norwegenEin Traum!

Einsame Loipen und endloses Weiß – bei einer Skiwanderung durchs norwegische Rondane-Gebiet vergisst der Langläufer die Welt von Rüdiger Dilloo

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Norwegisch ist eine nette Sprache, wenn wir das hier mal ganz oberflächlich feststellen dürfen. Und norwegische Tourismusprosa ist – niedlich. Hyggelig ferie hat man uns versprochen, und in der Tat, hyggelig ist es überall hier im Rondane-Gebirge mit seinen weiß verschneiten Kuppen, an denen vorbei wir auf Skiern fra hytte til hytte laufen, sport og fritid aufs angenehmste miteinander verbindend, bei günstiger halvpensjon im dobbelrom. Kreativ könnten wir assoziieren: Diese Langlaufferien – langrennferie – machen uns ausgesprochen glykkelig.

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Wenn wir jetzt noch Fjellski hätten, wären wir, um wieder deutsch zu reden, sogar richtig happy. Fjellski sind nicht Skier mit Fellen, so einfach ist Norwegisch nun auch wieder nicht. Fjell heißt Berg, genauer: Land über der Baumgrenze. Hügel, Hochtal, Felsmassiv oder baumlose Hochebene – alles ist fjell. Hier langlaufen heißt, dass es gelegentlich steil und ruppig wird. Manche Loipen werden nur nach neuem Schneefall frisch gespurt, können also, nach einer sonnigen Frostwoche, eisig oder harschig sein. Unsere üblichen schmalen und schnellen, kippligen und kantenlosen Langlaufskier sind dann eher suboptimal. Wer je hier oben bei einer trotz Schneepflug unaufhaltsam schneller werdenden Abfahrt in der Loipe verkrampft dem Ende entgegenzitterte – der wird beim nächsten Mal Fjellski leihen, kaufen oder erbetteln: breite Langlaufskier mit stabiler Führung und Stahlkanten. Für die Troll-Loipe, auf der wir uns befinden, sind Fjellski sehr ratsam. Die Troll-Loipe ist 170 Kilometer lang. Sie zieht sich vom Rondane-Gebirge bis Lillehammer. Sie ist wunderschön. Manchmal umwerfend.

Zur Begrüßung hat Peer Gynt einen Schneehasen geschickt

Borghild Krossli hat Fjellski, selbstverständlich. Borghild Krossli führt Langlaufwanderer durchs Rondane-Gebiet; im Tal drunten, in Lillehammer, betreibt sie ein kleines, auf Sport spezialisiertes Reisebüro. Sie ist 45 und erinnert uns mit ihrer kompakten Naturfrische an Rosi Mittermaier. Heiter schwingt sich Borghild beim Aufbruch unserer Gruppe den vergleichsweise schweren Rucksack der Anführerin um. Vor uns liegen heute 30 Kilometer, vor unserer Leiterin liegt eine mehrtägige Skiwanderung mit neun ihr in jeder Hinsicht unbekannten Deutschen. Alter ungefähr zwischen 30 und 70. Aber sonst? Kondition? Langlauferfahrung? Kälteresistenz? Sturztoleranz? Quengelfaktor? Borghild hat beschlossen, den ersten Tag bequem angehen zu lassen. Wir quetschen uns in ein seltsames Gefährt im VW-Bus-Design der fünfziger Jahre, halb auf Skiern, halb auf Raupen. Wir werden die ersten ansteigenden, anstrengenden sechs Kilometer vom Hotel hinauf ins Fjell im Auto zurücklegen.

