dossierO du KaDeWe!

Roger Boyes, Korrespondent der britischen "Times", sucht im Berliner Kaufhaus des Westens nach den Eigenarten der Deutschen beim Schenken und Feiern von Roger Boyes

Weihnachten ist die Hölle. Es ist zehn Uhr morgens im KaDeWe, und in Deutschlands führendem Warenhaus ertönt bereits die Hymne der fünften Jahreszeit, von Band Aid. Jede überheizte Einkaufsetage hat ihre eigene Folterecke, jeder Kunde wird individuell für seine im Laufe des Jahres begangenen Sünden bestraft. Unverkennbar der quälende Verdruss im Gesicht des Mannes – glatt rasiert wie eine Billardkugel – bei dem Versuch, einer geduldigen Verkäuferin in der Parfumabteilung den Duft seiner vernachlässigten Frau zu beschreiben. Die Verkäuferin folgt seinen Gesten mit ruhigen Blicken; ein Mann, der sich nicht an den Duft seiner Frau erinnern kann, verdient die Anstrengung. "Blumig, ähm, süß. Sie ist ganz vernarrt in diesen Duft… Verdammt. Wenn ich nur auf den Namen käme!"

"Warum gehen Sie nicht nach Hause und fragen sie, was Sie ihr letztes Jahr geschenkt haben?", schlägt die Verkäuferin mit einem fein zerstäubten Anflug von Ironie vor.

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Anderswo, in der Spielwarenabteilung, schimpft eine ältere Dame mit einer entnervten Mutter, weil diese mit ihrer entnervten Tochter geschimpft hat – drei Generationen im fünften Stock des KaDeWe, durch die üblichen saisonalen Frustrationen verbunden. Es sind die Männer, die als Erste zusammenbrechen. Warenhäuser sind nicht für Männer gemacht. "Hör zu, du wartest hier!", schnauzt eine entschlossene Matrone, während sie sich im Militärschritt in die Masse stürzt. Ihr Mann sinkt mit einem Seufzer, einem leisen Pfeifen wie aus einem gestochenen Reifen, auf einen der drei Ledersessel in der Nähe des Aufzugs. Andere Männer simulieren ein Interesse für Schuhe – "Probier doch diese mal, Liebling!" –, um einen Sitzplatz zu finden. In einer Schuhabteilung gibt es immer Sitzplätze.

Breath of Berlin ist der letzte Schrei in der Parfumabteilung

Dies ist, nach einer modernen Definition, ein Sparflammen-Weihnachten. Nicht in demselben Maße wie in den 1950ern natürlich, auf seine Weise komplexer. Nie zuvor hatte Deutschland eine so breit gefächerte Auswahl. Weihnachten ist zu einem globalen Event geworden. Die Regale sind so voll wie die Ausstellungsräume asiatischer Nachahmer-Autohäuser: Die Chinesen haben den deutschen Geschmack gründlich studiert, sodass sie heute ein fast perfektes Trugbild eines deutschen Weihnachtserlebnisses produzieren können, nur billiger.

Um auf authentische Weise deutsche Weihnachten zu feiern, muss man draufzahlen. Es handelt sich daher nicht um ein hysterisches Gerenne nach Luxusprodukten. Vielmehr ist es die Suche nach Authentizität. Nach dem echten deutschen Weihnachten. Das KaDeWe in Berlin, über 2000 Mitarbeiter, Flaggschiff des Karstadt-Konzerns, floriert in diesem seltsam angestrengten Klima, ebenso wie Harrod’s in London zu einem der wenigen Plätze auf der Welt geworden ist, an dem man den echten englischen Weihnachtspudding bekommen kann (die Alternative, den Pudding selbst zu kochen, wird von der großstädtischen Mittelklasse als alberne Idee verlacht). So wurde aus Weihnachten in Deutschland ein schizophrenes Fest für Leute mit Geld, auf der Suche nach einem Weihnachten, das möglichst nah an das Erlebnis früherer Generationen herankommen soll, und ein Fest für Leute ohne Geld, die für ihr Glück improvisieren müssen.

Etwa 560.000 Berliner leben von Hartz IV: mehr als eine halbe Million Menschen, die nicht einmal im Traum daran denken, sich den letzten Schrei aus der Parfumabteilung (Breath of Berlin) leisten zu können. Die Flasche ist der Form des Berliner Fernsehturms nachempfunden und kostet 49 Euro.

Tatsächlich gibt es in Deutschland eine Konsumflaute. Das Beratungsunternehmen Deloitte ermittelte, dass der persönliche Geschenke-Etat in diesem Jahr neun Prozent unter dem von 2004 liegt. Die Heizrechnung für die Wintersaison wird happig; Volkswagen, Siemens und andere Unternehmen kündigen Entlassungen an; das Weihnachtsgeld wurde gekürzt oder gestrichen. Das Rennen um die preiswertesten Geschenke ist eröffnet. Weniger Geld, mehr Stress. Das KaDeWe, eines von Europas luxuriösesten Kaufhäusern, ist gegen das Gerangel nicht immun: daher die samstäglichen Fegefeuer.

