Umwelt Allerfeinste WidersprücheSeite 2/2

Wie grobschlächtig die auch hier übliche EU-Gewichtsmessung ist, weil sie Groß und Klein in einem Aufwasch erfasst, zeigt folgender Vergleich: Ein eher harmloser Brummer (10 Mikrometer dick) wiegt genauso viel wie eine Million ultrafeiner Teilchen (0,1 Mikrometer) mit brisanter Tiefenwirkung! Solche Erkenntnisse, die Klagen der Städte, sie müssten unsinnige Grenzwerte erfüllen, sowie allerlei Märchen vom Allerfeinsten (die Feinstaubdebatte sei von den Linken, Grünen und Medien inszenierter Unsinn) sind auch bis zur EU nach Brüssel vorgedrungen und sorgen dort für Zoff und Verwirrung. Eine neue Direktive für die Luftreinhaltung ist geplant. Die einen wollen den Feinstaub härter bekämpfen, die anderen die Grenzwerte lockern. Letztere haben im Moment die Nase vorn und planen unverbindliche Werte, an denen auch mal geschraubt werden darf. So sollen künftig harmlose Frachten von Meersalz oder Sahara-Staub abzugsfähig sein von den Messwerten.

Genau das wiederum bringt Umweltmediziner aus ganz Europa auf die Zinnen. In einem Protestbrief an das zuständige EU-Komitee für Luftreinhaltung verwahren sich drei Dutzend führende Wissenschaftler gegen solch oberflächliche Logik. Aus historischen und messtechnischen Gründen beruhen die Grenzwerte auf einem Mischmasch an Stäuben, von denen etliche vermutlich harmlos sind. Diese aber nach Gutdünken einfach herauszupicken, das eröffnet ein fast beliebiges Herunterrechnen der Grenzwerte. Als Feinstaub wirkt Eichen- oder Buchenholz krebserregend, Mehl wird plötzlich allergieauslösend und explosionsfähig, Harmloses wird brisant. Die Feinstaubforschung erinnert bisweilen an Terroristenfahndung. Sie muss große Mengen im Auge behalten, und die Attentäter mit Sprengstoff im Rucksack sind fast nicht von der friedlichen Masse zu unterscheiden.

Beispiel Dieselruß. Wo grobe Messungen über millionenschwere Investitionen entscheiden, ist Streit programmiert. Ein Vorwurf an die Industrie lautet, abgasoptimierte Motoren könnten den Anteil gröberer Rußteilchen senken, während jener der feinen und ultrafeinen Teilchen steige: EU-Norm erfüllt, Gesundheitsgefahr verschärft. Deshalb drängen Umweltmediziner darauf, dass neue Dieselfahrzeuge künftig mit Filtern ausgerüstet werden, die Partikel aller Größenklassen vernichten. Die Automobilindustrie hat, wenn auch spät, verstanden: Bis 2008, so versprach ein Vertreter in Berlin, gebe es für alle neuen deutschen Dieselautos Partikelfilter. Fragt sich nur, warum bei so viel Einsicht das Verkehrsministerium darauf beharrt, die Filtertechnik nicht vorzuschreiben.

Kritik an der Politik übte Rainer Werthmann von der Firma TwinTec, die Partikelfilter zum Nachrüsten anbietet. Jährlich könne seine Branche den Rußausstoß von etwa einer Million alter Dieselfahrzeuge wesentlich reduzieren, doch nichts geschehe. »Seit zweieinhalb Jahren wartet die Industrie auf die technischen Vorgaben«, klagt er, nach langer Kurzarbeit drohe bald Insolvenz. Doch Bundesregierung und Bundesrat streiten, wer die 250 Euro Steuererleichterung bezahlen soll. Werthmann präsentierte eine Studie, wonach der Staat durch Mehrwertsteuer und neue Arbeitsplätze am Ende mehr verdiene, als die Steueranreize kosten. Im Bundesrat stimmt der Verkehrsausschuss einer längst fertigen Verordnung zu, während Finanz- und Umweltausschuss für »Vertagen« plädieren. Die Bundesregierung hingegen bezeichnet die Vorlage als »eilbedürftig«. Am 21. Dezember soll nun abgestimmt werden.

