch der Kapitalismus funktioniert nur, weil ALLE mitmachen (und ja durchaus auch ALLE davon profitieren!).

    Was wirklich sinnvoll wäre, ist:
    Die STÄRKEN Europas zu erkennen, nämlich unsere (europäische und auch deutsche) immer noch weltweit sehr gute Ausbildung (TROTZ PISA!).
    Die Montagebetriebe wandern ab, wenn wir Glück haben, bleiben sie in Europa (Polen z.B.), entwickeln dort eine Infrastruktur und es entstehen weiterführende Technologiezentren.
    Waschmaschinen kommen z.B. inzwischen schon zu 30% aus der Türkei, demnächst aus Südostasien. Und sie werden HIER gekauft!

    Was uns als letzte Hoffnung bleibt, ist, weiterhin innovativ und kreativ zu sein, Entwicklung zu betreiben, neue Technologien (oder auch nur Werkstoffe) zu erschaffen.

    Das heißt aber auch: konsequent die Ausbildung (vom Kindergarten aufwärts) auf dieses Ziel auszurichten.

    Und auch: ALLEN Eltern mit Kindern klar machen, dass (aus welchen Gründen auch immer) Ungelernten oder Unbelehrbaren das weiche Sozialhilfebett nicht mehr lange offensteht und ungelernte Arbeit eben nicht mehr in Mitteleuropa zu haben ist.

    Heines "Weber" hatten das gleiche Problem, aber es hilft nichts, nur zu jammern und zu fluchen. Hoffen wir, das nicht wieder zwei Weltkriege nötig sind, um eine ähnliche Struktur"krise" (eher: normale Weiterentwicklung) zu überwinden.

  2. Das ist zwar jetzt etwas polemisch (vielleicht !), aber mir stellt sich da immer die Frage : Bis heute, wer hat da die Firma dahin gebracht, wo sie steht ? Die Manager ? Sicher haben die einen grossen Teil dazu beigetragen und dafür auch viel Geld bekommen und dann wieder gegangen (worden). Die Mitarbeiter ? Denke ich doch ganz sicher, den sie haben für ihre Arbeit und das Geld gebuckelt und gewerkelt und haben auch in diesem Fall Einschnitte geduldet um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Aber diese Leute standen immer treu zu ihrer Firma und werden nun wie ein "Ding" ausgesondert und abgewrackt ! Die Aktionäre ? Das Geld kam von Ihnen, verdient haben sie meistens daran genug und kriegen jetzt den Hals nicht voll und schliessen kurzerhand die Firma mit allen ausgedienten Mitarbeitern. Puh, darüber darf man nicht zu lange nachdenken .....

    Schönen Gruß,
    und nichts für ungut,
    Beekmann

    • MAndre
    • 14.12.2005 um 16:36 Uhr

    Was, so denke ich, einige Konzernchefs, noch nicht verstanden haben, ist folgender Zusammenhang, der im Übrigen auch nicht in den naiven Wirtschaftsmodellen der Business Schools unterrichtet wird.

    Standortverlagerungsentscheidungen bedeuten, dass die Manager hier die Globalisierung steuern.

    Dabei kann man sich sicherlich auf Excel-Kosten-Tabellen verlassen, muss aber damit rechnen, dass die gesamte Globalisierung so aus dem Ruder läuft, dass keiner mehr Spass daran findet.

    Ergo sollten die Entscheider dringend darüber nachdenken, ob der Dialog mit europäischen Arbeitnehmerorganisationen und der Aufbau einer europäisch geprägten Corporate Governance nicht evtl. doch sinnvoller ist.

    Um diesen Denkprozess voranzutreiben, sind europaweite Streiks, vor allem in den so wichtigen Logistikketten, sinnvoll.

    Nur so kann die Politik - in Form der EU - auch wieder Handlungsfähigkeit im Globalisierungsprozess gewinnen.

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