Wer spricht heute noch von Manès Sperber? Sein Roman Wie eine Träne im Ozean , einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts, ist ein Lehrbuch antitotalitären Denkens. Aber es ist kein ungewöhnliches Schicksal, dass ein politischer Autor weniger gelesen wird, wenn die Geschichte ihm Recht zu geben beginnt.

Aufgewachsen im ostjüdischen Schtetl Zablotow, am äußersten Ende der Donaumonarchie, in einer geschlossenen Welt messianisch-chassidischer Gläubigkeit, gelangt Manès Sperber als Elfjähriger auf der Flucht vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Familie nach Wien und lernt dort zwei moderne Denksysteme kennen: Alfred Adlers Individualpsychologie und den Marxismus. Der Gegensatz dieser Welten bleibt in Sperbers Leben und Denken immer lebendig. Eine einzigartige Synthese aus jüdisch-messianischem Erbe und kühler Logik moderner Denksysteme durchzieht alle Texte und verleiht ihnen eine prophetische Kraft.

Den Mut, einer Mehrheit zu widersprechen, hat Sperber den bitteren Erfahrungen seiner kommunistischen Zeit abgerungen. Nachdem er sich in Wien zum Psychologen ausbilden ließ und 1927 nach Berlin ging, trat er dort der KPD bei und stellte seine ganze Kraft in den Dienst einer revolutionären Hoffnung, die seine messianische Erwartung abgelöst hatte. Ins Exil gezwungen, setzte er seine Aktivitäten in Paris fort, um dann vier Jahre später – nach inneren Kämpfen und aus Anlass der Moskauer Schauprozesse – mit der Partei zu brechen. Mit dieser Selbstbefreiung legt er den Grundstein zur moralischen Autorität, die er später werden sollte. Wer seine größte Hoffnung aufzugeben bereit ist, wer auf das wärmende Wir einer Bewegung verzichtet, der fürchtet sich nicht. Tatsächlich hat Sperber seither nie mehr darauf verzichtet, auch gegen einen noch so mächtigen Trend seine Stimme zu erheben. 1943 erfuhr er in Zürich von einem Augenzeugen, der aus Treblinka entkommen war, wie die Juden in Polen umgebracht wurden. So wurde die jüdische Frage zum zweiten großen Thema seiner Literatur. Sein Bruch mit Deutschland war endgültig. 1945 kehrte er nach Paris zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1984 lebte. Im Gepäck hatte er die Anfänge seiner Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean. Mit ihr, aber auch mit vielen Essays zur Politik und zur jüdischen Frage, mit seiner Adler-Biografie und vor allem mit den Wasserträgern Gottes, dem ersten Band seiner Autobiografie, erlangte er immer größere Bekanntheit.

Seiner Distanz zu allen Ideologien blieb er treu, auch 1968. Mit seiner Kritik an den totalitären Tendenzen der Studentenbewegung setzte er sich in Widerspruch zum Zeitgeist. Als er 1983 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, meldete er sich ein letztes Mal zu Wort. In der Preisrede sprach er sich für ein starkes, antisowjetisches Europa aus und forderte die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Deutschland – dies mitten in der Friedensbewegung. Eine heftige Kontroverse blieb nicht aus. Die Pflicht des Intellektuellen zur Kritik – das ist Sperbers Erbe.