Im netten Norwegisch besteht man darauf, Hotel mit zwei l zu schreiben und o, wenn es wie ö lauten soll, mit einem Schrägstrich. Das Høgfjellshotell, wo wir uns gestern Abend zusammengefunden haben, liegt in Høvringen. Høvringen liegt 300 Kilometer nördlich von Oslo, 100 Kilometer nördlich von Lillehammer, der Olympiastadt von 1994, hoch über dem Gudbrandstal. Das fruchtbare Gudbrandstal gilt als Norwegens Kulturtal. Jahrhundertelang hat hier eine wohlhabende Bauernschaft Musikanten, Maler und Dichter hervorgebracht, und seit dem Welterfolg von Sigrid Undsets Roman Kristin Lavranstochter suchen Touristen gern – wie in der Schweiz nach der Heidi – die Spuren des hier angesiedelten fiktiven Bauernmädels. Man kommt ihnen mit einem "mittelalterlichen Kristin-Dorf" entgegen. Heute führt durchs Gudbrandstal Norwegens wichtigste Süd-Nord-Straße von Oslo nach Trondheim. Tankstellen, Supermärkte, Kleinindustrie; es ist wie im winterlichen Inntal oder Walliser Rhonetal: Hauptverkehrsadern durchs Gebirge wirken im Winter besonders schmutzig. Wir waren froh, als endlich beim Ort Sel das Nebensträßchen abzweigte. Serpentinen führten vom Tal 8 Kilometer und 600 Höhenmeter hinauf nach Høvringen, der Wald wurde dünner, bei 800 Metern war die Baumgrenze erreicht, vor uns öffnete sich die hügelige Hochebene im schneehellen Nachtlicht. Und was war das für ein schneeweißes Tier, das vor den Scheinwerfern über die schneeweiße Straße hoppelte? Perfekt. Ein Schneehase zur Begrüßung.

Das Høgfjellshotell ist typisch für alle, die wir bei dieser Skiwanderung kennen lernen sollten: sehr gemütlich und familiär, mit schönen Aufenthaltsräumen, aber eher einfachen Zimmern, mit großzügigen Sessellandschaften um Kaminfeuer herum, aber ohne eigenen Fernseher, mit perfekt eingerichteten Ski- und Wachswerkstätten, aber – teilweise – herausfordernd schmalen Herbergsbetten. Man spürt den lokalgeschichtlichen Hintergrund: Viele Hotels im Rondane-Gebiet haben sich aus schlichten Almhütten oder Sommerhäusern entwickelt; bis in die sechziger Jahre trieben die Bauern ihr Vieh aus dem Gudbrandstal hierherauf zu den Bergweiden. Rucksackwanderer kamen schon Ende des 19. Jahrhunderts, und diese Tradition pflegen selbst die Großhotels noch heute: Zielgruppe im Winterbetrieb sind nicht Party-People, die es auf Ski- und Tanzpiste krachen lassen wollen, sondern wandernde Langlauffamilien, Natur- und Ruhegenießer.

Leserkommentare
  1. Ein Artikel, der die deutschen Grossstadtcowboys dazu verleiten mag, ihre Rucksäcke zu packen (Schaufel für die Schneehöhle nicht vergessen!) und ihre Skier umzuschnallen auf der Suche nach Ausspannung und Ruhe. Diese findet man wahrlich hier oben - und das ist wohl auch einer der Hauptgründe dafür, dass Deutsche jedes Jahr 6 Mio. Nächte in Norwegen verbringen. So vergisst man auch schnell die Anstrengungen, die eine Skiwanderung mit sich bringt.

    Der Artikel bringt aber auch alle Klischees zum Vorschein, die Deutsche über Norweger kennen: angefangen von der norwegischen Rosi mit dem schwersten Rucksack der ganzen Gruppe bis zum 8-jähringen der langläuft. Letzteres ist nicht verwundelich, wenn man bedenkt, dass hier oben 3-5 Monate im Jahr Schnee liegen und die 2-jähringen schon regelmässig mit Langlaufskiern in den Kindergarten gehen. So sind 15 km für einen 6-jähringen nichts aussergewöhnliches mehr, auch wenn die letzten 5 km mit reichlich Bensin (Schokolade) versüsst werden.

    Die Gegend um Hövringen ist in der Tat sehr schön. Nicht nur dass ich dort selbst zahlreiche Skitouren (Hütte, Zelt, Schneehöhle und Igloo) erlebt habe. Hier haben wir auch vor einigen Jahren meine deutsch-norwegische Hochzeit gefeiert. Trauung in der Kirche von Sel, anschliessend Besichtigung vom Lavransdotter-Hof, und am Abend die eigentliche Feier in Hövringen. Am Tag darauf dann eine Bergwanderung mit Gästen im Alter von 1 bis 86, um auf einem der umliegenden Berge eine "Warde" zu bauen: http://www.wieland.no/pdf... Eine wahre Begegnung von deutsche und norwegischer Kultur ;-))

    • Prach
    • 16. Dezember 2005 21:23 Uhr

    Zwei kleine Anmerkungen: hyggelig = gemütlich, angenehm (wie im Dänischen) und nicht "gebirgig" oder "hügelig", glücklich = lykkelig (ohne "g" am Anfang, ganz ähnlich wie im Englischen lucky bzw. luck - lykke hat wohl denselben Wortstamm).

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