militärmusik Ab und zu auch mal ein Marsch
Fünfzig Jahre Bundeswehr. Und wie steht’s eigentlich um die Militärmusik? Eine kleine Inspektion
Eigentümlich klingt dieses Wort heute, Militärmusik, als gehörte es zu einer lange vergangenen Zeit. Märsche, Paraden, tönende Wochenschauen, die fanfarenhaften Melodien, die den Sieg bringen sollten, die schnarrende Stimme des »Führers«… Hitler hatte den Badenweiler Marsch für sich reserviert, der nur zu seinen Auftritten gespielt werden durfte und mit ihm verschwand. Kontaminiert auch Les Préludes von Liszt, aus denen das Oberkommando der Wehrmacht jenen Jingle der Machtvollkommenheit geschnitten hatte, der die Propagandameldungen des Rundfunks bis zum bitteren Ende begleitete.
Aber Militärmusik gibt es in Deutschland nach wie vor, so wie es wieder ein populäres Militär gibt, vor wenigen Wochen hat die Bundeswehr ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert mit Sang und Klang vor dem Reichstag. Und Kanzler Schröder bekam in Hannover den Großen Zapfenstreich zelebriert. Das Berliner Stabsmusikkorps spielte Frank Sinatras I Did It My Way mit Pauken und Trompeten zum Schein von 130 Fackeln, sieben Millionen Deutsche sahen aus der Ferne zu.
Vielleicht ist dies also ein geeigneter Zeitpunkt, mal nach Melodien und Rhythmen unseres Militärs zu fragen. Was hier heute eigentlich gespielt wird, von wem und wo? Und wozu überhaupt noch Musik in Tarnfleck? – Steht man dann als Journalist eines Vormittags vor der Kaserne, vor dem großen Tor, fühlt man sich schon ein wenig wie ein Heeresinspekteur. Vierte Gewalt inspiziert Staatsgewalt, hier: uniformierte Bodentruppen, lyrische Variante – Musiksoldaten, bewehrt mit Tuben und Klarinetten.
»Guten Morgen! Ich möchte zur Orchesterprobe.« An der Wache hinter Glas zwei Soldaten: »Ihren Personalausweis!«
»Oh, den hab ich nicht dabei.«
»Führerschein?«
»Auch nicht.«
»Warten Sie.«
Beratung der Wachhabenden untereinander. Die Inspektion fängt ja gut an. Früher wäre man jetzt wohl festgenommen worden zur näheren Aufklärung des suspekten Umtriebs. So aber fasst man sich in Geduld, steht vor der Kaserne wie eine Laterne und schaut sich um. Die rustikalen, wuchtigen Gebäude, das weitläufige Gelände, auf dem niemand zu sehen ist, der Soldat am Eingang, der salutierend ab und an die Schranke hebt, wenn ein Wagen hinaus in die Stadt will, ins rheinische Siegburg. Das Schild am Tor, das die Motoristen vor den Gefahren der zivilen Welt warnt: »2 tote Kameraden, 51 Verletzte durch Verkehrsunfälle seit dem Jahr 2000. Aufgepasst im Straßenverkehr. Langsam fahren!« Von Hand ist auf einer Tafel der aktuelle Fahrbahnzustand notiert: »Nässe«. Stimmt, es regnet!
»Hallo!«, die Stimme aus dem Häuschen, »Sie können so rein.« Ein Rekrut eilt zur besseren Orientierung herbei, schnellen Schrittes geht es um viele Ecken der tiefgestaffelten Anlage hin zu einer großen, fensterlosen Halle, in der im Neonlicht 50 Musiker auf ein Kommando hören: Saxophone, Posaunen, Hörner, Bass und Schlagwerk…
»Also, die Sechzehntel auf jeden Fall legato, die Triolen auch«, sagt der Dirigent, Oberstleutnant Ratzek. Sie proben gerade The Girl From Ipanema , das als Klassiker spätabendlicher Radioprogramme über die Jahrzehnte zwar arg an Reiz verloren hat, andererseits zwischen Panzern und Lafetten neuen Charme gewinnt. Die Musiksoldaten werden »Herr Müller« gerufen und nicht mit ihren Dienstgraden; fast hat man das Gefühl, einem zivilen Orchester zuzusehen. Später stiefeln die Mannschaften in die Kantine, es gibt Spaghetti Bolognese, wem’s zu lasch ist, dem gilt die schriftliche Mitteilung am Tresen: »Gewürze werden auf Antrag ausgegeben.«
- Datum 15.12.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.12.2005 Nr.51
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Auch die NVA hatte eine Tradition in der Militärmusik. Das sollte seriöserweise erwähnt werden. Das zentrale Orchester der NVA war durchaus in der Lage Qualitätsmusik zu produzieren.
Der "Carl-Maria-von-Weber"-Chor muß ebenso erwähnt werden, bedauerlicherweise wurde dieser Klangkörper in den 90iger Jahren abgewickelt. In "Oper und Tanz" stand ein längerer Artikel über die Geschichte des Chores.
Mit freundlichem Gruß
Dietrich Peters
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