norwegen : Ein Traum!

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Träumer! Da vorn fällt die Loipe kurz, aber steil in eine Senke, was machst du jetzt? Vielleicht 150steile Meter, dann ein Gegenhang, ebenso kurz und steil aufwärts bis zu der Hütte dort, der Schwung trüge einen mühelos fast bis oben. Riskieren? Vernünftig sein? Eine Sekundenentscheidung. Anschub, tief in die Knie und runter. Ja! Manchmal ist es richtig, nicht viel zu denken.

Die Peer-Gynt-Hütte ist aus Schieferplatten aufgeschichtet, grau und gedrungen unter flach geneigtem Schieferdach, ein naturgemäßes Artefakt. Vielleicht ein Dutzend Skiwanderer sitzen davor in der Sonne. Wegweiser an einem Pfosten deuten in alle Richtungen. Peer Gynt? Der Träumer. Der Prahlhans, große Jäger, wilde Rentiere zu Tode reitende Lügenerzähler – hier oben hat sich der Märchensammler Asbjørnsen, ein norwegischer Bruder Grimm, in Steinhütten wie dieser von Jägern und Hirten die Peer-Gynt-Geschichte erzählen lassen, und dann hat Ibsen Peer Gynt und Rondane in die Weltliteratur gereimt.

Weiter und weiter auf der Troll-Loipe, der Gnomenspur, durch den geschichtlich-mythologischen Hallraum, durchs baumlose Weiß, das sich jetzt zu einer Ebene öffnet. Stille wieder. Ssss… singt der Ski, fffüü… pfeift der Atem – keineswegs aus dem letzten Loch. Es geht uns gut. Saugut, trollgut. Wir fliegen, das ist ja richtig Tempo jetzt, das winzige Gefälle dieser Ebene ist fürs Auge nicht erkennbar, aber die Muskeln spüren es und setzen es um in Geschwindigkeit. Ein gedankenfreies Glücksgefühl stellt sich ein, als werde durch dauerhafte Anstrengung der Körper unvergänglich. Doch ganz allmählich wird das Gefälle stärker, die Ebene endet über einem weiten Tal. Drei Kilometer Abfahrt. Mäßig steil geht es hinunter, ein Ski bremst ausgestellt neben der Spur, die ersten Büsche, dann lichter Wald, dann Mysuseter im Talgrund, ein Dörfchen mit einem Lädchen, in dem wir etwas Heißes trinken.

"Jetzt sind es", verkündet Borghild, "noch zwölf Kilometer Loipe bis zum Hotel. Wer möchte laufen, wer will vom Bus abgeholt werden?" Die zwölf Kilometer, meistens ansteigend, werden mühsam, das Tageslicht nimmt ab wie die Kraft, auf harter Waldloipe ein erster Sturz, dann ein zweiter, von wegen Glücksgefühl, von wegen unvergänglich. Die Sauna im Hotel Rondeslottet schenkt neues Wohlgefühl. Zum Abendessen gibt es neun Sorten Fisch. Der Schlaf kommt augenblicklich.

Vom Rondeslottet- laufen wir zum Rondablikk, vom Rondablikk- zum Venabuhotell. Wir begegnen Langläufern, wie wir es selbst sind, aber wir sehen auch ungewohnte Gestalten. Männer mit großem Gepäck, auf dem Weg ins Nirgendwo. Frauen im Geschirr, die Schlitten hinter sich herziehen. Menschen, die sich von Hunden ziehen lassen, direkt, an langen Leinen. Familien mit Zehnjährigen, die scheinbar klaglos weite Strecken laufen. Alte Leute, sehr alte, die sturzfrei abfahren, wo es uns zerlegt. Alle diese Menschen erinnern uns daran, dass Langlaufen in Norwegen – in Skandinavien – nicht bloß Freizeitsport ist, sondern jahrhundertelang die selbstverständliche, sinnvollste Art der Fortbewegung durch weite winterliche Wälder war, dass Nansen Grönland auf Skiern durchquerte, dass der heutige Massenevent Wasa-Lauf in seiner mythenstiftenden Herkunft mit dem Heroismus des ursprünglichen Marathon-Laufs zu vergleichen ist.

Am letzten Tag begegnen wir einem weißbärtigen Mann aus dem Rheinland. Er kommt, seit er in den Sechzigern als Pfadfinder hier war, jeden Winter nach Norwegen. Nirgends sei es so schneesicher, sagt er, und so schön. Er wandert auf Fjellskiern durch die Winterwildnis, allein, von Hütte zu Hütte. Er zieht einen Schlitten. Er hat einen Kompass. Er wirkt sehr glykkelig .

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