Das jahrelange Gefeilsche um die Filtereinführung und -nachrüstung (Peugeot begann damit im Jahr 2000) wirkt makaber, wenn man sich die Schätzungen führender Epidemiologen vergegenwärtigt: Michal Krzyzanowski von der Weltgesundheitsorganisation WHO und Heinz-Erich Wichmann vom GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bezifferten in Berlin die feinstaubbedingten vorzeitigen Todesfälle in Deutschland auf etwa 75000, der durchschnittliche Verlust an Lebenserwartung für jeden Deutschen betrage etwa 10 Monate. Auch sie zitieren Studien, wonach sich das Filtern am Ende volkswirtschaftlich rechnet, wenn man geringere Krankheitskosten oder Ausfälle bei der Arbeit berücksichtige. Etwa 12000 bis 14000 Todesfälle durch Dieselruß ließen sich pro Jahr vermeiden.

Zweifel an den hohen Schadensprognosen lassen die Epidemiologen nicht mehr gelten. Hunderte unabhängiger Studien sind weltweit zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Krzyzanowski und Wichmann legen sogar noch nach: Jüngste Studien zeigten, dass die Schätzungen eher zu niedrig seien. Einen sehr direkten Nachweis für Feinstaubschäden ergab ein Experiment in Dublin: Wegen hoher Ölpreise hatten die Iren emsig mit Kohle geheizt, bis 1993 ein Clean Air Act schlagartig die Kohleöfen stilllegte. Die Sterblichkeit sank um acht Prozent.

Solche Erfahrungen sollten hellhörig machen. Doch die tageszeitung blies am 7. Dezember zur »Ofensive« gegen gestiegene Ölpreise, pries den Kamin- und Kachelofen »als Statussymbol des pfiffigen Globalisierungssurfers: mit Holz aus den heimischen Forsten gegen Klimaerwärmung und Krieg im Irak«. Die Eloge auf naturbelassenes Holz samt Tipps zum Abstauben staatlicher Subventionen verhieß: »Die Ökobilanz ist ordentlich.«

Ein fataler Irrtum. Holzheizungen belasten die Luft in ähnlicher Größenordnung wie alle Dieselfahrzeuge. Uwe Lahl, Ministerialdirektor im BMU bestätigt: »Die jährlichen Feinstaubemissionen aus der Verbrennung von Festbrennstoffen in Kleinfeuerungsanlagen von Haushalten und sonstigen Kleinverbrauchern erreichen die gleiche Größenordnung wie die Feinstaubemissionen aus dem Straßenverkehr. Daran haben Holzbrennstoffe, insbesondere Scheitholz, mit schätzungsweise 80 Prozent den größten Emissionsanteil.«

Alternatives Heizen für Frieden und prima Klima hat also massive Nebenwirkungen. Höchste Zeit, dass die Politiker hinter dem Ofen hervorkommen.

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 16.12.2005 um 14:42 Uhr

    Ganz recht, Herr Schuh, Sie zeigen auf die Scilla der
    deutschen und europäischen Regulierungswut und vergessen darüber nicht die Charybdis fehlender Strategien, bestimmte Umweltrisiken nachhaltig zu bannen. - Wie sehr derzeit die Fortführung der Umweltpolitik unter Druck steht, zeigen die jüngsten EU-Beschlüsse zur Chemikalienrichtlinie und die heutige Meldung, Seehofer wolle künftig die angebliche "Bevorzugung" der ökologischen Landwirtschaft abschaffen.

    Selbstverständlich ist es völlig unerheblich, mit welcher
    Technik die Industrie den Feinstaub aus Fahrzeugen auf den
    erforderlichen niedrigen Grenzwert absenkt.
    Ein Gesetz oder eine Verordnung muss dazu nichts vorgeben.