Sorgen bereitet aber auch die umgekehrte Problemlage: mehr Geld, weniger Zeit, mehr Stress. "Gestern stolperte ein Mann herein, zeigte mit dem Finger auf eine Weihnachtspyramide und sagte: Die nehme ich", sagt Hartmut Decker, Dekorationsspezialist beim KaDeWe. "Die Pyramide kostete 2000 Euro. Er hatte offensichtlich nicht sehr viel Zeit." Wie kann eine Weihnachtspyramide so viel Geld wert sein? Obwohl: Je mehr die sechs Stockwerke des Kaufhauses wie eine verkürzte Version von Dantes neun Kreisen der Hölle erscheinen, desto eher beginnt man zu verstehen. Niemand will eigentlich hier sein, Weihnachten findet woanders statt. Und wenn 2000 Euro ein Loch in deine Tasche brennen, wenn sie einen schnellen Ausweg darstellen, dann ergreife die Gelegenheit, carpe diem!

Nur der Weihnachtsmann mit seinem lilafarbenen napoleonischen Hut scheint halbwegs glücklich zu sein. Auf seinem roten Thron unter einem künstlichen Weihnachtsbaum sitzend, sendet er ein ehrliches Lächeln aus, seine Wangen glühen apfelrot, ohne die Zugabe von Rouge. Sein Name, sagt er, sei Peter von Weihnachten, ehemals modelte er für Jean Paul Gaultier. Als Schauspieler konnte man ihn zuletzt in dem Sandalen-und-Toga-Streifen Troja sehen, kurz hinter Brad Pitt. "Ich war ein Bösewicht, der Köpfe abhackt." Seit sieben Jahren fungiert er hier als Symbol für Berlins kommerzielles Weihnachten. Eine wachsende Anspannung spürt selbst er. "Auch der Weihnachtsmann muss mal pinkeln gehen."

Ein Warenhaus ist eine kapitalistische Maschine, entworfen, um Menschen zum Geldausgeben zu animieren. Es ist gleichsam das empfindlichste Barometer der allgemeinen Stimmung. Jeden Abend, jede Woche wird Bilanz gezogen: Was verkauft sich gut, welches sind die Staubfänger? Handel ist Wandel. Seit es 1907 von Adolf Jahndorf gegründet wurde, hat das KaDeWe sich immer wieder an wechselnde Umstände angepasst, hat selbst in der tiefsten Inflation und während des Krieges, während Wiederaufbau und Wiedervereinigung Mittel und Wege gefunden, um Profit zu machen. Es wächst organisch, unabhängig davon, ob Berlin boomt oder sich am Rande des Bankrotts bewegt. Als 1943 ein amerikanisches Flugzeug in den Lichthof stürzte, wurde das Gebäude beinah vollständig zerstört. Doch bereits 1950 waren die ersten beiden Etagen wieder aufgebaut: der Neuanfang.

Die Verkaufsfläche betrug 1978 bereits 44.000 Quadratmeter. Mit Deutschlands Wachstum vergrößerte sich auch das KaDeWe und umfasst heute um die 60.000 Quadratmeter: Nur Harrod’s in London ist größer. Es macht daher Sinn, in dem Kaufhaus mehr als nur ein Kaufhaus zu sehen. Vielmehr ist es ein Sinnbild für Deutschland, wie es gesehen werden will. Der Name Kaufhaus des Westens entstand, lange bevor "Westen" zu einer ideologischen Kategorie wurde. In den Augen vieler Berliner war es eine Art zivilisatorische Messlatte: Wie viel Konsum, wie viel Luxus verträgt eine Gesellschaft? An welchem Punkt wird das Angebot – Hunderte von Fleischsorten – dekadent?

Leserkommentare
  1. Ich finde diesen Artikel leider reichlich stereotyp und VIEL zu lang dafür, dass er keine wirklichen Inhalte abhandelt, sondern stattdessen von einer mehr oder weniger amüsanten Anekdote zur nächsten kurvt.
    Vom eigentlichen Thema, der 'Eigenarten der Deutschen beim Schenken und Feiern', eigentlich ein Thema, das mich aus britischer Sicht durchaus interessiert hätte, findet sich jedenfalls nicht so viel. Dafür aber umso mehr Allgemeinplätze zu Einkommensunterschieden, Hartz IV und sonstigen Themen, die aber allesamt eher pauschal behandelt werden. Schade!
    Am ehesten wird Herr Boyes noch dem KaDeWe gerecht - deren Marketing Abteilung wird es freuen :-)

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  • Schlagworte KaDeWe | Siemens AG | Hartz IV | Duft | Warenhaus | Berlin
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