    Andererseits kann der deutschen Fahrzeugindustrie kein weiterer Aufschub eingeräumt werden, nur weil diese sich jahrelang sträubte, verfügbare, günstige und sehr effiziente Filtertechnik ohne Aufpreis in ihre Fahrzeuge einzubauen und uns stattdessen ständig "Wunderwaffen" deutscher Ingenieurkunst versprach.

    Holz-Kleinfeuerungsanlagen können ebenso mit Filtern unterschiedlichster Prinzipien ausgestattet werden, wenn wir dies wollen. Die günstige CO-2 Bilanz und das durch Abstahlung- und Konvektion wirksame Heizkonzept blieben erhalten. Auf die Lebensdauer der Anlage gerechnet, wären auch die Mehrkosten eher Nebensache.

  1. auch für holzöfen gibt es den filter unter

    http://www.minipab.ch

    demnächst in serie, wenn die politik ihn vorschreibt

    aber bei unseren legasthen(polit)ikern

  2. Der Verfasser gibt ein Lehrbeispiel ab, wie dogmatische Fixierung das Denken verengt - oder steht er der Forstwirtschaft allzu nahe? Die Ausfuehrungen und insbesondere die Tabelle im von ihm kommentierten Zeit-Artikel sind absolut eindeutig, da helfen alle "Relationen" nicht. Wuerde tatsaechlich auch nur naeherungsweise flaechendeckend von Heizoel auf den "nachwachsen- den" Holzbrennstoff umgestellt, wuerde sich die bisherige anteilige Staub- emission mindestens verdreifachen. Das mag die Waldwirtschaft sowie brach- landgeplagte Landwirte und glaeubige Environisten begeistern, aber fuehrt zu abenteuerlicher Erhoehung der Emissionsmesswerte. Mit Sicherheit wuerde sich die Waldbewirtschaftung ausserdem wieder in Richtung Monokultur- anbau zur Produktion schnellwachsender, harzarmer Baumsorten orientieren.
    Damit ist gleichzeitig der moegliche Interessenhintergrund des Kommenta- tors umrissen.
    Der Zeit-Artikel wirft statt dessen aber die Frage auf, warum und auf wessen Veranlassung die EU-Kommission die Feinstaubrichtlinie erlassen hat , warum die Bundesregierung eilfertigst und als Vorreiter darauf eingestiegen ist und warum entgegen der objektiven Rangfolge der einschlaegigen Verursacher sich speziell Staedte und Gemeinden nur des Strassen-Verkehrs angenom- men haben. Hier fuehrt die Betrachtung der LKW-Maut- und City-Maut-Diskussion zu einem deutlichen Zusammenhang: Bundeslaender und Kommunen versuchen mit allen juristischen und medialen Tricks verstaerkt seit Einfuehrung der LKW-Maut auch ihre Hand mit in die Taschen der Ver- kehrsteilnehmer stecken zu koennen. Alle sogenannten "Feinstaub-Aktions- plaene" haben als Hauptzielpunkt die zusaetzliche Abgabenbelastung zu gunsten der Landes- und Kommunalkassen im Visier. Verdaechtig ist dabei insbesondere der Eifer derer, die vor Landtags-, Buergermeister- oder Kommunalwahlen stehen (siehe Stuttgart und Baden-Wuertemberg). Gleich- zeitig wird der Bund aufgefordert, doch bitte u.a. aus seinen Mauteinahmen den bereits ueppigst subventionierten OePNV noch staerker bezuschussen.
    Eine weitere Interessentengruppe sind die vielen Hochschul- und Privatin- stitute samt ihren zu "Feinstaub-Experten" schnellgebleichten Vertretern, die gar nicht genug Messstellen und -auftraege bekommen koennen, um ihre Einnahmen zu verbessern. Im europaeischen Vergleich liegen wir beim Messeifer einsam weit vorn. Hoert man etwa von irgendeinem alarmierenden Messergebnis oder hektischen Aktionsplan smogbekannter Metropolen wie Athen, Paris, Warschau, Wien, Mailand usw. ?
    Zum Schluss sei noch auf die relativ junge Disziplin der "Umweltmedizin" verwiesen. Nachdem ja bekannt ist, dass von der Pharmaindustrie eher nach neuen Anwendungen fuer bestehende Pharmaprodukte denn nach neuen Pharmaka fuer bestehenden Anwendungsbedarf getrachtet wird, entdecken auch immer mehr Aerzte das Potential des Umweltbetriebes fuer die Kreation neuer Leiden bzw. neuer Leidensgruende und mutieren vom schlichten Mediziner zum mit hoechst aktuellen hoeheren Weihen umwehten "Umwelt- mediziner". Fantasieren die einen mit wilden Emissionszahlen, drohen die anderen mit ebenso spekulativen Mortalitaetszahlen. Ziel ist in jedem Fall, sich in einem boomenden Geschaeftsfeld lukrativ zu positionieren.
    Aus all dem ziehen ratlos vor den eigentlichen Problemen herumzoegernden Politiker dankbar den Vorteil, die hysterisierten Buerger auf Nebenkriegsschauplaetze abzulenken.

    • Meinel
    • 17.12.2005 um 15:16 Uhr

    Unverständlich ist, dass zuerst einige Realationen aufgezeigt werden, dann aber borniert gegen Holzheizungen polemisiert wird, schon im Aufmacher, aber auch im Schlusswort! Ebenso polemische Frage: Hat jemand dafür bezahlt?

    1. Es wird auf die unterschiedliche Qualität der Feinstaubfraktionen hingewiesen, beim Holz kein Wort mehr darüber. Auch eine zweite Relation, nämlich Verbrennungsluft pro kWh, die maßgeblich die Gesamtmenge bestimmt wird vernachlässigt.

    2. Etwa 80% des Feinstaubs werden durch Verkehr und Industrie erzeugt. Bei der Industrie spielt Stein- und Braunkohle die größte Rolle, die pro kWh ein Vielfaches an Feinstaub in die Luft bläst als Holzfeuerung. Hier könnte also durch Holzfeuerung eine massive Entlastung erreicht werde. Ganz abgesehen vom Beitrag zum Klimaschutz und im Sinne der UN-Konzeption zur nachhaltigen Entwicklung.

    3. Moderne Holzpellets-Heizungen können Werte von Heizöl-Heizungen erreichen. Verbesserungen der Filterung müssen hier natürlich, wie auf allen Ebenen Ziel sein.
    Auf zwangsläufige Auslaufmodelle, wie Heizöl und Kohle zu setzen, ist zumindest kurzsichtig. Derzeit tragen aufgrund der geringen Zahl von Pelletsheizungen (rund 45.000) nur etwa 0,1% zur Feinstaubbelastung bei. Nach Angaben des Umweltbundesamts gelangten 2004 in Deutschland rund 135.000t Feinstaub in die Atmosphäre, mit etwa 34.000 t trugen Kraftwerke und Hausheizungen einen Anteil von rund einem Viertel bei. Selbst bei einer Verzehnfachung in den nächsten Jahren würde deren Beitrag die Gesamtemissionen kaum verändern. Zudem würden diese nach dem aktuellen Stand der Technologie bestenfalls beim Ersetzen von Kohleheizungen die Belastung verringern und beim Ersetzen von Ölheizungen die Belastung etwa gleich lassen.

    4. Am interessantesten wäre die nichtbehandelte Frage, welche Lösung im Sinne von nachhaltiger Entwicklung eigentlich die beste ist. Der nichtfossile Brennstoff ohne Feinstaubbelastung ist Methangas aus Klär- und Biogasanlagen. Er beseitigt klimaschädliches Methangas, dass im übrigen ein vielfaches klimawirksam ist als CO2, ist regenerativ und kann in die bestehenden Gasnetze eingespeist werden, was schon lange gesetzlich geregelt, aber nicht umgesetzt ist.

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